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Was Wrabetz nun mit dem ORF vorhat

HORIZONT-Herausgeberin und -Chefredakteurin Marlene Auer im Gespräch mit ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz.
© Sebastian Reich

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz spricht nach der Medienenquete über Zugeständnisse an Privatmedien, sein Verständnis der ORF-Finanzierung, die Kompetenzverteilung der Channel-Manager in der Praxis und wie US-Serienware ersetzt werden kann. Das Interview wurde vor der aktuellen Debatte über die Social-Media-Richtlinien geführt.

Was Alexander Wrabetz in der aktuellen Debatte über Social-Media-Richtlinien sagt, lesen Sie unter diesem Link

Dieses Interview ist zuerst als Coverstory in Ausgabe Nr. 26/2018 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Der ORF und die Frage nach der Ausgestaltung seines Auftrags und seiner Finanzierung war eines der bestimmenden medienpolitischen Themen der letzten Wochen. Generaldirektor Alexander Wrabetz pocht im HORIZONT-Interview auf die Beibehaltung der derzeitigen Finanzierungsform, im digitalen Umfeld fordert er mehr Spielräume. Außerdem spricht er über sein Verhältnis zum Medienminister und wie die Entscheidungsfindung in der neuen Struktur mit den Channel-Managern in der Praxis tatsächlich funktioniert.

Horizont:Wenn Sie in drei Worten zusammenfassen müssten, wie Sie die Medienenquete wahrgenommen haben – welche wären das?

Alexander Wrabetz: Gelungen, spannend und eine gute Basis.

Eine gute Basis wofür?

Die Enquete ist ja kein Selbstzweck, sondern Grundlage dafür, wie es weitergeht. Konsens herrscht, dass es einen starken ORF braucht; die Frage ist, in welche Richtung er sich weiterentwickeln soll. Der ORF muss sich digital weiterentwickeln können, damit er auch allianzfähig ist.

Am Ende des Tages hat niemand mehr die Gebühren in Frage gestellt. Sogar Markus Breitenecker hat dem ORF am Schluss nicht mehr die Gebühren wegnehmen wollen. Die Finanzierung aus dem Bundesbudget wurde von vielen Seiten kritisiert. Hat sie das überrascht?

Ich glaube, dass die Argumente sowohl von den Vertretern der Zeitungen als auch der Wissenschaft wie auch von internationalen Marktteilnehmern gut und richtig sind. Ich hoffe, dass diese Überlegungen dann auch tatsächlich in die politische Entscheidungsfindung, wie es mit der Gebührenfinanzierung weitergeht, einfließen werden.

Die Enquete brachte durchaus kreative Überlegungen zur künftigen Medienfinanzierung an sich. Welche davon sind für Sie weiter verfolgenswert?

Vor allem jene Überlegungen, dass für bestimmte kommerzielle Projekte und Medienunternehmen die Förderungen ausgebaut werden sollen. Grundsätzlich soll es mehr Förderungen für kommerzielle Medien geben. Die Enquete hat sich sehr intensiv mit dem Thema Digitalisierung beschäftigt, dabei wurde aber überwiegend vom Fernsehen geredet. Radio, Print und letztlich auch Online waren in der Diskussion leider etwas unterrepräsentiert. Der Fokus der Debatten war, wie Fernsehveranstalter in Zukunft miteinander umgehen.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Fernsehen ist nach wie vor ein wichtiges Medium – und außerdem haben natürlich im Vorfeld private Fernsehveranstalter hier Konzepte und Ideen präsentiert.

Nicht nur die, sondern auch der ORF.

Ja, wir auch. Aber auch der VÖZ hat ein Papier präsentiert. Es zeigt ja nur, dass das Fernsehen – zumindest in Österreich – noch eine sehr große Bedeutung hat. Auch Markus Breitenecker hat da einiges von seinen Ideen, die er immer wieder geäußert hat, zurückgenommen, insbesondere jene, die eine Schwächung des ORF bedeuten würden. Er hat klargestellt, dass dem ORF keine Mittel entzogen werden sollen. Das ist auch anzuerkennen, auch ich habe dann weniger davon gesprochen, dass wir eigentlich von seinen Werbefenster-Erlösen gerne mehr für die österreichischen Medien hätten.

Klingt nach einem Deal.

Nein, das war ein Ergebnis der Enquete. Aber das Modell, das er da präsentiert hat, bei dem am Ende jeder gleich viel Geld hat, aber anders finanziert, könnte aus einem Design-Thinking-Seminar einer Fachhochschule stammen.

Vielleicht findet die Regierung aber, dass es mehr ist als das Ergebnis eines Seminars?

Nein, das denke ich nicht. Den Ländern jetzt Geld wegnehmen, dem ORF Geld wegnehmen und am Schluss sollen trotzdem alle wieder gleich viel haben, halte ich für keine ernsthaft verfolgenswerte Überlegung. Die Frage, wie wir „fresh money“ für die Förderung privater Medien aufstellen können, aber sehr wohl. Da sind wir uns, denke ich, einig.

Wie viel Geld braucht denn der ORF, mit wie viel Geld wird für die nächsten Jahre kalkuliert?

Wir wollen eine Fortführung der Beitragsfinanzierung auf der Basis des geltenden Rahmens.

Die Summe soll also gleich bleiben?

Die soll nicht gleich bleiben, die muss gleich bleiben.

Und wie steht es dann mit der laufenden Valorisierung?

Natürlich soll laufend valorisiert werden. Wichtig ist, diese Form der Beitragsfinanzierung von allen für alle beizubehalten. Und – da zitiere ich jetzt Gerhard Zeiler – je kleiner der Markt ist, desto höher muss der Werbefinanzierungsanteil eines Öffentlich-Rechtlichen sein, um die Beitragszahler nicht höher als nötig zu belasten.

Ist es für Sie auch eine denkbare Variante, den Werbeanteil zu steigern und die Gebühren zu senken?

Nein, das nicht. Wir müssen mit dem, was wir haben, auch auskommen. Darauf basieren unsere Pläne. Das heißt ohnehin schon, in den nächsten drei Jahren noch 300 Millionen einzusparen. Es darf nicht weniger werden – aber es sollte auch nicht mehr werden. Worauf man sich in der Debatte konzentrieren muss, ist das Thema, wo Geld für kommerzielle private Anbieter herkommen soll, wenn deren Anteil am Förderungskuchen gesteigert werden soll. Den Gedanken, hier mit der digitalen Besteuerung ernst zu machen, finde ich den richtigen Weg.

Sie meinen die digitale Betriebsstätte?

Ja. Ich finde es auch richtig, zu sagen: Wenn es hier keine europäische Einigung gibt, ist auch ein nationaler Alleingang denkbar. Was unklar bleibt, ist die Frage, wie daraus resultierende Erlöse verwendet werden? Fließt das in den allgemeinen Steuertopf? Oder fließt das in einen nationalen Medienfonds, aus dem dann wiederum Projekte gefördert werden.

Zusätzliches Geld könnte aus Erlösen für Streamingkonsum kommen.

Die Schließung der Streaming-Lücke im Gebührensystem ist natürlich notwendig, aber nicht prioritär. Das würde auch nicht so viel bringen, weil wir ja eine ohnehin schon sehr hohe Gebührenzahler-Quote haben.

Aber Sie sprechen sich dafür aus?

Derzeit nicht. Jetzt soll einmal das Grundsätzliche außer Streit gestellt werden, dass man bei der derzeitigen Gebührenfinanzierung bleibt. Dann haben wir zwei, drei kleine Änderungsvorschläge, wie sie ausgestaltet wird – wie zum Beispiel die Valorisierung.

Wie sollte die Valorisierung künftig erfolgen?

Solange das Damoklesschwert Budgetfinanzierung über uns schwebt, ist die Diskussion sinnlos.

In Deutschland sinken die Nettoreichweiten im Fernsehmarkt, die Schwankungen der Performance sorgen in der Werbewirtschaft für Unmut und Unzufriedenheit. Sehen Sie diese Tendenzen auch für Österreich und könnten Sie eine Quotengarantie für die Werbeindustrie bieten?

Noch haben wir hohe Reichweiten, und auch in einem hohen Ausmaß planbare Reichweiten, sodass wir gar nicht von irgendwelchen Garantien sprechen müssen. Außerdem können wir ohnehin über regelmäßige Preisanpassungen ausgleichen. Die Diskussion, die es vor zwei, drei Jahren gegeben hat, ob es in ein paar Jahren überhaupt noch Fernsehwerbung gibt, die sehe ich ehrlich gesagt nicht.

Budget fließt auch in die Filmlizenzen von internationalen Produktionsfirmen. Sie haben angekündigt, zumindest im Radiobereich den Österreich-Anteil auf 30 Prozent steigern zu wollen. Gilt das auch für Produktionen im Fernsehbereich?

Im Sinne der Allianzen haben wir kurz vor der Enquete unsere Kooperation mit der österreichischen Filmwirtschaft erneuert und für die nächsten drei Jahre ein abermals sehr hohes und sogar leicht erhöhtes Produktionsvolumen vereinbart. Wir haben eine Allianz mit der österreichischen Musikwirtschaft geschlossen, um den Anteil österreichischer Musik zu erhöhen. Amerikanische Serien machen nur drei bis vier Prozent unseres Gesamtkostenvolumens aus, wir füllen damit aber relativ viel Sendefläche. Mittel für amerikanische Serien auf österreichische Produktionen umzuwidmen, wird nicht so viel bringen, weil österreichische Serien immens teurer sind.

Kritiker meinen, Diskussionssendungen oder Public-Value-Formate seien deutlich günstiger als österreichische Serien.

Wir werden nicht zwölf Stunden am Tag diskutieren können. Wenn wir amerikanische Serien ersetzen, dann aus Kostengründen nur zum Teil durch österreichische Filme und Serien – sondern auch durch Information und Infotainment oder Dokumentation.

Zu wie viel Prozent soll das passieren, wie viel weniger Serien sollen gespielt werden?

Hier werden die neu eingesetzten Channel-Manager Vorschläge unterbreiten.

Stichwort Channel-Manager: Wie funktioniert die Struktur nun genau, und welche Rolle hat die Fernsehdirektion dabei?

Die Channel-Manager legen gemeinsam mit der Programmdirektorin die Schwerpunkte für das zweite Halbjahr fest und beschäftigen sich mit dem Schema 2019. Die operativen Abteilungen liefern die Programme, und sowohl die Fernsehdirektorin als auch die Channel-Manager berichten an mich. In bestimmten Fragen stimmen sie sich direkt untereinander ab.

Und wenn sie nicht einer Meinung sind?

Dann entscheide ich das.

Ihr Tag hat aber auch nur 24 Stunden.

Bis jetzt wurde noch keine strittige Frage an mich zur Entscheidung herangetragen. Wenn alle vernünftig zusammenarbeiten und an ein positives Resultat denken, wird das funktionieren.

Sind die Fernsehdirektionen und die Channel-Manager damit auf einer Ebene?

Nein.

Aber die Channel-Manager berichten ja nun auch direkt an Sie.

Die Fernsehdirektorin auch.

Also doch eine Ebene?

Nein, es gibt ein gewähltes Direktorium, das auf meinen Vorschlag vom Stiftungsrat bestellt wurde. Und innerhalb des Direktoriums bin ich der Primus inter Pares. Und dann gibt es wie in jedem Unternehmen Management- Strukturen der zweiten Ebene, die im Bereich der Generaldirektion direkt an mich berichten.

International gesehen gibt es keine vergleichbare Struktur in einem Medienhaus. Wieso hat der ORF eine solche Struktur?

Das ist nicht korrekt. Channel-Controller auf der einen und Content-Bereiche, die diese beliefern, auf der anderen Seite gibt es in vielen Fernsehunternehmen. Man wird nicht für jeden Bereich, ob Unterhaltung oder Filmeinkauf oder Filmproduktion, separate Abteilungen schaffen.

Wenn Sie diese Zeit des Wandels persönlich betrachten: Ist das eine der spannendsten Phasen, die Sie als Generaldirektor hatten?

Es ist irgendwie immer spannend. Was ich gemerkt habe, ist, dass diese forcierte Diskussion uns sehr genützt hat – und die Situation sehr verbessert hat. Je mehr sich Menschen mit dem ORF beschäftigen, desto mehr merken sie auch, was sie am ORF haben und schätzen. Und was sie allenfalls auch anders haben wollen.

Sie haben dazu auch das Publikum befragt. Zu welchen Erkenntnissen kamen Sie?

25.000 Menschen haben uns in den vergangenen drei Wochen gesagt, was sie vom ORF wollen, was ihnen gefällt – und auch was ihnen weniger gefällt. Wir werden das noch im Detail auswerten und analysieren. Aber es kristallisiert sich heraus, dass sie österreichische Inhalte schätzen, auch sehr das regionale Angebot.

Wäre der Ausbau des Contents der Landesstudios eine Möglichkeit?

In einzelnen Projekten ja – etwa auch im Fortsetzen von regionalen Formaten wie „Neun Plätze, neun Schätze“. Gewünscht wurden in der Befragung auch weniger Wiederholungen und mehr Bewegungsfreiheit für den ORF im digitalen Bereich. Also kein Seven-Days-Catch-up und mehr Kinderprogramme auf einer digitalen Plattform, also eine Art Kinder-App.

Dafür braucht man eine Gesetzesänderung.

Ja.

Wie beschreiben Sie denn Ihren Kontakt mit Gernot Blümel?

Ich habe das Gefühl, dass er unsere Positionen und Argumente ernst nimmt und hört.

Vielleicht umso mehr, weil jetzt Philipp König als Medienjurist ins Ministerbüro wechselt.

Wir verlieren einen hervorragenden Mitarbeiter. Wir haben immer hervorragende Medienjuristen gehabt. Der Minister hat ja auch angekündigt, während der EU-Präsidentschaft ein paar medienpolitische Themen ohne riesige ORF-Reform anzugehen – etwa im Bereich Hate Speech, Fake News, Urheberrecht oder bei den Steuer- und Besteuerungsmodellen. Daher verstehe ich, dass er sein Büro in diesem Bereich verstärkt.

Gernot Blümel zieht mit hoher Wahrscheinlichkeit 2019 als ÖVP-Spitzenkandidaten in den Wiener Wahlkampf, zusätzlich zu seinen Ministeragenden. Es könnte also sein, dass zuvor noch einiges beschlossen wird – etwa das Board-Modell statt der Alleingeschäftsführung im ORF?

Das ist die 20.-wichtigste Frage, die ich mir im Zusammenhang mit dem ORF stelle.

Welche sind die ersten drei?

Die Debatte um den Auftrag, die Finanzierung und die Möglichkeit zur Weiterentwicklung im digitalen Bereich. Was die Management-Struktur betrifft, sollen sich jetzt die Rechts- und Gremienexperten verwirklichen; und wenn dann ein konkreter Vorschlag am Tisch liegt, wird man mich vielleicht fragen, ob ich mit meiner Erfahrung das für sinnvoll und praktikabel halte.

Wie könnten die Kompetenzen verteilt werden?

Vier oder fünf Vorstände, die alle dasselbe im Kollektiv machen, ist nicht sinnvoll. Es braucht sehr wohl Zuständigkeiten – und die sind so zu verteilen, dass eine initiative und sachgerechte Führung des Unternehmens möglich ist.

Themen der Enquete waren neben dem Öffnen der Archive auch die Vermarktungsplattform, hier bräuchte es den ORF als wesentlichen Treiber bei Inventarflächen. Unter welchen Voraussetzungen und welchen Sharing-Modellen wären Sie an Bord?

Was wir machen wollen, ist im Bereich des Programmatic Advertising eine gemeinsame Plattform, in der möglichst viele Player ihr Inventar einbringen – das hat ja auch Medienminister Blümel forciert. Dafür braucht es eine Änderung im ORF-Gesetz, um uns Targeting für den Zweck der Teilnahme an einer österreichischen Plattform zu erlauben. Nur dann sind wir auch ein sinnvoller Partner; auch der VÖZ hat schon durchklingen lassen, dass er das unterstützt. Dann kann ich mir auch eine asymmetrische Verteilung bei den Erlösen vorstellen.

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