Horizont Newsletter

Es "braucht keine Bosse"

Daniel Sieder, LeadLink - und ehemals Business Unit Manager - bei Ontec, verhehlt nicht, dass die Umstellung für alle Teile der einstmaligen Hierarchie schwierig gewesen sei.
© Ontec

Als erstes größeres heimisches Unternehmen setzt der Softwarespezialist Ontec auf "Holacracy" – eine Organisationsstruktur ganz ohne herkömmliche Hierarchien.

Dieser Artikel ist auch in der Ausgabe 9/2018 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken.

Immerhin rund 60 Mitarbeiter hat die Wiener Softwareschmiede Ontec – und bewegt sich damit durchaus in einer Größenordnung, wo bei anderen Firmen CEO, COO, CFO und noch andere Cs ihres Amtes walten. All das sucht man bei Ontec vergeblich: Die Firma hat sich dem US-Organisationskonzept der „Holacracy“ verschrieben, bei der die Firmenstruktur und die darin zu erledigenden Aufgaben holistisch gedacht werden, soll heißen: weit und breit kein Chef im herkömmlichen Sinn.

Holacracy sei aber „kein System ohne jegliche Hierarchie“, betont Daniel Sieder, vormals Business Unit Manager und nunmehr „LeadLink“,  gegenüber HORIZONT. Ordnung brauche jedoch „keine Bosse“: Es werde „vielmehr die klassische Hierachie der Personen durch eine Hierachie der Arbeit getauscht. Konkret bedeutet dies, dass es keine allmächtigen Manager mehr gibt, die jegliche Entscheidung bei sich zentralisieren, sondern Entscheidungen dort gebündelt werden, wo es die höchste Fachkompetenz für die jeweilige Entscheidung gibt. Manchmal ist das ein ehemaliger Manager, in seiner jeweiligen Rolle – oft jedoch auch jemand, der früher ‚nur Sachbearbeiter‘ war.“

Regeln festlegen und dann kicken

Die Positionen und Aufstellungen im Team ändern sich mit den Aufgaben. Gerade diese Dynamik ermögliche schnelleres, flexibleres und dynamischeres Agieren im Sinne der Kunden und bringe dem Unternehmen so Mehrwert, wird als Grund für die Umstellung auf die „holokratische“ Organisation des Unternehmens angeführt. Ebenso führten die vermehrte Eigenverantwortung und Entscheidungskompetenz der Mitarbeiter zu mehr Produktivität. Damit diese fokussiert bleibt, gibt es zudem klare Spielregeln, etwa für Meetings. Diese werden strikt in strategische „Governance Meetings“ und operative „Tactical Meetings“ unterteilt: In ersteren werden Regeln festgelegt, in zweiteren Projekte erarbeitet.

Es laufe eigentlich nicht viel anders als im Fußball, resümiert Sieder: „Im Tactical Meeting wird dann tatsächlich gekickt, ohne noch viel zu diskutieren, wer wo spielt und wie die Regeln aussehen – je klarer und ausgereifter die Taktik und Rollendefinitonen, desto effizienter und besser das Ergebnis am Ende des Spieles.“ Ein weiterer struktureller Eckpunkt ist die Definition eines „Facilitators“ als Moderator in Meetings. Er unterstützt jene, die neue Wege vorschlagen und damit Spannungen ausgesetzt sind, um auch damit die Innovationskraft hochzuhalten.

Wenn Manager loslassen lernen

Sieder verhehlt nicht, dass die Umstellung für alle Teile der einstmaligen Hierarchie schwierig gewesen sei: „Natürlich war auch der Schritt zur Eigenverantwortung für manch einen irritierend und auch das ‚Loslassen‘ seines Babys für den einen oder anderen Manager ein Problem. Ich hätte diese aber durchaus als wesentlich massiver erwartet, als sie sich dann tatsächlich in der Realität dargestellt haben.“ Auch habe die zeitintensive Phase des Einlernens der neuen Prozesse zu Skepsis geführt – „gerade in der IT ist die Ressource Zeit eine sehr knappe“ –, doch sei das in das Gegenteil umgeschlagen, seit „die Prozesse in die DNA der Organisation übergegangen“ sind.

"Unglaublich effizient"

Sieder empfiehlt Interessierten jedoch jedenfalls, den Prozess gut strukturiert und begleitet zu durchlaufen. Bei Ontec habe das Beratungsunternehmen Dwarfs and Giants diese Aufgabe übernommen. Nach ersten Tests Anfang 2018 habe man im Mai mit der tatsächlichen Umstellung begonnen und diese inzwischen komplett vollzogen. Dass das System tragfähig ist, beweist in den USA etwa bereits der Modeversandhändler Zappos mit 1.500 Mitarbeitern.
Sieder sieht die größte Herausforderung darin, „alle fit und empfänglich für das neue System zu machen“. Wenn das gelinge, sei Holacracy „eine unglaublich effiziente, selbstlernende Organisationsform“, der die Zukunft gehöre,  „aber es benötigt einen echten Wandel in unserem Verhalten und Denken“.

Das könnte Sie auch interessieren