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Roger McNamee, Gandhi und ein Vorschlag an Mark Zuckerberg

© Johannes Brunnbauer

Nicht an Spitzen gegen seine eigene Branche missen lassen hat es Roger McNamee bei seiner Keynote auf den Österreichischen Medientagen 2019. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg legte er ein radikales Umdenken seiner Geschäftsmodelle nahe - damit könne er zu einem zweiten Gandhi werden, so McNamee, der sich nach seiner Keynote auch den Fragen von Nadja Bernhard stellte.

Roger McNamee ist seit Jahrzehnten Silicon-Valley-Insider und wurde über die Jahre zu einem der schärfsten Kritiker digitaler Geschäftspraktiken. In seiner Keynote lud er das Publikum zu Beginn zu einem "Gedankenexperiment" ein, das "heute Diskussion und den Dialog anregen soll“. In dem Experiment entwarf er eine Quasi-Parallelwelt, in der digitale Riesen ihr Geschäftsmodell zum Wohl der Menschheit einsetzen, was Zuckerberg den besagten Gandhi-Status einbrächte. Aus McNamees Sicht ist die Digitalbranche irgendwann gleichermaßen falsch abgebogen, von jenem Pfad, auf dem sie sich noch zum Beginn seiner eigenen Karriere 1982 befunden hatte, „als der Personal Computer noch keine Industrie war, sondern Unternehmen im Silicon Valley sich mit der Raumfahrt beschäftigten.“

In seinen Erinnerungen wäre er zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen, und hat Venture Capital Unternehmen gegründet, hat zu der Zeit auch in Netscape, Google und andere Tech-Unternehmen investiert. McNamees Leben nahm im Alter von 50 Jahren eine wichtige Wendung, als „ich den 22-jährigen Mark Zuckerberg das erste Mal traf.“ Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits die Hälfte seines Lebens im Silicon Valley verbracht. Zuckerberg sei „freundlich, engagiert, aufmerksam" gewesen "und wandte sich mit einem Problem an mich.“ McNamee konnte ihm helfen und wurde daraufhin „drei Jahre lang sein Mentor.“

Als Facebook vom Pfad abkam

Eines der wichtigsten Ereignisse in seiner Rolle als Zuckerbergs Mentor sei es gewesen, ihm die inzwischen schon elf Jahre als Facebooks Co-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg vorzustellen, sagt er heute. Er sei sein "Leben lang ein Tech-Optimist" gewesen, im Jänner 2016 habe er jedoch gemerkt, dass “Facebook den ursprünglichen Pfad verlassen” habe. Alles in allem sei er „peinlich berührt, dass ich so lange gebraucht habe, das zu realisieren.” Für ihn haben Dinge, die Facebook gut macht, auch das negative herausgebracht, wie das Business Modell, das Algorithmen dazu befähige, „schlechten Menschen eine Gelegenheit zu geben, unschuldigen Menschen zu schaden.“ Es gebe da zwei Seiten der Medaille, einerseits mache Facebook Marketer erfolgreich, andererseits kann es“ auch ein Tool sein, die Demokratie zu untergraben“, sagt er.  

Er habe nur kurz vor der damaligen US-Wahl Zuckerberg und Sandberg angefleht, "etwas gegen diese Entwicklungen zu unternehmen“, sei jedoch auf taube Ohren gestoßen, so McNamee. So sei er wenig später eines Tages "aufgewacht und von einem Tech-Optimisten zu einem der größten Kritiker geworden". Die Werte des Silicon Valley verwandelten sich zusehends in “User, die nicht länger das Produkt, sondern der Treibstoff dieser Unternehmen sind, was in den Kapitalismus der Überwachung mündet". Neben Facebook sieht McNamee vor allem in Google ein weiteres Beispiel. Das Unternehmen habe 2001 scharfsichtig erkannt, dass die Welt voll von herrenlosen Daten sei, und damit einen Schwenk der Wirtschaft "von Öl zu Daten" begründet.

Digitale Voodoo-Puppen

Inzwischen sei auf Datenebene beinahe ein komplettes digitales Abbild von Menschen entstanden, so McNamee: Von jedem existiere gleichsam eine eigene "Daten-Voodoo-Puppe".Beinahe bei jeder Form der digitalen Kommunikation zeichne man selbst ein "hochauflösendes Bild" der eigenen Person für Google, und das Unternehmen gehe den Weg weg vom Verstehen von Personen hin dazu, sie zu steuern - indem das Verhalten vorhergesagt werde. Inzwischen könne Google mit 90-prozentiger Genauigkeit aufgrund des Verhaltens im Web von Frauen etwa sagen, ob diese schwanger seien. "Das ist wirklich gruselig."

McNamee sieht die Gesellschaft im "Überwachungskapitalismus" angelangt und führt dabei etwa auch Amazon ins Treffen, vor allem aber auch Googles "Glass"-Projekt, bei dem auch über Gesichtserkennung die Stimmung des Datenbrillenträgers erfasst werden sollte - schließlich seien Menschen in betrübter Stimmung weit ansprechbarer für Kaufreize. Im Hintergrund stehe bei allen Digitalriesen, dass man menschliches Verhalten effizienter machen müsse. Aber gerade menschliche Entscheidungsfindung und Demokratie seien gezwungenermaßen "ineffizient", so McNamee, der dabei gerade Europa im Vorteil sah: Hier gebe es andere Werte, auch sei die Gesellschaft nicht so sehr von Angst dominiert wie die USA seit 9/11.

McNamee appellierte auch an anwesende Markteter und Kommunikationstreibende, sich gegen die US-Digitalriesen aufzulehnen: Immerhin reduziere Amazon jedes Produkt nur auf die Frage von Verfügbarkeit und Preis, "und welche Marke will schon nur darauf reduziert werden?" Ohnehin, so McNamee scherzhaft zum Abschluss, seien nun alle Anwesenden im Visier von Google und Facebook: "Die wissen, dass wir heute hier zusammen waren - wir sind also Teil des Widerstands".

Hoffnungen in Europa

Eine Q&A-Session mit ORF-Moderatorin Nadja Bernhard im Anschluss an die Keynote bot noch die Möglichkeit, bei einigen Themen in die Tiefe zu gehen, etwa der Person Mark Zuckerbergs. Er fühle sich immer noch als dessen Mentor, sagte McNamee - nur dass Zuckerberg darauf nicht eingehe, "obwohl er jetzt natürlich zuhört". Zuckerberg habe imer noch die Chance zum Helden zu werden: Er brauche nicht weitere 20 Millionen Dollar und müsse nicht dasselbe machen wie Google und Amazon.Man müsse Zuckerberg jedoch gewissen Respekt dafür zollen, wie er bisher jegliche Regulierungsversuche der Politik abgewehrt habe.In diesem Zusammenhang solle vor allem Europa stärker auftreten, forderte McNamee.

Um sich gegen die Macht der Digitalriesen aufzulehnen, sei Europa der richtige Ausgangspunkt, so McNamee - auch mit Hinweis auf den Einfluss Russlands auf Soziale Netzwerke, der vielleicht geringer wäre, wenn man früher damit begonnen hätte. Auf Bernhards Frage, ob es dafür nicht vielleicht schon zu spät sei, hatte McNamee eine klare Antwort: "Es ist unsere Aufgabe, zuzusehen, dass es nicht zu spät ist."

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