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TV: Allianz-Ambitionen gegen globale Giganten

© Saklakova/Adobe Stock

Im intensivierten Wettbewerb am internationalen Bewegtbildmarkt forcieren heimische Sender ihre Bemühungen in Richtung Kooperation, technische Weiterentwicklung und mehr eigenproduziertes Programm.

Dieser Artikel ist zuerst in Ausgabe Nr. 39/2018 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Netflix prescht derzeit mit beeindruckenden Zahlen durch den globalen Markt: 7,6 Milliarden US-Dollar weltweiten Umsatz im ersten Halbjahr legt der Streaminganbieter vor – und damit ein Wachstum von über 40 Prozent zum Vorjahreszeitraum. Zugleich ziehen die Gewinne des Konzerns gehörig an und steigen auf über 670 Millionen US-Dollar (2017/1: 243 Millionen US-Dollar). Der Wettbewerbsdruck am globalen Bewegtbildmarkt nimmt gehörig zu, Netflix und seine Kennzahlen untermauern das exemplarisch. „In unseren Stammmärkten werden wir Netflix und Co Paroli bieten“, sagt etwa Bert Habets, seit Anfang dieses Jahres alleiniger Chef der RTL Group, dem Handelsblatt. „Durch die neuen Nutzungsgewohnheiten und globalen Anbieter verschärft sich die Konkurrenz jetzt noch einmal“, meint ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz aktuell im profil.bestseller. Privatsender-Macher Markus Breitenecker fordert seit Längerem Allianzen zu YouTube und Netflix und meint ebenda: „Es muss eine große Allianz aus verschiedenen Mediengattungen und Staaten werden. Wir versuchen mit ProSiebenSat.1 Puls 4 im Moment, eine Streaming-Allianz mit anderen Playern aufzubauen, um ein breites, attraktives Videoangebot liefern zu können.“

Schon seit geraumer Zeit entstammen die größten Konkurrenten deutschsprachiger Anbieter nicht mehr dem D-A-CH-Raum, sondern buhlen per Übersee-Streams um die immer noch treuen TV-Seher. Allianzen sollen als geballte Kraft Netflix, Amazon und Co die Stirn bieten. Breitenecker sieht den Markt in seinen Bemühungen aber erst am Anfang: „Da ist noch Überzeugungsarbeit nötig. Jeder hätte gerne seinen eigenen Player im Zentrum, wir sind hier noch in den kleinstaatlichen Zwängen Europas gefangen“, so der Privatsender-Chef, der sich im Interview neben dem ORF auch Printmedien als Partner vorstellen kann. „Natürlich!“, antwortet ORF-Generaldirektor Wrabetz, angesprochen auf die Frage, ob der ORF Partner der Privaten sein wolle, und verweist auf bereits initiierte Projekte. „Ich nenne als Beispiele nur die gemeinsame APA-Videoplattform, das Projekt „Austrian ­Marketplace“ zur gemeinsamen Onlinevermarktung, den ORF-Player, die Partnerschaften mit der Film- und Musikwirtschaft, die wir gemeinsam mit Bundesminister Blümel vorgestellt haben“, so Wrabetz.

In der Zwischenzeit bauen Mitbewerber wie RTL ihr On-Demand-Angebot weiter aus. Habets will mit RTL „deutliche“ Schritte in diese Richtung setzen, über 100 Millionen Euro an Investments tätigt der Konzern dafür. Die Refinanzierung soll laut derzeitigen Plänen über ein Hybrid-Modell an werbefinanzierten Angeboten und entsprechenden Abo-Modellen erfolgen. Rückenwind verschafft die gute Halbjahresbilanz der RTL-Mutter Bertelsmann mit einem Wachstum für die RTL Group im Umsatz (2,978 Milliarden Euro auf nun 3,046 Milliarden Euro im ersten Halbjahr) als auch im Operating EBITDA (624 Millionen Euro auf nun 643 Millionen Euro). Puls 4 versucht mit Plattformen wie Zappn, neue und junge Zielgruppen am Smartphone für TV-Inhalte zu begeistern. Der ORF würde digital gerne mehr (Stichwort: Seven-Day-Catch-Up), wird aber dabei gesetzlich reglementiert. Neben technologischen Investitionen sollen auch Milliarden an Euro fürs Programm (siehe Substory) den neuen Konkurrenten die Stirn bieten.

 

Eine Frage des Geldes

Ungemach droht den öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten neben intensivierter Wettbewerbssituation auf anderer Front: Gebühren. Während sich in der Schweiz bei einer Volksabstimmung deutliche 71,6 Prozent für den Beibehalt der Gebühren aussprachen, schaffen die Dänen diese ab. Bereits im März fixiert, stehen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk neben der Finanzierung über das Steuerbudget nun drastische Sparmaßnahmen ins Haus. Wie dieser Tage bekannt wurde, wird das Budget um bis zu zwanzig Prozent reduziert, in den nächsten zwei Jahren werden wohl bis zu 400 Jobs gestrichen. Generaldirektorin Maria Rorbye Ronn erklärte: „Es wurde die politische Entscheidung getroffen, den DR-Haushalt um 20 Prozent zu reduzieren. Das wird schwer, aber wir stellen uns der Aufgabe.“ So sollen laut aktuellen Plänen zumindest 50 Millionen Euro jährlich gespart werden. Zudem soll DR in Zukunft im digitalen Raum keine längeren, vertiefenderen Texte mehr veröffentlichen dürfen, um nicht mit den Webangeboten von Tageszeitungen zu konkurrieren – ein Vorschlag, der in Österreich auch schon auf der Agenda stand. Hierzulande folgte der Medienenquete im Juni ein durchaus breites Zugeständnis der Notwendigkeit eines starken öffentlich-rechtlichen Rundfunks, konkrete Maßnahmen stehen aus. Medienminister Gernot Blümel (ÖVP) versprach lediglich „konkrete Gesetzesvorschläge in manchen Bereichen“ noch für dieses Jahr.

 

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