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Die Verkettung der Welt

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Die Technologie gilt als 'revolutionär', oft gar als neues Internet. Was die Blockchain tatsächlich kann und was nicht – und wo intensiv konkrete Anwendungen entstehen.

Dieser Artikel erschien zuerst in update #2/2019, dem Digitalmagazin des HORIZONT. Noch kein Abo? Hier klicken!

Die „Blockchain“ geistert schon mehrere Jahre durch die Medienwelt. Wenn von dieser Technologie die Rede ist, dann fällt schnell das Adjektiv „revolutionär“. Dieses hat freilich schon viele andere Technologien geschmückt, die dann wieder in der Schublade der Geschichte verschwunden sind. Bei der Blockchain ist das anders: Ihre bis dato wichtigste Anwendung – die Kryptowährung Bitcoin – hat einen rasanten Aufstieg und im Jahr 2018 einen beispiellosen Crash ­erlebt. Doch die Stimmen, die der Blockchain etwas Revolutionäres attestieren, wollen auch jetzt nicht verstummen. Die Argumente sind deutlich, wie etwa Michael Schramm, Leiter des Blockchain Kompetenzzentrums für Österreich, Deutschland und die Schweiz des Beratungsunternehmens EY, erklärt: „Das Revolutionäre dabei ist konkret, dass Transaktionen zwischen gleichberechtigten Parteien auf einer neutralen Plattform gewährleistet werden, die von keinem der Teilnehmer kontrolliert wird beziehungsweise werden muss.“ Es benötigt daher keine zentrale Organisation zur Abwicklung von Geschäften, der alle vertrauen müssen. Schramm ergänzt: „Das ermöglicht gänzlich neue Geschäfts­modelle und Arten der Zusammenarbeit zwischen Firmen oder Organisationen, die keine explizite Vertrauensbasis ­haben oder haben wollen.“ 

Revolutionär wie das Web

Der Leiter des Forschungsinstituts für Kryptoökonomie an der WU Wien sowie des Austrian Blockchain Centers (ABC), Alfred Taudes, bezeichnet die Blockchain als vielseitig einsetzbares Kommunika­tionsprotokoll zum Transfer von Werten. Zur Erläuterung: Das ABC ist das weltweit größte Kompetenzzentrum für die wissenschaftliche Weiterentwicklung Blockchain-basierter Anwendungen, an dem sowohl wissenschaftliche Einrichtungen als auch Unternehmen beteiligt sind und das über die FFG gefördert wird (siehe auch Seite 24). Taudes ist überzeugt davon, dass die Blockchain eine ähnliche Wirkung entfalten könne wie das klassische Internet, das bei seiner Einführung die Verbreitung von Information revolutioniert hat. Er betont: „Durch die Blockchain werden gänzlich neue Organisationsformen von Intermediären, Plattformen, Lieferketten und E-Government möglich.“ Man habe gerade erst ­begonnen, diese neuen Möglichkeiten zu testen. „Kryptowährungen sind für die Blockchain so ähnlich wie E-Mail für das klassische Internet: eine erste Anwendung, aber bei Weitem nicht das Ende der Fahnenstange“, erläutert Taudes.

Kampf dem Papierkrieg

Taudes hat auch eine sehr gute Übersicht darüber, welche Branchen sich im ­D-A-CH-Raum konkret für die neue Technologie interessieren. Denn: „Eines der ersten Ergebnisse der Arbeit im ABC war die Erhebung der Interessenlagen der Mitglieder“, sagt der Leiter des Kompetenzzentrums. An erster Stelle stünden die ­Finanzdienstleister, die mit der Technologie den Aufwand für die Erfüllung der Compliance-Anforderungen senken wollen. „Hier ist die Zusammenarbeit mit dem öffentlichen Sektor sehr wichtig, da mittels Blockchain der Papierkrieg bei der Eröffnung von Konten durch kontrollierten direkten Zugriff auf die staatlichen Register reduziert werden kann“, ergänzt Taudes. Ähnliche Herausforderungen haben klassische Unternehmen auch: „Hier besteht die Möglichkeit, dass der Kunde selbst seine persönlichen Daten auf der Blockchain verwaltet und freigibt.“ Diese auch als Self-Sovereign Identity (SSI) bezeichnete Alternative ist so ziemlich das Gegenteil vom derzeit üblichen zentralen Serveransatz, durch den personenbezogene Daten zigfach auf fremdkontrollierten Servern verteilt sind. „Ein zweiter im D-A-CH-Raum sehr wichtiger Bereich ist das Supply-Chain-Management. Durch die Blockchain kann Transparenz der Vorgänge und Authentizität der Waren hergestellt werden“, erläutert Taudes. Er nennt auch noch die Gaming- und die Energiebranche, die sich für die Blockchain interessieren. Letztere, weil sie vor der Herausforderung steht, Peer-to-Peer-Energiehandel in Communitys umzusetzen.

Geschützte Privatsphäre

Großes Potenzial für die Blockchain sieht Andreas Freitag, Blockchain Lead von Accenture Österreich, im öffentlichen Bereich: „Alle Prozesse der Verwaltung werden über kurz oder lang digitalisiert. Das birgt neben Effizienzsteigerungen und Bequemlichkeit auch hohe Risiken für den Bürger und seine Privatsphäre.“ Mit herkömmlichen Methoden sei es momentan nicht möglich, die Eigenschaften eines physischen Dokuments, wie etwa eines Führerscheins, in eine ­digitale Lösung zu übertragen. „Blockchain-Technologie als wesentlicher Bestandteil von dezentralen digitalen Identitäten kann dazu beitragen, unsere Privatsphäre zu schützen und die Vorteile der physischen Welt in die digitale Welt zu transferieren“, meint der Blockchain-Experte von Accenture. Mit der Blockchain wäre es möglich, alle Arten von Registern und Daten abzusichern. Anwendungsfälle, wie etwa die Beweis­mittelsicherung, sieht er auch im Bereich der Justiz und Exekutive. Im Steuerbereich wiederum könne die Blockchain helfen, Betrug schwieriger oder sogar unmöglich zu machen. „Das Thema E-Voting ist hingegen ein sehr schwieriges Thema, da es der breiten Bevölkerung sehr schwer zu vermitteln ist“, glaubt Freitag nicht daran, dass die klassische Papierwahl so schnell abgelöst wird.

Schnelle Prozesse

Auf weitere Anwendungsfelder angesprochen, fällt dem Experten der ­Finanzbereich ein. Dort werden Börsen entstehen, die auf Distributed-Ledger-­Technologien (DLT) basieren und die ­Assets und Cash in Token abbilden, ist Freitag überzeugt. Zur Erläuterung: Ein Distributed Ledger ist eine verteilte Datenbank, die alle Transaktionen verfolgt, die in einem Blockchain-Netzwerk getätigt werden. Ein Token wiederum ist die digitale Darstellung eines Vermögenswertes auf einem bestimmten Ledger. Ein Token kann jedoch mehr als ein digitales Zahlungsmittel (wie etwa Bitcoin) darstellen, wie beispielsweise Eigentums­anteile, Stimmrechte, Anleihen et cetera, und hat damit eine breitere Funktionalität. „Im Trade Finance entstehen gerade viele Konsortien, die auf DLT aufbauen“, ergänzt Freitag. Dies führe zu einer massiven Vereinfachung und Beschleunigung von Handelsprozessen. Als weiteren Bereich aus der Finanzwelt, für den die Blockchain Nutzen stiften könnte, nennt Freitag das Thema Central Bank Digital Cash: „Auf der ganzen Welt beschäftigen sich Zentralbanken mit der Technologie und testen, wie sie diese für ihr Geldmanagement einsetzen können.“ Bis dies tatsächlich so weit ist, werde es aber noch eine Weile dauern, glaubt der Blockchain-Experte. Handel, Logistik, Supply Chain und Automotive – das sind laut Schramm von EY, jene Branchen, die sich ganz besonders für die neue Technologie interessieren. „Dort geht es in den Projekten typischerweise um zwei Ziele: Digitalisierung und Automati­sierung von Lieferketten zwischen mehreren Parteien“, präzisiert der Leiter des ­EY Blockchain Kompetenzzentrums. Zweites großes Thema würde die Nachvollziehbarkeit von Abläufen sein, wie etwa Herkunftsnachweise oder Echtheitszertifikate.

Betriebe testen 

Das Thema Blockchain ist Schramm zufolge schon in der heimischen Wirtschaft und Gesellschaft angekommen: „Alle wesentlichen Firmen sind sich der Blockchain und deren Potenzial bewusst. Wir arbeiten mit sehr vielen Firmen zusammen, die grundsätzlich Potenzial in der Blockchain erkennen und im Moment dabei sind, ihre konkreten Use Cases zu identifizieren und zu pilotieren.“ In den seltensten Fällen wären die Firmen schon in einer produktiven Phase, meistens gehe es noch um die Evaluierung der Technologie. Schramm glaubt, dass Österreich einen guten Start im Bereich Blockchain hingelegt hat. „Wenn man sich die bereits heute existierenden Blockchain-Projekte ansieht, dann haben wir in Österreich deutlich mehr ­Piloten am Boden als in Deutschland oder der Schweiz.“ Allerdings: Piloten müssen eben auch fliegen lernen.

Story von Rainer Seebacher

Infobox: 

Wie 'Stille Post' die Blockchain veranschaulicht

Viele haben von der Technologie gehört, doch nicht alle verstehen, wie die Blockchain eigentlich funktioniert. Anhand des beliebten Gesellschaftsspiels lässt sich das Prinzip erklären: 

Vielen kommt der Anglizismus Blockchain kryptisch vor. Schiebt man technologische Fachbegriffe einmal beiseite, so lässt sich ihr Wesen anhand des populären Spiels „­Stille Post“ erklären. Dabei denkt sich der erste Spieler ein Wort oder einen Satz aus und flüstert sie in das Ohr des nächsten. Dieser macht das Gleiche bei seinem Nachbarn. So geht es reihum, bis der letzte Mitspieler an der Reihe ist. Der spricht dann laut aus, was er gehört hat. Fast immer handelt es sich dabei um einen völlig anderen Ausdruck oder Satz als jenen, den sich der erste Spieler ausgedacht hat. Das ist ­vielleicht unterhaltsam, um verlässlich unverfälschte Informationen zwischen Personen zu übermitteln, die nicht direkt in Kontakt stehen, eignet sich „Stille Post“ jedoch eher nicht. Dafür nutzen wir derzeit ein anderes System, das bei unserem Beispiel so funktionieren würde: Der erste Spieler flüstert einem neutralen Mittelsmann seine Information ins Ohr. Bei diesem Informationsträger kann der letzte Mitspieler überprüfen, ob die Information, die über die Kette der anderen Mitspieler zu ihm gelangt ist, ­tatsächlich stimmt. Das funktionieren aber nur, wenn die Mitspieler diesem Mittelsmann vertrauen. Die Rolle solcher Mittler nehmen im echten Leben Makler, Notare, Banken oder Regierungen ein. Doch zurück zu unserem Gesellschaftsspiel: Würde man „Stille Post“ nach den Regeln der Blockchain spielen, dann würde der erste Spieler seine Information nicht flüstern, sondern so laut schreien, dass es wirklich alle anderen hören. Damit wird jeder Mitspieler zum Informationsträger und kann sozusagen als Zeuge dienen, falls Zweifel auftauchen. Diese Informationen müssen sich die Mitspieler – oder nennen wir sie Teilnehmer einer Blockchain – nicht ­merken. Sie alle sind in einer Art Kassabuch (Ledger) abgelegt. Alle Mitglieder ­haben eine Version davon (deshalb der Ausdruck Distributed Ledger), und jede neue Informa­tion beziehungsweise Transaktion wird dort in Blocks zusammen­gefasst, abgelegt, verschlüsselt und unveränderbar gespeichert.

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