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Nationalratswahl: Zwischen Schnappatmung, Storytelling und Frames

Die Kommunikations- und Verhaltens-Profilerin Tatjana Lackner gründete vor 25 Jahren die Schule des Sprechens.
© Die Schule des Sprechens

Sprachexpertin Tatjana Lackner analysiert die Wahlkampf-Rhetorik der Spitzenkandidaten.

"Die intensive Behandlung des Wahlkampfs im Fernsehen, stellt die Kandidatinnen und Kandidaten vor hohe rhetorische Herausforderungen. ÖVP, NEOS und Grüne scheinen aktuell den Ton gut zu treffen, während manche Kandidaten noch Luft nach oben hätten, um sich durch gute Sprache Gehör und damit Stimmen zu verschaffen", so Lackners Fazit.

ÖVP-Spitzenkandidat Sebastian Kurz attestiert Lackner ein unaufgeregtes Sprachmuster aus dem höflichen Erwachsenen-Ich, das mit Storytelling und Frames arbeitet. Zu seinen Kernaussagen zähle, was die Bürger wollen. Und: "Dazu verwendet er gute Paraphrasen und Anaphern. Er kann mit seiner Ursachen- und Wirkungsrhetorik punkten".

Im Gegensatz zu Kurz spreche Pamela Rendi-Wagner (SPÖ) aus einem bevormundenden und warnenden Eltern-Ich. "Sie verwendet überwiegend Stehsätze und Beteuerungsvokabel in einer bildleeren Sprache. In ihrem Bestreben, nachdrücklich zu argumentieren, erinnert sie an einen mahnenden Lehrer-Typus. So zählen Formulierungen wie 'ganz, ganz viel' oder 'wirklich wichtig' zu ihrem rhetorischen Repertoire", führt Lackner aus.

Befremdliches Denglish gegen steirische Authentizität

Die Rhetorik des FPÖ-Spitzenkandidaten Norbert Hofer kommt laut Lackner aus dem angepassten Kinder-Ich. Hofer spreche meist ruhig und sanft, bilde einfache Hauptsätze und selten Redefiguren. "Sein Denglish (Mischung aus Deutsch und Englisch) mutet häufig befremdlich und nicht authentisch an. Als Verharmloser spricht er die Befindlichkeiten des Gesprächspartners gewieft an und zeigt sich gerne als nettes Gegenüber. Sätze wie 'Herr Doktor, Sie sind heute so böse' zählen zu seinem üblichen Sprachmuster und sollen seine Rolle untermauern", analysiert die Kommunikations-Profilerin.

Paradoxe Interventionen und 'flotte Sager' lassen den Spitzenkandidaten der Grünen, Werner Kogler, für Lackner witzig erscheinen. So sagt Kogler etwa über den Wahlerfolg der Grünen: "Das war das größte Comeback seit Lazarus". Dabei spreche er aus dem trotzigen Kinder-Ich und wirke durch seine steirischen Dialekteinflüsse authentisch. Lackner weiter: "Manchmal nuschelt er leicht und es passieren ihm 'Ähhs', dennoch wirkt er volksnah. Symphytisch wirkt, dass er politische Mitbewerber gelegentlich lobt".

Von keck zu verkürzend

NEOS-Frontfrau Beate Meinl-Reisinger bewege sich sprachlich zwischen dem zurechtweisenden Eltern-Ich und dem kecken Kinder-Ich. Durch ihren Chiasmus (kreuzweise Anordnung von entgegengesetzten Teilsätzen in Parallelsätzen) hebe sie Antithesen hervor und mache Formulierungen prägnanter.

Jetzt-Spitzenkandidatin Maria Stern dagegen neigt für Lackner zu verkürzten und moralisierenden Stehsätzen. Und: Rhetorisch wirke Sterns "weinerlicher Rededuktus oft unbeholfen".

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