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EU-Medien-Konferenz: "Wir haben nie zuvor eine solche Bedrohung gesehen"

EBU-Generaldirektor Noel Curran sieht nie da gewesene Bedrohung
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Wie kommt europäischer Content am besten an die europäischen User, die sich derzeit mit Vorliebe bei US-"Giganten" bedienen? Diese bange Frage stand am Dienstag im Mittelpunkt der EU-Medienkonferenz in Wien. Erneut wurde der Stellenwert von Kooperationen betont. Auf EU-Ebene müsse in Technologie investiert werden: Denn es mangle nicht an Inhalten, sondern an digitalen Vertriebswegen.

Wie kommt europäischer Content am besten an die europäischen User, die sich derzeit mit Vorliebe bei US-"Giganten" bedienen? Diese bange Frage stand am Dienstag im Mittelpunkt der EU-Medienkonferenz in Wien. Erneut wurde der Stellenwert von Kooperationen betont. Auf EU-Ebene müsse in Technologie investiert werden: Denn es mangle nicht an Inhalten, sondern an digitalen Vertriebswegen.

Europa sei stark im Content, sagte Guillaume de Posch, früherer CEO der RTL-Group und Präsident des Europäischen Privatsenderverbands ACT. Doch es hapere mit der Distribution im Internet. Mit Netflix, das sich als "Low Pay-TV" am Markt positioniere, habe er weniger Probleme als mit Facebook und Google, die de Posch wörtlich als "Schattenboxer", die in Europa "einfallen", bezeichnete. Der Wettbewerb finde derzeit auf einer schiefen Ebene statt.

Drastische Worte kamen auch von Noel Curran, Generaldirektor der EBU (also der Vereinigung Europas öffentlich-rechtlicher Anstalten). "Wir haben nie zuvor eine solche Bedrohung gesehen", nämlich durch Technologie-Unternehmen, warnte er. Im Hintergrundgespräch vor österreichischen Journalisten gemeinsam mit ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz legte er noch nach: "Unsere Branche erlebt seismische Veränderungen. Wir brauchen einen Weckruf."

Ja, Netflix investiere viel in Produktionen, auch in Europa, räumte Curran ein. Doch dahinter stehe ein Geschäftsmodell. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hingegen - und auch die Privatsender - stelle der Gesellschaft Content zur Verfügung, der sich per se nicht rechne, aber der Gesellschaft nutze: Information, professionellen Journalismus, Kunst und Kultur etwa.

Geld für europäische Medieninnovationen

Dabei rufe man mitnichten nach massiven Verschärfungen des Wettbewerbsrechts, betonte der Ire, früher selber Journalist. Aber es brauche Regulierung für die US-Plattformen für mehr Transparenz in Bezug auf deren Algorithmen und Verwendung der Userdaten. Und es brauche Geld für europäische Medieninnovationen: Die Mittel des EU-Innovationsprogramms Horizon 2020 sollten zum Teil dafür zweckgewidmet werden, forderte Curran.

Die Sender selbst müssten sich ebenfalls verändern, befand Wrabetz - weg vom klassischen "Broadcaster" hin zur Plattform. Dafür müsse man ihnen aber auch entsprechenden Spielraum gewähren. Er unterstützte Currans Forderung nach einem europäischen Medieninnovationsfonds. Die "europäischen Player" bräuchten eine "Entfesselung": "Wir werden nur mit den großen Plattformen auf konkurrieren können, wenn wir mehr Bewegungsspielraum im digitalen Bereich haben."

Die einstigen Erzfeinde Öffentlich-rechtlich und Privat zeigen sich angesichts der schier übermächtigen Feindbilder auch auf europäischer Ebene befriedet. "Kooperation" ist das Gebot der Stunde. Ideen für ein "Europa-YouTube" kommentierte de Posch aber wenig euphorisch: Der "paneuropäische Zugang" sei nicht immer praktikabel. Curran nannte die Vision einer gemeinsamen Plattform "ambitioniert", zeigte sich aber abwartend, wie sie zu realisieren sei.

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