Horizont Newsletter

Veit Heiduschka: ‚Wir wollen nicht gelobt, sondern gesehen werden‘

© Wega Film

Veit Heiduschka feiert seinen 80. Geburtstag. Im HORIZONT-Interview spricht der Filmproduzent von coolen Momenten während der Oscar-Verleihung, der Zusammenarbeit mit Michael Haneke und warum er heute kein Konto in der Schweiz hat.

Dieser Artikel ist zuerst in Ausgabe Nr.20/2018 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Horizont:Sie sind geboren und groß geworden in der späteren DDR. Was waren damals die Gründe, nach Ihrer Flucht über Westdeutschland nach Österreich zu kommen?

Veit Heiduschka: Ich kam über einen ehemaligen Schulfreund nach Österreich, der ebenfalls geflüchtet ist und damals am Max Reinhardt Seminar in Wien studierte. Hier angekommen, dachte ich mir, ich kann nicht wieder zurück. Ich machte hier die Externistenmatura, die wiederum in Deutschland nicht anerkannt war. Insofern blieb ich dann auch zum Studieren in Wien.

War Ihr späterer Werdegang im Film von langer Hand geplant?

Nein. Neben dem Studium arbeitete ich am Theater und bewarb mich danach an mehreren deutschen Theatern – ohne Erfolg. Auf den Rat eines Freundes habe ich dann hier begonnen, Filmproduzenten abzuklappern. Die Tatsache, dass ich als ursprünglich gelernter Industriekaufmann eine kaufmännische Ausbildung hatte und gleichzeitig durch meine Arbeit am Theater und dank meines Studiums etwas von Kultur verstand, interessierte einen Filmproduzenten. Als Produktionsleiter beginnend, stieg ich darauf sehr schnell zum Geschäftsführer und Teilhaber auf.

Mit Ihrer eigenen Filmfirma „Wega Film“ hatten Sie 1986 mit dem Film „Müllers Büro“ den großen Durchbruch. Wie haben Sie diesen Erfolg damals wahrgenommen?

Wir haben damals in Österreich in etwa 460.000, in Deutschland circa 500.000 und in der DDR fast zwei Millionen Kinoschauer gehabt. Das war nicht nur für das Image, sondern vor allem wirtschaftlich sehr förderlich. Plötzlich war ich in der Filmszene „Everybody’s Darling“.

Kurz nach diesem Sensationserfolg kam Michael Haneke mit einem Drehbuch auf Sie zu. Was hat Sie überzeugt, mit ihm zu produzieren?

Ich kannte Haneke nicht. Der Direktor des Filminstituts rief mich an und sagte, dass er ein sehr gutes Drehbuch hat und keinen Produzenten findet, da keiner Geld riskieren wollte. Ich habe das Buch gelesen und es hatte eine unglaubliche Qualität. So viele gute Geschichten werden einem nicht angeboten. Eine Zeit lang habe ich pro Jahr in etwa 300 Drehbücher erhalten, von denen vielleicht ein oder zwei brauchbar waren.

Anfangs waren die Filme mit Haneke nicht der große Renner. Was hat Sie motiviert, an der Zusammenarbeit festzuhalten?

Weil ich erkannt habe, dass da ein Talent ist. Er arbeitete anders als andere Regisseure und beherrschte wirklich das Handwerk des Schreibens. Die ersten drei Filme mit ihm haben jedoch kein Geld eingespielt. Ganz im Gegenteil, sie haben sogar Geld gekostet. Unter anderem haben wir damals die Einnahmen aus „Müllers Büro“ dazu genutzt, diese Filme mitzufinanzieren. Dafür habe ich zwar kein Konto in der Schweiz, aber die Filme.

Sie haben in Ihrer Produzentenlaufbahn etliche Preise abgeräumt. Was bedeuten Auszeichnungen für den finanziellen Erfolg eines Filmes?

Das ist unterschiedlich. Gotthold Ephraim Lessing hat einmal gesagt: „Wir wollen nicht gelobt, sondern gelesen werden.“ Umgelegt auf uns gilt ebenso: Wir wollen nicht gelobt, sondern gesehen werden. Preise bedeuten aber natürlich etwas. Bei „Amour“ hatten wir vor dem Oscar ungefähr 70.000 Zuschauer in Österreich, danach 115.000.

Nachdem Sie 2010 für den Film „Das weiße Band“ zwei Oscar-Nominierungen erhielten, kehrten Sie drei Jahre darauf mit „Amour“ und fünf Oscar-Nominierungen nach Hollywood zurück. Die Erwartungshaltung an Sie war riesig. Was haben Sie empfunden, als in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ endlich der Name Ihres Filmes gefallen ist?

Ich war damals eiskalt wie eine Hundeschnauze. Ich dachte nur, so jetzt steht der Michael auf, jetzt küsst er seine Frau, jetzt schaut er zu, dass er am Weg zur Bühne nicht stolpert, jetzt noch die Rede erfolgreich absolvieren – that’s it. Mit dem Oscar in der Tasche hat man dann aber natürlich ein Image. Unsere Herausforderung ist es nun, dieses Image hochzuhalten.

Worauf sind Sie in Ihrer Karriere besonders stolz?

Wenn es etwas gibt, auf das ich stolz bin, dann darauf, dass ich den österreichischen Film wieder international bekannt gemacht habe. In den 70er- und 80er-Jahren existierte quasi kein österreichischer Film. Dabei ist Film die beste Visitenkarte eines Landes.

Ihr 80. Geburtstag steht unmittelbar bevor. Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Solange ich mich noch gesundheitlich dazu imstande fühle, werde ich weiter Filme machen. Ich würde unglaublich gerne einen Film über die österreichische Historie machen. Vielleicht über König Ottokar? Ich hoffe, dass es mir irgendwann noch gelingt, dafür eine internationale Finanzierung zu bekommen. Ich verdanke Österreich viel und möchte daher Österreich gerne auch weiterhin etwas zurückgeben.

[Mathias Hadwiger]


Zur Person

Prof. Dr. Veit Heiduschka, geb. am 20. Mai 1938 in Sachsen, ist ein österreichischer Filmproduzent sowie Gründer und Leiter der Wega Film. Er ist Produzent der meisten Filme von Michael Haneke. Das Filmarchiv Austria würdigt Heiduschka zum runden Geburtstag mit einer umfassenden Retrospektive im Wiener Metro-Kino.

0 Kommentare

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

* Pflichtfelder
Netiquette auf HORIZONT online

Das könnte Sie auch interessieren