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Künstlich, klug und kraftvoll

schematic of human brain and communication via circuit-board, artificial intelligence
© christian42/AdobeStock

Intelligente Maschinen machen sich in unserem Alltag breit.

Dieser Artikel erschien zuerst in update #4, dem Digitalmagazin des HORIZONT. Noch kein Abo? Hier klicken!

Stellen Sie sich vor, Armin Wolf liest  Ihnen die Nachrichten vor. So weit, so gewöhnlich. Was Sie aber zu dem  Zeitpunkt eventuell nicht wissen: Möglicherweise ist es nicht Armin Wolf persönlich, sondern ein künstlicher Nachrichtenmoderator, der nur so aussieht wie Armin Wolf. Genau das haben vor wenigen Wochen das staatliche chinesische Medienunternehmen Xinhua und eine in Peking ansässige Suchmaschine vorgestellt: zwei durch künstliche Intelligenz programmierte Nachrichtenmoderatoren, die Mandarin und Englisch sprechen und dem echten chinesischen Nachrichtenmoderator Zhang Zhao nachempfunden sind.

Noch erkennt man den Unterschied zwischen echter und künstlicher Stimme, doch Experten sind davon überzeugt, dieses Manko bald in den Griff zu bekommen, denn der virtuelle Moderator lernt selbstständig durch das Ansehen von Videos mit echten Moderatoren ständig dazu. Positiver Nebeneffekt für den Sender: Der künstliche Moderator braucht nie eine Pause und kostet langfristig deutlich weniger als eine echte Person.

Tempo überholt Menschen

Der künstliche Nachrichtenmoderator ist nur ein Beispiel von vielen, wie sich künstliche Intelligenz in unserem Leben ausbreitet und noch weiter ausbreiten wird. Von Medienkonsum, medizinischen Anwendungen, Smart-HomeTechnologien, autonomem Verkehr bis hin zu automatisierten Militärrobotern: KI wird der Gesellschaft künftig viele neue Chancen bieten, aber auch Risiken oder auch Gefahren bescheren. Die Öffentlichkeit scheint bisher darauf nur mangelhaft vorbereitet zu sein, was auch daran liegt, dass das Tempo der Entwicklung so rasant zugenommen hat, dass man heute nicht sagen kann, welche Entwicklung uns in fünf Jahren maßgeblich beeinflussen wird.

"Aus heutiger Sicht ist unsere Gesellschaft nicht aufgeklärt genug, um aus Begrifflichkeiten wie Robotik oder künstliche Intelligenz wirklich konstruktive und abbildbare Zukunftsszenarien abzuleiten“, meint auch Zukunftsforscher Klaus Kofler im Gespräch mit update. "Das zugrunde liegende Dilemma ist dabei aber ein ganz anderes, denn die Geschwindigkeit in dieser technologischen Welt hat derart zugelegt, dass wir heute nicht mehr von linearen, sondern von  exponentiellen Zukunftsentwicklungen sprechen." Zukunft von morgen sei für Kofler keine banale Verlängerung der Gegenwart mehr, wie es lange Zeit galt. "All das bedeutet aber auch, dass wir vor einem generellen Strukturbruch stehen, der industriell-mechanische Prinzipien gegen kreativ-digital basierende Prinzipien austauscht. All das ändert nämlich nicht nur das, was wir tun, sondern auch, wie wir etwas tun. Das alles gilt es verstehen zu lernen, um eine digitale Welt letztlich auch gestalten zu können."

Frage des Verstands

Dass künstliche Intelligenz eine Unzahl an Chancen bietet, daran besteht kein Zweifel. Bereits in den vergangenen Jahren gab es Dutzende Beispiele, die gezeigt haben, dass die Gesellschaft profitieren kann. Ob diese Chancen auch dauerhaft genützt werden können, beantwortet Kofler zwiegespalten: "Diese Frage wird in einem großen Maße darüber entschieden, wie intelligent wir Menschen uns hinsichtlich unseres Verstandes entwickeln werden. Das ist insofern wichtig, weil wir uns dadurch jene Möglichkeitsspielräume eröffnen, die wir für einen grundlegenden Umbau unserer Welt so dringend benötigen würden", so der Zukunftsforscher, der ergänzt: "Verstehen wir, dass diese digitalen Technologien für unsere großen Herausforderungen der Menschheit hilfreich sein könnten, dann haben wir auch die Möglichkeit, unser gesamtes Leben und Arbeiten grundlegend zu verändern." Daraus würde auch die Hoffnung resultieren, dass Menschen die Fähigkeit des Denkens und Entscheidens wieder für sich selbst entdecken und damit solch wichtige Dinge wie Selbstverantwortung und Demokratie wieder gestärkt werden.

Intelligente Pflaster

Allein in der Medizin wird in der Forschung durch künstliche Intelligenz seit Jahren neue Hoffnung geschöpft – und wurden bereits bahnbrechende Erfolge erzielt. Was Wissenschaftler an der University of California in San Francisco (UCSF) zuletzt geschafft haben, könnte in Zukunft etwa Millionen Alzheimerpatienten ein angenehmeres Leben verschaffen: Künstliche Intelligenz kann  bestimmte Stoffwechselveränderungen im Gehirn, die mit dem Ausbruch der Krankheit in Zusammenhang gebracht werden, im Schnitt sechs Jahre früher erkennen, als es Ärzte bisher vermochten. Da es bei dieser Krankheit von besonderer Bedeutung ist, diese möglichst früh zu erkennen, wird das die Behandlung revolutionieren. Die Forscher fütterten den selbstlernenden Deep-Learning-Algorithmus mit mehr als 2.000 Gehirnaufnahmen (PET-Scans) von Patienten mit Alzheimer, in denen Stoffwechselveränderungen zu erkennen waren. Danach ließen die Forscher den Algorithmus Bilder von 40 Patienten analysieren, die das System noch nicht gesehen hatte. Der Bot erreichte danach eine 100-prozentige (!) Erkennungsrate – und zwar eben sechs Jahre früher, als Ärzte es bisher  geschafft haben.

Doch auch im Alltag können sich Personen mit künstlicher Intelligenz medizinisch versorgen: Ein erster Schritt ist bereits vor einigen Jahren mit Wearables erfolgt, die laufend Puls und andere Parameter überprüfen können. Wearables werden dabei längst nicht nur als Armband, Fitnessuhr oder Smartwatch am Körper getragen, sondern auch in Kleidungsstücke eingearbeitet oder als Pflaster direkt auf der Haut befestigt. So können etwa kranke Personen ihren Blutzuckerspiegel messen, ohne sich Blut aus dem Finger holen zu müssen. Die Insulinpumpe ist dann ebenso im Pflaster integriert und kann auf Knopfdruck die entsprechende Menge des  Medikaments injizieren.

Klüger fahren

Autonome Autos werden den Verkehr auf den Straßen revolutionieren: weniger Verkehrstote, Stau und Umweltverschmutzung. Die Statistiken und Daten sprechen eindeutig dafür, dass der Einsatz von KI im Verkehr deutliche Vorteile bringen wird. Fraglich ist jedoch noch das Thema der Haftung, etwa wenn ein Fahrer nicht selbst fährt und es zu einem Unfall kommt. Die Automobilbranche selbst sieht in erster Linie die Systementwickler der künstlichen Intelligenz in der Verantwortung. 41 Prozent der Automobilunternehmen sagen, dass die Softwareanbieter bei Unfällen haften sollten. Nur 19  Prozent sehen hingegen den Auto hersteller in der Pflicht. Jeder fünfte Entscheider in der Automobilbranche (21 Prozent) sieht den Fahrer in der Verantwortung – und dies, obwohl ein autonomes Fahrzeug keinen Fahrer im heutigen Sinne mehr haben wird. Und nur zwölf Prozent sprechen sich dafür aus, dass der Fahrzeughalter haften sollte. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Digitalverbands Bitkom unter Vorstandsmitgliedern und Geschäftsführern von Unternehmen der Automobilindustrie. "Wenn wir die nötige Akzeptanz für autonomes Fahren herstellen wollen, dann müssen wir dafür sorgen, dass niemand für etwas haftet, was er nicht kontrollieren kann", sagt Bitkom-Präsident Achim Berg und ergänzt: "Sicher ist: Mit autonomen Fahrzeugen wird es deutlich weniger Unfälle geben als mit menschlichen Fahrern. Die Haftungsfrage muss schnellstmöglich und verbindlich geklärt werden, damit autonome Fahrzeuge eingesetzt werden können." Die KI-Wissenschaftler Thomas Dietterich und Eric Horvitz benennen etwa fünf Arten von wesentlichen Risiken der KI: Bugs, Cybersecurity, das 'Sorcerer’s Apprentice'-Phänomen, eine geteilte Autonomie sowie mögliche negative sozioökonomische Auswirkungen.

Klingelnde Glühbirne

Das Potenzial der künstlichen Intelligenz hat die Wirtschaft vor allem auch im Bereich des Wohnens erkannt. 'Smart Living' ist einer der großen Trends der vergangenen Jahre. Dabei wird der mediale Fokus oftmals auf die junge Generation gelegt, was zwar durchaus seine Berechtigung hat, jedoch viel zu kurz greift. Klar profitieren technikaffine Hausbesitzer bereits jetzt durch ferngesteuerte Alarmanlagen, Überwachungsgeräte oder die smarte Steuerung von Energieressourcen. Doch auch speziell für das Leben im Alter bietet die künstliche Intelligenz ein enormes Potenzial, vor allem auch deswegen, weil es individuell auf die Bedürfnisse angepasst werden kann. Das Ziel ist klar: der älteren Generation so lange wie möglich ein autonomes Leben in den eigenen vier Wänden ermöglichen. Dies würde so nebenbei auch die enormen Pflegekosten reduzieren, wenn die Technik gewisse Aufgaben übernehmen kann. Beispiele gibt es viele: So hat etwa das Start-up Astro Glühbirnen entwickelt, die auch einen Lautsprecher integriert haben. So könnte zum Beispiel das Klingeln an der Türe, das hörschwache Personen möglicherweise nicht mehr wahrnehmen, an jeder Lampe verstärkt werden. Gleiches gilt auch für ein Notsignal, etwa von einem Brandmelder.

Aber auch Virtual Reality kann für die ältere Generation von Nutzen sein. Statt des Türspions kann das Bild des Gastes vor der Türe auch auf das Smartphone oder das TV-Gerät übertragen werden. Gerade ältere Menschen, die oft Opfer von Trickbetrügern werden, können sich so sicherer fühlen. Oder: Stimmerkennungsalgorithmen helfen mir, am Telefon sicher zu sein, dass am anderen Ende auch wirklich mein Enkel oder meine Nichte spricht.

'Dumme' KI

Auch Medien rüsten sich für die Zukunft und beschäftigen sich in diesem Zusammenhang unweigerlich mit dem Thema KI, wie eben das Beispiel der künstlichen Moderatoren zeigt. In Österreich herrscht eine positive Grundstimmung, aber keine Euphorie. "Wir haben einiges gelernt, was nun in die neue Version des Algorithmus einfließen wird", sagte Gerlinde Hinterleitner, angesprochen auf künstliche Intelligenz im eigenen Verlag, bei den Österreichischen Medientagen. Unter anderem werde die Redaktion den Artikeln mehr Eigenschaften mitgeben, die die KI dann innerhalb ihrer Ausspielungsfaktoren berücksichtigt, "zum Beispiel eine Zahl für die Relevanz, wie aktuell ist der Artikel, soll er sofort online gehen oder erst in den nächsten Stunden", erklärte die derstandard.at-Geschäftsführerin. Traffic sei demnach nicht die einzige relevante Zahl, wollte sie Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen. Geht es um das viel gehypte Thema Chatbots, sieht Hinterleitner "viel Aufwand und wenig Benefit". Gerade in Sachen Kommunikation mit den Lesern sei man wieder zu einer manuellen Bearbeitung übergegangen, auch bei den Forenbeiträgen wurde ein Redakteur als letzte Instanz installiert.

Ähnlich hört sich das auch bei der Funke Mediengruppe an: Stephan Thurm zeigte sich "einigermaßen ernüchtert. Wir setzen diese Technologie nicht so stark ein, wie wir ursprünglich geplant haben." Die Mediengruppe nutzt KI in erster Linie für "bestimmte Nischenthemen, vor allem für Bereiche, die einerseits unwirtschaftlich sind und für die wir andererseits auch niemanden finden, der das journalistisch begleiten möchte." So wurden einige Services ausprobiert und auch einiges wieder eingestampft: "Auch Roboter fressen Strom und Manpower", sagte Thurm klar und gab zu bedenken: "Es geht im Endeffekt um Daten. Wenn man eine gute Datenbasis hat, dann kann man den Roboter gut instruieren." Potenzial für Robotik sieht er vor allem, wenn es darum geht, Journalisten in der Arbeit zu unterstützten, eine Art von "machine supported journalism". Diese Unterstützung sieht er in "Support für Recherche, damit keine Quelle übersehen werden kann, in der Einordnung oder auch, um ‚related‘ Themen zu finden".

Christina Wilfinger von Microsoft warnt jedoch davor, KI als Bedrohung zu sehen: "KI reduziert Arbeitsprozesse, damit sich die Journalisten auf ihre Kernarbeit zurückbesinnen können." Ihre klare Ansage: "KI ohne Redakteure ist dumm. Robotik wird Qualitätsjournalismus wieder in den Vordergrund bringen." Es brauche dafür aber auch allgemeine ethische Regeln im Umgang mit der Technologie, fügte Wilfinger, Specialist Team Unit Lead bei Microsoft Österreich, hinzu. "Man kann bereits in fünf Minuten einen eigenen Chatbot erstellen, es ist der Auftrag an das Bildungswesen, zu zeigen, was damit alles erreicht werden kann." Und Hinterleitner vom Standard ergänzte: "Wir brauchen journalistische Standards, die in Zukunft bei automatisierten Medien – die womöglich eine bestimmte Agenda verfolgen – zum Einsatz kommen. Wir sehen das zum Teil jetzt schon auf  Facebook, wo mit geringem Aufwand durch die Automatisierungen eine bestimmte Beschreibung der Welt suggeriert wird, die nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt."

Ungefragte Veränderung

Das Beispiel des autonomen Fahrens zeigt eindrucksvoll, dass KI oft als Chance oder Risiko gesehen wird. Zukunftsforscher Kofler meint zu den Risiken von künstlicher Intelligenz: "Tatsache ist, dass intelligente Systeme über kurz oder lang Einfluss auf unser gesamtes Leben haben werden. Ob wir das wollen oder nicht, wird dabei keine Rolle spielen." Die wohl größten Risiken dieser Entwicklung werden sich laut dem Zukunftsforscher an zwei Fronten abspielen: "Zum einen brauchen wir eine grundlegende digitale Aufklärung verbunden mit einem gesellschaftlichen Diskurs. Denn aus heutiger Sicht sind sich nämlich 90 Prozent der Menschen nicht bewusst, welch epochale Veränderungen eine kleine Gruppe von Technologieunternehmen auslösen wird. Zum anderen sollten wir dringend darüber nachdenken, welche Gegenpole wir zu einer digitalen Welt schaffen wollen. Denn wenn Menschen diesem Geist einer neuen Welt nicht folgen wollen, wird es gesellschaftlich unweigerlich zu negativen Folgen führen."

Für Kofler sind jedenfalls gesetzliche Änderungen, um die Rahmenbedingungen anzupassen, unumgänglich. "Es braucht einerseits flexible gesetzliche Grundlagen, um Neues auch vorantreiben zu können, anderseits aber klare Grenzen, um eine Balance zwischen Menschen und Technologie zu schaffen und zu erhalten. Zudem müssen wir tunlichst darauf achten, dass künstliche Intelligenz nicht über ‚nackte‘ Informatik betrieben und gesteuert werden darf, denn das wäre fatal." Für Kofler ist klar, dass der eigentliche Nutzen von künstlicher Intelligenz nur mit dem und über den Menschen vorangetrieben werden könne und dürfe. Heutige Technologien haben jedoch auch bereits erste Anzeichnen von Abhängigkeit und Zwang erkennen lassen. Kofler: "Was aber, wenn all das nicht nur Zufall ist, sondern durch ganz andere  Beweggründe betrieben wird. Was wäre dann die Folge, wenn Technologie noch viel ausgeklügelter, virtueller und manipulativer funktioniert? Wollen Menschen dann vielleicht überhaupt noch außerhalb einer digitalen ‚Wunderwelt‘ leben? Oder anders gefragt: Werden Menschen dann überhaupt noch in einer realen Welt klarkommen?" Allein aus dieser Fragestellung heraus ist die Rolle der Politik aus Sicht von Kofler sehr wichtig. "Was die Frage aufwirft, wer sich aus der Politik wirklich bewusst ist, vor welch großen Herausforderungen wir überhaupt stehen."

[Michael Fiala]

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