Horizont Newsletter

TV-Streaming: Angebotswelle rollt auf Europa zu

Der Streamingmarkt wird aber noch stärker in Bewegung geraten, wenn sich zu Netflix und Amazon Prime auch Disney+ und Apple TV gesellen.
© APA/dpa

Die Streamingkonkurrenz aus den USA lässt Europas TV-Player aufeinander zugehen. Bis sie sich treffen, sind indes einige Hürden zu überwinden.

 

Dieser Artikel erschien auch in der Ausgabe 39/2019 des HORIZONT zu den Österreichischen Medientagen. Noch kein Abo? Hier klicken.

In Frankreich haben sich die großen TV-Player mit Salto bereits zusammengeschlossen: Das öffentlich-rechtliche France Télévisions, der private Marktführer TF1 (Bouygues) und M6 (RTL Group) haben ihren gemeinsamen Feind erkannt: Netflix ist in Frankreich bereits größer als der bisherige Pay-TV-König Canal+. 

Streaming läuft – in Frankreich wie in Österreich, in ganz Europa und weltweit. In Österreich führt laut RTR-Bewegtbild-Studie bei den kostenpflichtigen Videoportalen Amazon Prime Video mit 29,9 Prozent Nutzung vor Netflix (21,3 Prozent).
Bei den Mediatheken der TV-Sender liegt die TVthek des ORF mit 43,5 Prozent vor jener des ZDF (15,8 Prozent). Und die Prognosen lassen noch viel erwarten. Laut dem „Digital Market Outlook“ von Statista liegt der Anteil der SVoD-Nutzer in Europa bei knapp unter 20 Prozent. Da gibt es noch reichlich Luft nach oben.

„Die Situation der privaten Medien in Österreich hat sich – wie befürchtet – verschärft“, sagt Corinna Drumm vom Verband der Österreichischen Privatsender (VÖP) gegenüber HORIZONT. Auf der einen Seite stehe der ORF, der sich ungebremst zu einem gebührenfinanzierten, aber über weite Strecken kommerziellen Medienanbieter entwickle. Auf der anderen Seite würden Österreichs Medien von US-Streamingriesen bedrängt, die immer mächtiger werden. Der ORF konterte in Person von Generaldirektor Alexander Wrabetz dieser Kritik kürzlich deutlich und forderte wiederum die Umsetzung eines „Digitalpakets“ für den ORF.

Auch Riesen haben ihre Sorgen

Der Streamingmarkt wird aber noch stärker in Bewegung geraten, wenn sich zu Netflix und Amazon Prime auch Disney+ und Apple TV gesellen. Und, schon längst keine News mehr: Auch Sky hat sich mit dem Streamingdienst Sky X den veränderten Wettbewerbsbedingungen angepasst. Der englische Streamingdienst Dazn ist zudem inzwischen auch auf den deutschsprachigen Märkten ernstzunehmender Mitbewerber um verlockende Sportrechte. 

Zumindest haben US-Anbieter auch ihre Sorgen: Was bisher an Disney-Produktionen auf Netflix und Amazon zu sehen war, wandert nun zurück zu Disney: ein Rückschlag für die Marktführer, den auch die Nutzer bemerken werden. Nach der Übernahme von 21st Century Fox im letzten Jahr erscheint umgekehrt das mögliche Programm von Disney+ geradezu unermesslich. 

Um fremde Inhalte muss sich Apple dagegen keine Sorgen machen, verfügbar sind ausschließlich Eigenproduktionen. Apple greift auch die klassischen Broadcaster auf deren eigenem Terrain an, etwa mit journalistischen Formaten wie Talkshows, gleich zum Start auf dem US-Markt mit der US-weit bekannten Allzweckwaffe Oprah Winfrey. Investitionen von sechs Milliarden Dollar habe Apple bei den Programminhalten angekündigt, wie die Financial Times berichtet: eine Summe als ­Kampfansage.
Auch der US-Riese NBC, ebenfalls auf den deutschsprachigen Märkten im Pay-TV aktiv, hat angekündigt, in einen eigenen Streamingdienst investieren zu wollen, bis dato ist aber unklar, ob auch mit einem deutschsprachigen Ableger.

RTL und P7S1 rüsten auf

Als Folge fahren auch deutschsprachige TV-Gruppen schwere Geschütze auf, investieren in Plattformen und anspruchsvollere Inhalte, die sie den Zuschauern in vergangenen Jahren oft schuldig blieben. RTL hat seine Mediatheken zu TV Now zusammengeführt, ProSiebenSat.1 setzt zusammen mit Discovery auf die neue Marke Joyn. Die bisher auch in Österreich aktive P7S1-Marke maxdome soll darin aufgehen, ebenso wie im kommenden Jahr das Austria-Label Zappn der Wiener Tochter. Als Start von Joyn Österreich wird die erste Jahreshälfte 2020 angepeilt.
„Die Entwicklung spielt uns in die Hände“, sagt Walter Zinggl vom RTL-Werbevermarkter ­­­IP Österreich gegenüber HORIZONT. „Je mehr dieser Plattformen vom Konsumenten Geld fordern, um Inhalte sehen zu können, desto konsequenter werden auch wieder frei nutzbare Inhalte gesehen.“ Der „Free“-­Aspekt stimmt indes nur bedingt: TV Now hat den kostenpflichtigen Premium-Account schon eingeführt, Joyn arbeitet gerade daran.

Zögerliches Zusammenrücken

Das viel zitierte Zusammenrücken der deutschsprachigen Player gegen die US-Giganten ist bereits in Ansätzen erkennbar. Lange undenkbar gehören ARD/ZDF-Produktionen inzwischen mit zum Standardangebot der RTL-Streamingplattform. Auch die P7S1P4-Plattform Zappn lässt ORF-Angebote auf die Plattform, die deutsche Mutter in Unterföhring wollte bei Joyn die ARD/ZDF-Streams unbedingt an Board haben. 
Von der großen Vision, die ARD-Chef Ulrich Wilhelm im letzten Jahr auf den Österreichischen Medientagen verkündete – nämlich ein gesamteuropäisches Netzwerk als Antwort an die USA zu schaffen – sind die Akteure aber noch meilenweit entfernt. Selbst auf nationaler Ebene kommt, abgesehen von der Integration einzelner Inhalte und Streams, keine echte Kooperation zustande, die es etwa mit Netflix aufnehmen könnte. Ob RTL oder P7S1, sie alle bieten zwar großzügig Kooperationen an, aber freilich nur auf der eigenen Plattform, die es auszubauen gelte. Und auch das ZDF bastelt lieber an eigenen Diensten, als konkret auf ARD-Vorschläge einzugehen. Und in Österreich? „Mit Zappn bieten wir die inzwischen größte Streamingplattform Österreichs. Diese haben wir auch für unsere Mitbewerber am Markt geöffnet, weitere sind eingeladen. Unser Ziel sind 50 Channel im Free-TV“, sagt Puls-4-Chef Markus Breitenecker im HORIZONT-Gespräch. Auch Zinggl wünscht sich mehr Zusammenrücken: „Wenn wir unsere österreichischen Schrebergartenzäune nicht bald niederbrechen, dann werden wir im Kampf gegen die internationalen Streamingkonzerne schwerwiegende Fehler machen.“

Doch die Praxis hinter den schönen Worten sieht anders aus. Auch die RTL-Gruppe sei eingeladen, bei Zappn mitzumachen, so Breitenecker. „Die Entscheidung liegt allerdings bei RTL.“ RTL denkt jedoch nicht daran, sondern ist mit dem Ausbau von TV Now auch in Österreich beschäftigt. Der ORF setzt inzwischen auf einen eigenen ORF-Player, die Privaten lehnen das strikt ab.

Eine „echte Kooperation“ wie bei Salto oder der neuen pan-britischen BritBox könne er sich für Österreich kaum vorstellen, meint Zinggl, eher eine Vermarktungsgemeinschaft von RTL und P7S1 für Addressable TV nach deutschem Vorbild.
Zurück nach Frankreich, wo nun auch sichtbar wird, wie stark der Druck vor allem auf den Pay-TV-Sendern lastet. Für die ist auch das Projekt Salto eine neue und schwere Konkurrenz. Zeit für neue Partnerschaften also: So kündigt Canal+ eine Kooperation an, ausgerechnet mit Netflix. Sky-Zuschauer kennen das schon. Dabei wird es nicht bleiben. Gespräche zwischen Canal+ und Disney+, so weiß Reuters zu berichten, sollen folgen. (Danilo Höpfner)

Das könnte Sie auch interessieren