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ePrivacy-VO "würde Europa in die digitale Steinzeit zurückbomben“

Von der DSGVO landete die Diskussion schnell bei der ePrivacy-Verordnung.
© Johannes Brunnbauer

Eine bisweilen hitzige Diskussion entspann sich zum Auftakt des zweiten Tages in Saal A. Von den Auswirkungen der DSGVO landete das Panel schnell bei der anstehenden ePrivacy-Verordnung.

Von Beginn an war klar, dass vor allem Martin Gaiger, Geschäftsführer der Telekurier Online Medien, nicht vor klaren Worten zurückschrecken würde. Er habe ein gespaltenes Verhältnis zu Facebook, meinte er. Man habe es lange toll gefunden, Fans dorthinzutreiben und jetzt würde Facebook sich bedanken und Geld verlangen, um die Fans noch erreichen zu können. Nach den zahlreichen Algorithmus-Umstellungen könne man jetzt kostenfrei nur noch drei bis vier Prozent erreichen. „Wir überlegen, Facebook-Fanpages einzustellen“, meinte Gaiger offen. Man bekomme nicht merh viel davon. Die DSGVO habe beim Kurier dazu geführt, dass man ein Consent-Tool mit den Möglichkeiten Pay oder Okay zur Datennutzung gebastelt habe. Dank Kopplungsverbot sei ein User, der sich nicht tracken lasse, ein „ wertloser Besucher“. Das Resultat des neuen Tools:  „99,99 Prozent drücken ung‘schaut auf Okay“, meint Gaiger. Der Rest würde stattdessen die 2,40 Euro pro Monat bezahlen. Vor der DSGVO habe man 470.000 Personen angeschrieben, um die Datennutzung bekanntzugeben – daraud resultierten 258 Aufforderungen, die Daten zu löschen. Das funktioniere per eingesendeter Ausweiskopie, „wir wissen also noch mehr als vorher“, wunderte sich Gaiger. Manche würden eine Kopie ihres Waffenpasses einsenden. Er wisse nicht, was diese damit sagen wollten, meinte Gaiger.

"Gesetz macht das Internet nicht schöner"
„Das Gesetz macht das Internet nicht schöner“, meinte Mischa Rürup (usercentrics) in Hinblick auf die zahlreichen Cookie-Felder, die Limitierung des Internets gehe am Ziel vorbei. Bei der Facebook-Gesichtserkennung hätte man festgestellt, dass die Einwilligung mit einem großen Bestätigungs-Button und einem kleinen „Schließen“-Feld  leicht einzuholen sei. Eine Einwilligung könne nur explizit und dokumentierbar erfolgen. Zumutbar für den User sei etwa, ein Menü aufzuklappen, innerhalb dessen müsse die Information granular vorliegen. Überprüfbar müsse sein, welche Parameter gesetzt werden. Zudem müsse man immer der Alternativweg offen bleiben, man müsse aber kommunizieren, dass die Seite dann eingeschränkt sei. 

Michael Pelzl (GroupM) stellte fest, dass auch Behörden bei der DSGVO ein gewisses Maß an Unsicherheit hätten. „Keine Behörde in Europa möchte Vorreiter sein und etwas rausgeben, was dann vor dem EUGH nicht hält“, meinte er.

Juristin und IT-Expertin Elisabeth Hödl (Styria Media Group AG) gab zu bedenken, dass echte Anonymisierung schwierig zu garantieren sei, auch statistische Daten könnten unter Umständen personenbezogen sein. Die hohen Strafen würden vor allem bei kleinen Unternehmen für Unsicherheit und Kosten sorgen. Das sei auch ein Faktor, dass sie ihre Aktivitäten überhaupt einstellen würden.

iab-Vizepräsidentin Alexandra Vetrovsky-Brychta betonte, dass die gesamte Wirtschaft von der DSGVO betroffen sei. „Ich will mir nicht ausdenken, was passiert wäre, wenn wir nicht gerade im Wirtschaftsaufschwung wären“, meinte sie. Es gebe einen Wertschöpfungsverlust: „Wir müssen leider feststellen, dass es zum Rückgang der Online-Spendings geführt hat.“ Die Entwicklung werde auch so weitergehen, meinte Vetroysky-Brychta, denn die Rechtsunsicherheit werde weiter gefördert. Das jüngste Facebook-Urteil sei die „Büchse der Pandora“, weil es alle Plattformen betreffen könne. Auch dann drohe noch das „Damoklesschwert“ namens ePrivacy-Verordnung: „Das würde Europa in die digitale Steinzeit zurückbomben“, meinte die iab-Vizepräsidentin martialisch. Denn dieses gelte ja nur für Europa und würde so die Internet-Giganten noch weiter bevorteilen. Es gebe nun auch einen  Fahrplan zur ePrivacy-Verordnung, im September oder Oktober sollten nun die Trilog-Verhandlungen beginnen - auf Österreich werde dank der Ratspräsidentschaft eine große Rolle zukommen.

"Tam-tam für die Pipi-Branche"
Martin Gaiger nahm dazu eine konträre Position ein: Er teile diese Horrorvision nicht. „Ich verliere durch die ePrivacy gar nichts“, sorgte er für Aufregung im Saal. Man rede da von einem ganz kleinen Geschäft im Werbeumfeld, einem „Tam-tam für die Pipi-Branche“. Das Geschäft laufe auch ohne Targeting, da etwa in der neuen iOS-Version 12 gar nicht mehr möglich sei. Gemeinsam mit der Krone erreiche man 85 Prozent der österreichischen Onlineuser, nur 40 Prozent könne man targeten oder retargeten, weil viele schon jetzt Cookies ablehnen würden. Die Menschen würden auch durch die Medien zusätzliche Sensibilität bekommen. Die letzte US-Wahl habe gezeigt, dass mit Daten viel Schindluder betrieben werde, der Datenschutz sei da sinnvoll. „Wir machen weiter Nachrichten, Targeten ist völlig egal. Wir brauchen keine Cookies“, schloss Gaiger.

Pelzl gab zu bedenken, dass die ePrivacy-Verordnung nicht nur Cookies regele, sondern die gesamte Kommunikation. Auch er sehe aber Anlass zu ein wenig Entspanntheit. Schon jetzt könne man in einigen Browsers oder durch Applikationen das Empfangen von Cookies vermeiden.

Das Schlusswort ging an Elisabeth Hödl, die betonte, dass Informationen der zentrale Wert seien. Es brauche nun Bewusstsein und Awareness, wie man mit diesen umgehen solle.

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