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"Call to Action" für Journalistinnen

20. Österreichischer Journalistinnenkongress
© Journalistinnenkongress/APA-Fotoservice/Reith

Ein "Call to Action" der Journalistinnen Anita Zielina und Claudia Reiterer bildete den Auftakt zum Journalistinnenkongress in Wien. Beide forderten ihre Kolleginnen auf, sich vorhandenen Vorurteilen und Berufsstrukturen nicht zu fügen, was auch Initiatorin Maria Rauch-Kallat unterstrich.

Journalistinnen sollten die "Welt mitgestalten" und nicht "auf Erlaubnis warten", formulierte Zielina. Sie habe etwa bei Stellenausschreibungen erlebt, dass "immer bereits am ersten Tag Männer an meine Tür geklopft haben, Frauen musste ich stets überreden. Daher: Seien Sie mutig". Auch Reiterer appellierte an ihre Kolleginnen: "Wir müssen aus der Opferrolle raus und aktiv werden."

Kongress-Initiatorin Rauch-Kallat blickte bei der Eröffnung des schon 20. Kongresses entsprechend dem Motto „20 years ago – 20 years ahead – Rückschritt oder Vormarsch“ zurück und nach vorn: 1998 etwa habe es zum Unterschied von heute "in keiner österreichischen Tages-oder Wochenzeitung eine Frau als Politik- oder Wirtschaftsressortleiterin, geschweige denn als Chefredakteurin, gegeben". Es sei schön, dass es den Kongress immer noch gebe und man inzwischen eine ganze Generation von Journalistinnen begleitet habe, aber "auch traurig, dass es den Kongress immer noch geben muss".

Digitale Technologien als Chance für Frauen

Die "Einsamkeit" von Frauen in Führungspositionen thematisierte bei seinen Begrüßungsworten auch Georg Kapsch, Präsident der Industriellenvereinigung (IV). Gerade Journalistinnen könnten "das nötige Feingefühl mitbringen", um gefährlichen Tendenzen wie politischen „Rückschritten und Renationalisierung“ und der „Spaltung der Gesellschaft“ entgegenzuwirken. Frauenministerin Juliane Bogner-Strauß (ÖVP) erklärte, Frauen müssten "zusammenhalten, wir haben das Potenzial, wir müssen es uns nur zutrauen“.

Frauen bräuchten Unterstützer und Förderer – damals wie heute, denn ohne sei es schwer, sagte auch Julia Juster von der Donau-Uni Krems. Im Vergleich zu vor 20 Jahren hätten etwa angestellte Redakteurinnen heute wieder vermehrt das Gefühl, dass Männer ihnen vorgezogen werden. Einen Vorteil für Frauen machte indes Christina Wilfinger von Microsoft aus: Männer würden sich vor negativen Folgen der neuen Technologien auf ihren Job mehr als Frauen fürchten, sagte sie beim Panel "Journalismus 4.0". Im Online-Bereich sieht Elfriede Gamperl - sie war bei der "Süddeutschen Zeitung" Teil des Rechercheteams zu den Panama/Paradise Papers - Frauen generell im Vorteil, da dieser viel mehr "Teamarbeit" sei als andere Formen des Journalismus.

Was #Metoo gebracht hat

Der Frage, ob #Metoo die Medienbranche verändert habe, widmete sich Alexandra Stanic vom Onlinemedium Vice. Ihre Antwort: Nein, gewandelt habe sich innerhalb der Branche durch die öffentlichen Diskussionen um sexuelle Übergriffe gegen Frauen nichts: „Weiterhin sind es die Männer, die bestimmen und kommentieren“.  Jedoch habe die Bewegung "Frauen mutiger, selbstsicherer und untereinander kollegialer gemacht". Stanic brach zudem eine Lanze für Frauen mit Migrationshintergrund im Journalismus. Diese müssten, um sich durchzusetzen „150 Prozent bringen, schneller und besser sein“ als ihre Kolleginnen und Kollegen.

Anschließend brachte eine Podiumsdiskussion nicht nur ein Bekenntnis zur "Koexistenz" von öffentlich-rechtlichen und privaten Medien, sondern auch geballte weibliche Medienführungskompetenz: Am Podium diskutierten Larissa Bieler (Chefredakteurin Swissinfo), Lisa Totzauer (Senderchefin ORF1 und am Vorabend mit einer "Medienlöwin" ausgezeichnet) und Stefanie Groiss-Horowitz (Senderchefin Puls 4). Eine Runde zu Social Media - mit Ö1–Social-Media-Redakteurin Mirela Jasic, Ö1-Bildredakteurin Ursula Hummel-Berger und Journalistin/Filmemacherin Barbara Kaufmann - sah gerade dieses Feld als Chance für junge Kolleginnen: „Man kann Geschichten erzählen, ohne von einem Verlag oder einer Zeitung abhängig zu sein", sagte Jasic. Hummel-Berger warnte allerdings vor oft übersehenen Pflichten, etwa, dass das "Urheberrecht dort ebenso gilt." In parallel laufenden Workshops wurden Themen wie Networking, Audience Engagement und Entrepreneurial Journalism aus weiblicher Sicht von namhaften Journalistinnen abgehandelt.

Den Abschluss des inhaltlichen Programms, das in Networking als "Räuberinnenleiter" überging, bildete das Dialogformat "Rolemmodels im Gespräch", bei dem folgende profilierte Medienfrauen auf Jungjournalistinnen trafen: Marlene Auer (HORIZONT), Jasmin Dolati (Radio Wien), Barbara Haas (Wienerin), Lou Lorenz-Dittlbacher (ORF), Ursula Macher (Falstaff), Claudia Reiterer (ORF), Vera Russwurm (ORF), Susanne Schnabl-Wunderlich (ORF), Ines Schurin (Rewe), Petra Stuiber (der Standard), Ingrid Thurnher (ORF), Cornelia Vospernik (ORF) und Eva Weissenberger (missing-link)

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