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„Das Hass-Posting-Urteil stellt Technikteams vor große Herausforderungen"

DeepOpinion CEO Stefan Engl
© DeepOpinion

Stefan Engl, CEO von DeepOpinion, im Interview mit dem HORIZONT über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz, die Möglichkeiten in Bezug auf das EuGH-Hassposting-Urteil und die Herausforderungen der Branche in Österreich.

Hinweis: Das Interview mit Stefan Engl ist auch Teil eines Artikels über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Medien in der aktuellen Ausgabe des HORIZONT (#43 2019). Noch kein Abo?

 

HORIZONT: Was ist DeepOpinion und auf welchen Säulen ist es aufgebaut?

Stefan Engl: Ganz einfach formuliert: Unsere künstliche Intelligenz findet in Texten jene Themen, welche Menschen beschäftigen und wie sie über diese Themen denken.  Unsere KI findet menschliche Meinungen in Texten und verwandelt so unstrukturierte Texte in strukturierte Meinungsdaten - sogenanntes Opinion Mining. Wertvolle Informationen, die nicht verwertbar in Textform vorliegen, können wir so für viele interessante Anwendungen nutzbar machen. Mittels modernstem Deep Learning ist die KI in der Lage, besonders feingranulare und vor allem themenbasierte Meinungen mit hoher Genauigkeit zu extrahieren und löst damit die klassischen Sentimentanalyse ab. Mit unseren Forschungsergebnissen führen wir in diesem Bereich internationale Benchmarks und einschlägige Leaderboards an. Bisher werden solche Textquellen vielfach noch gar nicht ausgewertet, da man dafür großen manuellen Aufwand betreiben müsste und sich die riesigen Datenmengen auf diesem Weg oft gar nicht bewältigen lassen. Genau hier setzt unsere Lösung an die wir als Web oder On-Premise API mit voller Kontrolle, Datenhoheit und Flexibilität für Kunden anbieten.

 

HORIZONT: Welche konkreten Einsatzgebiete ergeben sich dadurch?

Engl: Mit unserer KI können Kunden detaillierte themenbezogene Meinungen aus nutzergenerierten Texten wie Kundenbewertungen, offenen Textfeldern in Umfragen, Kommentaren oder Emails extrahieren. Mit diesen Meinungsdaten kann ausgewertet und sichtbar gemacht werden, über welche Themen mit welcher Stimmungslage gesprochen wurde. Unternehmen können dies nutzen, um Kunden besser zu verstehen oder auch das Nutzungserlebnis zu verbessern, z.B. durch bessere Personalisierung oder eine intelligentere Suchfunktion. Auf dieser Basis können bessere kundenorientierte Entscheidungen getroffen, Kundenzufriedenheit und -nutzen erhöht und so Wettbewerbsvorteile und Wachstum gesichert werden. Der Verbraucher und Nutzer profitiert wiederum durch bessere Produkte, bessere Nutzungserlebnisse, höheren Komfort und maßgeschneiderte Lösungen.

 

HORIZONT: Inwiefern kann Ihre Software auch in Bezug auf das aktuelle EuGH-Urteil zum Thema Hass Posting einen Beitrag leisten?

Engl: Durch unsere intensive Forschungs- und Entwicklungstätigkeit bleiben wir laufend auf dem aktuellsten Stand der Technik im Natural Language Processing, also der computergestützten Verarbeitung von Texten. Obwohl wir nicht direkt am Thema Hass-Postings arbeiten, beschäftigen wir uns dennoch intensiv mit Problemstellungen, die mit den Auswirkungen des Hass-Posting-Urteils in engen Zusammenhang stehen. Lösungen von Herausforderungen, wie das sinnerfassende und kontext-spezifische Finden von Inhalten in Texten und die Verarbeitung von nutzergenerierten Inhalten wie Nutzerkommentaren und Social Media Beiträgen sind dafür zentral und gehören auch zu unseren Spezialgebieten. Mit neuesten Deep Learning Methoden aus der Grundlagenforschung, wie auch wir sie entwickeln und nutzen, sind in diesen Bereichen seit Kurzem Lösungen auf einem ganz neuem Genauigkeits- und Qualitätslevel möglich. Bei einigen ausgewählten Aufgabenstellungen übersteigt das Leistungsvermögen solcher KI-Modelle nun auch das menschliche Niveau, wie es in der automatischen Bildverarbeitung bereits seit Längerem der Fall ist. Automatische Sprachverarbeitung bleibt allerdings weiterhin ein sehr komplexes und noch in weiten Teilen ungelöstes Thema, das auch über die nächsten Jahrzehnte intensive Forschung erfordern wird.

 

HORIZONT: Wann ist eine konkrete Lösung für das EuGH-Urteil in Sicht?

Engl: Das Hass-Postings-Urteil stellt Technikteams in der EU und weltweit zweifellos vor große Herausforderungen, für die es noch keine Lösungen von der Stange gibt. Aktuell lassen sich solche Problemstellungen auch nur durch intensive Forschungstätigkeit, klaren Fokus, ein großartiges Team und vollen Einsatz lösen - das erleben wir täglich in unserer Arbeit. Inwiefern die Anforderungen des Urteils, trotz der fortgeschrittenen technischen Möglichkeiten aus der Grundlagenforschung, daher von allen betroffenen Institutionen erfüllt werden können und in welchem Zeitrahmen bleibt abzuwarten. Es liegt allerdings Nahe, dass sich hier globale Anbieter und Startups immer stärker mit Lösungen positionieren und die Dynamik weiter zunehmen wird.

Beispiel für kontextuelle Themenerkennung durch DeepOpinion.

HORIZONT: Welche Entwicklungen mit Blick auf den Einsatz von Künstlicher Intelligenz sind in Ihrem Bereich in den nächsten 12 Monaten noch zu erwarten?

Engl: In der Grundlagenforschung sind keine fundamentalen Durchbrüche mehr zu erwarten wie in den letzten 12 Monaten, aber in Hinblick auf Anwendungen wird sich sehr viel tun. Die Forschungsergebnisse finden erst mit Zeitverzögerung und entsprechendem Ressourceneinsatz den Weg in die Praxis und es Bedarf hier weitere intensive Begleitung durch Forschung & Entwicklung. Wenn ich mir unsere eigene F&E Agenda ansehe, ist diese mehr als gut gefüllt und wir arbeiten bereits intensiv an den nächsten Generationen unserer Technologie - von uns ist also weiterhin viel zu erwarten. Es ist zu erwarten, dass wir in der Praxis auch immer intelligentere textbasierte Lösungen sehen werden, einerseits als eigenständige Produkte und andererseits integriert in bestehende Software.


HORIZONT:  Von Ihnen wurde auch AI Austria gegründet. Welche Ziele werden damit verfolgt?

Engl: Mit AI Austria möchten wir Österreich zu einer führenden Kraft beim Thema künstliche Intelligenz machen. Jedenfalls arbeiten wir laufend daran, einen wesentlichen Beitrag dazu zu leisten und das Thema KI in Österreich präsenter zu machen. Das heißt konkret, die Community zusammenzubringen, Netzwerke zu schaffen, Sprachrohr für die Community zu sein, Themen und Forderungen zu platzieren und Projekte voran zu treiben. Wir sehen und bearbeiten das Thema KI dabei in der vollen Breite von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten, Forschung und Anwendung, Ausbildung und gesellschaftliche Bildung, Experten- und öffentlicher Diskurs, rechtlichen und ethisch-moralischen Rahmenbedingungen, Themen wie Transparenz, Privatsphäre und Datenschutz bis hin zu Anwendungen und Betrachtungen in der Kunst.

 

HORIZONT: Was müsste sich an den Rahmenbedingungen in Österreich ändern, damit KI-StartUps besser arbeiten können?

Engl: Grundsätzlich sind hier ähnliche Themen zu nennen, die generell für Startups und andere Unternehmen gelten, also bessere Rahmenbedingungen für Risikokapital (z.B. steuerliche Absetzbarkeit von Verlusten), Verbesserungen bei der Unternehmensgründung (z.B. digitale Gründung oder eine haftungsbeschränkte Rechtsform mit geringem Stammkapital ähnlich UG in Deutschland oder Limited in UK), Bürokratieabbau und digitale Amtswege, bessere Möglichkeiten der Mitarbeiterbeteiligung am Unternehmenserfolg und verbesserte Zuwanderungsbedingungen für Fachkräfte. Gesamtgesellschaftlich sind eine innovationsfreundliche und positive Stimmung gegenüber Unternehmertum und zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmern wichtige Grundlagen.

 

HORIZONT: Wie sieht es mit Fachkräften in Österreich in diesem Gebiet aus?

Engl: Für Startups und andere Unternehmen im KI-Bereich sind besonders auch die lokale Ausbildung von einschlägigen Fachkräften, z.B. Machine Learning Engineers und Data Scientists, aber auch fachübergreifende Ausbildungen z.B. mit Medizin, Physik, Biologie, Chemie, Recht und Management wichtig. Weiter sind auch starke Forschungsstandorte für Grundlagen- und angewandte Forschung auf internationalem top Niveau und Netzwerk zentral für das KI-Ökosystem. Ein so zentrales Zukunftsthema wie KI, man kann hier salopp von der "Automatisierung von Intelligenz" sprechen, die alle Bereiche unseres Lebens erfassen wird, braucht eine nationale Strategie und Anstrengung, um hier im internationalen Spitzenfeld mitspielen zu können, in der Forschung, Wertschöpfung, aber auch im Schaffen von Regeln und Normen für unsere Zukunft.

Danke für das Gespräch!

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