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Benko baut auf Medien

© Industrieblick/AdobeStock

Immobilien- und Handelstycoon René Benko steigt über die Österreich-Holding der Funke-Gruppe bei Kurier und Kronen Zeitung ein. Dahinter könnte ein größerer Plan stehen.

Dieser Artikel ist zuerst in Ausgabe Nr. 46/2018 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!


Nur wenige Wochen lang soll die Funke-Gruppe mit René Benko verhandelt haben, jüngst wurde verkündet: Die Signa steigt mit 49 Prozent bei der WAZ Ausland Holding ein, die wiederum 50 Prozent an der Krone und knapp ebenso viel am Kurier hält. Nachdem erst vor Kurzem das Erbe des 2010 verstorbenen Dichand-Senior geklärt und zu vier gleichen Teilen zu jeweils 12,5 Prozent auf die Witwe und die drei Kinder aufgeteilt wurde, ist das der nächste Paukenschlag bei Österreichs größter Tageszeitung. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart, Schätzungen gehen von einem Preis zwischen 80 und 100 Millionen Euro aus. Wie es sich mit Details wie Vorkaufsrechten, Gewinnausschüttung, Mitspracherechten verhält, dazu schweigen alle Beteiligten. HORIZONT hat einige Fragen zusammengetragen, samt Gedankenansätzen.

1.) Was hat Benko mit Krone und Kurier vor?

Der Einstieg mit der Signa soll dem Verlag eine Chance sein, für die Entwicklung zu einem der führenden Multichannel-Anbieter Europas, heißt es: „Die Digitalisierung löst die Grenzen zwischen traditionellen Geschäftsmodellen auf“, sagt Benko in der offiziellen Aussendung. „Handel, Information und Unterhaltung, aber auch das Wohnen und die moderne Welt der Arbeit – diese Bereiche lassen sich schon heute nicht mehr trennen.“ Deshalb investiere er strategisch in Geschäftsmodelle, bei denen breite Konsumentenschichten eine Vernetzung von Offline- und Online-Angeboten erwarten und Markenwelten mit digitalen Angeboten verschmelzen: Beim Wohnen durch die Entwicklung von Wohnkonzepten, beim Beruf durch moderne Arbeitswelten und bei Information durch das Potenzial von stark positionierten Medienmarken. Benko will sein „starkes Know-how in der Digitalisierung traditioneller Geschäftsmodelle erfolgreich in die Partnerschaft einbringen“.

Das plötzliche Interesse von Benko am Zeitungsgeschäft führt zu Spekulationen – von einem „Stufenplan“ wird gesprochen, dem zufolge sich der Investor schrittweise die Mehrheit sichern könnte. Diese Gerüchte entstehen wohl daher, weil sich der Innsbrucker eigentlich nicht in Form von Minderheitsbeteiligungen engagiert. Für sein Business wäre das kein schlechter Schachzug: Immerhin hat Benko durch die hohen Reichweiten der Zeitungen dann den Draht zu den vielen Lesern. Die Krone musste zwar bei der jüngsten Media-Analyse Verluste in Print hinnehmen, ist aber mit einer Reichweite von 28 Prozent (Kurier: 7,4 Prozent) und knapp 2,1 Millionen Lesern mit Respektabstand immer noch Österreichs größte Tageszeitung. Die E-Paper-Absätze haben sich zuletzt innerhalb eines Jahres beinahe verdoppelt, das Online-Portal weist stark steigende Zuwachsraten aus und ist eine der größten Nachrichtenseiten im Land. Ebendort gibt es aber Entwicklungswillen für neue Produkte, den Benko nützen könnte. Etwa beim Aufbau von Immobilien- oder E-Commerce-Portalen sowie Online-Warenhäusern. Immerhin hat der Investor ein wahres Handelsimperium zusammengekauft, von Immobilienprojekten über Karstadt und Kaufhof bis hin zur Möbelkette kika/Leiner. Die deutschen Warenhäuser könnten auch in den österreichischen Markt gehen, entsprechende Publikationen und Portale könnten dem Absatz zugutekommen.

Das Kurier Medienhaus realisierte im Rahmen ihrer Digitalstrategie im März dieses Jahres einen Relaunch seiner Website. Nach der Übernahme von SchauTV vorigen Jahres wurden auch hier umfassende Änderungen, unter anderem mit einem digitalen Livestream, realisiert.

Auch krone.at setzt schon länger auf Expansion und will Innovationen vorantreiben. Neben einem angekündigten „Leserbindungsprogramm“ und dem Ausbau von Bewegtbildinhalten, soll „der Mehrwert gesteigert werden“, wie es vor etwa einem Jahr im Interview mit HORIZONT heißt. Konkreteres wurde und wird nicht verraten, es liegt aber nahe, dass es sich hierbei um Service-Portale handeln könnte. Inzwischen wird auch der Ausbau im Veranstaltungssektor forciert, es soll verschiedene Formate für die unterschiedlichen Interessen der großen Community geben – auch das könnte für Benko geschäftsfördernd sein. Und umgekehrt könnten Krone und Kurier einerseits vom Wirtschaftswissen des Investors profitieren, aber auch von Investitionswillen – und nicht zuletzt vom Auflockern des Konflikts zwischen Funke-Gruppe und Dichand-Familie.

2.) Welche Strategie verfolgt die Signa?

Neben dem Immo-Geschäft ist Signa Retail der zweite Kerngeschäftsbereich der Holding. Die Handelsunternehmen erwirtschaften dabei laut Eigenangaben jährliche Umsätze von mehr als sieben Milliarden Euro. Dazu kommen rund 80 Webshops in 17 Ländern. Spannend könnte für Krone und Kurier das Know-how der Gruppe im Bereich Innovation werden, der die Arbeitswelten der Zukunft aber auch digitale Transformation von Smart Data bis Blockchain umfasst. Bisher wurden diese Bereiche vor allem auf die Immo- und Retail-Sparte angewendet, künftig wohl auch im Mediensegment. „Innovationen wie Smart Data, Blockchain oder auch Building Information Modeling stellen keine Gefahr für das eigene Geschäftsmodell dar. Vielmehr sind sie ein Mehrwert für erhöhte Transparenz, Planungssicherheit, Geschwindigkeit und Einsparungen“, heißt es auf der Website des Unternehmens. Das Ziel: Signa will Trends beobachten und entsprechende Entwicklungen „frühzeitig in das Kerngeschäft implementieren“, steht dort weiter. Die Innovationssparte des Konzerns, Signa Innovations, machte zuletzt auch durch Minderheitsbeteiligungen – etwa am Start-up Storebox – auf sich aufmerksam. An der Spitze der Signa Innovations stehen die beiden Vorstände Manuel Pirolt und Jürgen Fenk. Pirolt füllt laut Firmenbuch derzeit beachtliche 116 Funktionen aus, der Deutsche Fenk stieß mit umfangreichem internationalen Banken-Background vor einem Jahr zur Signa.

3.) Warum gibt Funke Anteile ab?

Zu den Beweggründen, Anteile an der WAZ Ausland Holding abzugeben, ranken sich eine Vielzahl an Gerüchten. Fest steht: Nach dem Einstieg des Funke-Vorgängers WAZ im Jahr 1987 zerschlugen sich die damalige WAZ-Gruppe und der vormalige Alleineigentümer Hans Dichand später. Die Ernennung seines Sohnes Christoph Dichand 2001 ohne Einverständnis des Miteigentümers hat jedenfalls die Fronten entscheidend verhärtet, es folgten weitere Auseinandersetzung auf personeller Ebene samt persönlichen Anfeindungen. Höhepunkt der Streitigkeiten in der gesellschaftsrechtlich bedingten Pattstellung waren zahlreiche Verhandlungen vor Schweizer Schiedsgerichten, die vor allem die Syndikatsverträge und garantierte Gewinnausschüttung betrafen – die Familie Dichand erhält durch eine Vereinbarung beim Einstieg vor über 30 Jahren eine Gewinngarantie, kolportiert geht es um zehn Millionen Euro. Funke muss demnach diese auch dann zuschießen, wenn das Unternehmen keine Gewinne schreibt. Der Streit samt Pattstellung und die Gewinngarantie gelten als entscheidende Motivation, Anteile abstoßen zu wollen.

Ob das Abgeben von Anteilen einer strategischen Ausrichtung folgt, ist offen. Die Funke-Gruppe, die Regionalmedien, Frauen- und Programmzeitschriften sowie Digitales als zentrale Geschäftsbereiche nennt, beteiligte sich nach Österreich Anfang der 1990er-Jahre auch in Osteuropa, unter anderem mit Printengagements in Ungarn, Kroatien, Serbien, Mazedonien und später auch Russland. Die Kehrtwende folgte unter Geschäftsführer Bodo Hombach, der vor acht Jahren den systematischen Rückzug aus Südosteuropa mit vorerst Serbien und Rumänien auf die Agenda hob. Zwei Jahre später folgte der Verkauf der drei mazedonischen Tageszeitungen. Das ungarische Zeitungs- und Druckhaus veräußerte man 2016 an Vienna Capital Partners. Zu Hochzeiten der Auslandsgeschäfte erwirtschaftete die WAZ-Gruppe mehr Erlöse im Ausland als im Stammmarkt Deutschland. Heute zählt die Funke dort zu den zehn größten Medienkonzernen mit gut 1,3 Milliarden Euro Jahresumsatz.

4.) Wer entscheidet jetzt?

Benko und die Signa besitzen keine direkten Anteile an Krone und Kurier, sondern an deren Miteigentümer WAZ Ausland Holding. Insofern ist eine direkte Entscheidungsbefugnis bei den beiden Zeitungen für Signa per se nicht gegeben. Offen bleibt, welche Rechte Funke ihrem neuen Partner im Rahmen des Übernahmedeals einräumt – die Verträge stehen unter Verschluss, zu Details äußern sich beide Vertragspartner nicht. Der Funke Mediengruppe steht jedenfalls das Entsenden von entscheidungsbefugten Personen zu, zuletzt erfolgt im Juni mit der Bestellung von Christoph Niemöller zum Geschäftsführer von Mediaprint und Krone. Beim Schwesterblatt Kurier verweist Aufsichtsratschef Erwin Hameseder nach HORIZONT-Anfrage auf Statements, die er gegenüber der Austria Presse Agentur APA tätigte: Raiffeisen werde im Kurier weiterhin „die klare Mehrheitsposition von 51 Prozent“ haben, somit werde sich nichts ändern, so der Chef der Raiffeisen-Holding Niederösterreich-Wien Hameseder, der weiter ausführt: „Meines Wissens ist es so, dass nach wie vor Funke selbst in der Österreich-Holding die alleinige Kontrolle hat. Unter dieser Voraussetzung ändert sich nichts.“

5.) Wie geht es weiter?

Die Zusammenarbeit zwischen Signa und Funke startet, betonen beide in der Aussendung, nach Freigabe der zuständigen Kartellbehörden. Beim deutschen Bundeskartellamt beobachtet man den Deal derzeit über die Presse. Ob überhaupt eine Anmeldung des Vorhabens in Deutschland notwendig sein wird, ist laut Auskunft eines Sprechers offen. Bei der Bundeswettbewerbsbehörde in Wien ist bis Redaktionsschluss noch keine Zusammenschluss-Anmeldung eingelangt. „Auf Grund der Umsatzschwellen beider Unternehmen erwarten wir solch eine Meldung“, bestätigt eine Sprecherin der BWB auf HORIZONT-Anfrage. Diese werde standardgemäß geprüft, die erste Phase der Prüfung mit Möglichkeit zur Stellungnahme dauert wie üblich vier Wochen ab dem Zeitpunkt des Einbringens.

Ob sich aus solch einer Prüfung folgend auch Auflagen ergeben und wie diese ausfallen könnten, will die BWB vor Kenntnis der Sachlage und der folgenden Überprüfung bewusst nicht kommentieren. Bei der letzten großen Übernahme im Medienbusiness, dem Kauf von ATV durch die ProSiebenSat.1 Puls 4-Gruppe, hatte die BWB umfangreiche Auflagen zur Übernahme erteilt, da es sich bei den Beteiligten um direkte Marktbegleiter in einem wenig vielfältigen Markt handelte. Funke beziehungsweise WAZ Ausland Holding und die Signa Holding agieren allerdings in unterschiedlichen Geschäftsfeldern.•

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