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Martin Kotynek: "Das Risiko zu scheitern gehört dazu"

Nach dem Studium der Neurobiologie startete Martin Kotynek bei der Süddeutschen Zeitung, für die er fünf Jahre tätig war. 2012 wechselte Kotynek zur deutschen Wochenzeitung Die Zeit, wo er zum stellvertretenden Chefredakteur von Zeit Online aufstieg. Seit November 2018 ist er Chefredakteur des Standard.
© Peter Rigaud für Der Standard

Er will den Standard in kleinen Schritten behutsam weiterentwickeln: Chefredakteur Martin Kotynek über seine Ansätze und Ausrichtung, Paid Content und Algorithmen.

Dieses Interview erscheint auch in HORIZONT Nr. 10/2018. Noch kein Abo? Hier klicken!

HORIZONT:Sie sind Anfang November Ihre neue Aufgabe als Standard-Chefredakteur angetreten. Mit welcher Vision wollen Sie das Medium denn führen?

Martin Kotynek: Unser Ziel ist es, den Standard zur relevantesten Diskursplattform im deutschen Raum zu machen. 

Als eine der ersten Maßnahme nach außen haben Sie Leser und User zu persönlichen Gesprächen eingeladen. Welches konkrete Ergebnis hat das gebracht?

Ich habe mir das Kennenlernen in drei Schritten vorgenommen: zuerst die Kollegen intern, dann die Leser, dann den Markt und die Branche an sich. In der sehr inspirierenden Leserphase haben wir bei Abendessen im kleinen Rahmen intensiv zugehört und versucht zu verstehen, was die Bedürfnisse und Anforderungen der Menschen sind. Die erste Erkenntnis und Maßnahme daraus lautet: Von uns wird Tempo und Tiefe zugleich verlangt. 

Das ist erfahrungsgemäß schwierig.

Aber es geht. Wir haben uns dafür bereits neue Formate überlegt – und denken innerhalb der Chefredaktion nun stärker in Geschwindigkeiten. Diese splitten sich in die schnelle Sofort-Nachricht, dem gegenüber steht das langsamere, magazinige und ausgeruhte Format – und dazwischen, in der mittleren Geschwindigkeit, wollen wir den Gedanken von übermorgen, den Hintergrund, die Perspektive liefern. Dafür gibt es künftig auch entsprechende Zuständigkeiten. Mein Stellvertreter Rainer Schüller wird für die schnellen Nachrichten zuständig sein, für die anderen beiden Geschwindigkeiten suche ich derzeit zwei weitere Stellvertreter, die ich in den nächsten Wochen bekanntgeben werde. 

Für diese drei Disziplinen gibt es also künftig Zuständigkeiten auf Chefredaktions-Ebene. Wird sich das System auch auf den Ebenen darunter bis zu den Redakteuren durchziehen?

Das ist aktuell Aufgabe eines Workflow-Projekts, in dem diese Fragen durchdiskutiert werden. Es klingt vordergründig langweilig, über Basics wie Konferenzstrukturen oder Planungsabläufe zu sprechen, ist aber essentiell, um auch redaktionell weiterhin stark sein zu können. Wir werden aus diesen Workshops Annahmen treffen und dann probieren, was funktioniert.  

Und wie lautet die zweite Erkenntnis aus der Leserbefragung? 

Der verstärkte Wunsch nach Ausgewogenheit – die Leser wollen eine möglichst große Bandbreite an Meinung und Perspektive. Aus dieser Überlegung heraus ist das neue Format „Für & Wider“ entstanden, in dem wir Experten befragen und analysieren, was beispielsweise für die Strafrechtsreform und was dagegen spricht. Dazu kommt die neutrale Berichterstattung und unsere eigene Haltung, unsere eigenen Kommentare. 

Neue Formate waren auch bei der „Zeit“ Ihr Steckenpferd. Welche weiteren haben Sie für den Standard angedacht?

Vieles ist abhängig von unserem Relaunch. Wir werden sowohl Print als auch Online neue Akzente setzen. Für Print entwickeln wir aktuell eine Vision, wo wir gestalterisch hinwollen – diese werden wir in kleinen Schritten laufend realisieren. Es klingt paradox, aber wir brauchen den Mut zu kleinen Schritten: Innovation muss die Waage halten zwischen Tradition und Gewohnheiten, und zugleich Überraschung und neuen Formaten. 

Welche der drei skizzierten Geschwindigkeiten soll denn in der neuen Vision der Tageszeitung stattfinden?

Print kann in Sachen Vollständigkeit nie mit Online konkurrieren. Was Print allein auf Grund seiner Gestaltung kann, ist zu gewichten – da gilt es, Mut zu haben und bewusst eine Auswahl zu treffen. Wir wollen das Große groß und das Kleine klein machen. Das zeichnet Print aus. 

Der Print-Standard hat laut aktuellen ÖAK-Zahlen die Druckauflage 2017 verglichen zum Vorjahr um über 10.000 Stück auf 75.055 Stück zurückgefahren, auch die verkaufte Auflage sank um 3.000 Stück. Ist das ein unabwendbarer Trend der Zeit und so hinzunehmen oder setzen Sie gezielte Impulse, um diese Entwicklung zu drehen?

Der Rückgang ist auf eine Reduktion der Selbstbedienungs-Taschen und den Großverkauf, den wir eingeschränkt haben, zurückzuführen. Das erfreuliche daran ist, dass die Erlöse aus der Auflage gleichgeblieben sind. 

Stabile Erlöse bei gesunkenen Druckkosten – dem Standard bleibt also unterm Strich mehr über?

Das müssen Sie die kaufmännisch Verantwortlichen fragen. Stabile Print-Erlöse sind jedenfalls etwas Positives. 

Wie wichtig ist Ihnen persönlich das Produkt gedruckte Zeitung?

Print hat für mich – und da bin ich mit Alexander Mitteräcker einer Meinung – einen immens hohen Wert. Wir wollen, dass es Print gut geht und wir investieren in Print.

Printerlöse werden über den Markt hinweg aber tendenziell nicht mehr. Ist es Ihre Aufgabe, auch neue Erlösmodelle zu finden?

Wir freuen uns immer, wenn wir Wege finden mehr Umsatz zu erzielen. Aktuell verdienen wir gutes Geld mit unserer Auflage.

Und inwiefern wollen Sie Impulse für neue Leser setzen?

Es ist an der Zeit, dass Österreich wieder ein großes, unabhängiges investigatives Medium bekommt

Die neue Kampagne „Der Haltung gewidmet“ soll als Versprechen neue Leser ansprechen. Damit einher geht auch mein Versprechen, die investigative Recherche zu fördern. Es ist an der Zeit, dass Österreich wieder ein großes, unabhängiges investigatives Medium bekommt – das haben wir mit ersten Recherchen etwa zu den sexuellen Belästigungsvorwürfen im Skisport bereits bewiesen. 

Investigativ-Journalismus kostet aber auch Geld.

Ja, diesen Luxus muss sich der Standard leisten. 

Ist das zusätzliches Budget oder realisieren Sie das durch Umschichtungen im bestehenden Redaktionsetat? 

Natürlich sind die Mittel der Redaktion begrenzt. Die Kunst der Führung ist es, Mittel so einzusetzen, um diesen Zielen auch gerecht zu werden. Ich habe ausreichend Mittel, um unsere Ziele zu erreichen.

Neben Print: Was werden Sie im Digitalbereich verändern?

Online arbeiten wir an einem Relaunch, der technologisch auf den Erfahrungen von derstandard.de basiert. Wir werden auch hier mit neuen Ideen neue interaktive Erzählformate entwickeln. Ich orientiere mich dabei stark an internationalen Vorbildern. Gerade der US-Markt bietet tolle Beispiele, die mich inspirieren. Dabei ist mir allerdings eines wichtig: Der Weg des Standard ist nicht das Kopieren, sondern das Experimentieren. Wir machen eigene Prototypen und probieren Neues aus. Dafür schaffen wir den Rahmen. Mir ist lieber, etwas Neues zu probieren, das schiefgehen kann, als immer das gleiche zu tun, nur um auf Nummer sicher zu gehen. Das Risiko zu Scheitern gehört dazu. 

Wieviel Scheitern ist denn in diesem hochkompetitiven Medienmarkt erlaubt?

Wenn wir in kleinen Schritten vorwärts gehen gibt es auch nur kleine Risiken des Scheiterns – daraus lernt man aber stets und kommt somit sofort wieder vorwärts. Es geht auch nicht darum, für mein Ego den Riesen-Relaunch sofort hinzulegen – es geht um die Sache. Wir brauchen eine stetige Weiterentwicklung im Sinne unserer Leser.

Sie haben bei der Zeit das Paid Content-Modell Z+ miteingeführt; der Standard bietet derzeit digitale Bezahl-Abos etwa für werbefreies Lesen. Hegen Sie Überlegungen weitere Bezahlmodelle einzuführen, die auch die Inhaltsebene betreffen?

derstandard.at ist am Werbemarkt sehr erfolgreich. Wir machen uns aber trotzdem Gedanken, wie wir ein zweites Standbein aufbauen können. Das Werbe- und Tracking-freie Produkt funktioniert sehr gut, wir werden daher weitere Experimente im Laufe des Jahres starten. Wir werden aber keine klassische, harte Paywall einziehen. 

Auch aus Erfahrungen, die andere Medien damit bereits gemacht haben, nicht?

Für uns gilt es, eigene Erfahrungen zu sammeln.

Vorstand Alexander Mitteräcker hat das Thema algorithmenbasierte Ausspielung von Inhalten im Vorjahr vor Ihrer Bestellung in den Fokus gerückt. Wie ist Ihre Meinung zu solch einer technologischen Automatisierung?

Algorithmen stellen eine wichtige Helferfunktion dar. Künstliche Intelligenz hilft uns um Basics zu bewerkstelligen, etwa bei der Forenmoderation mit über 30.000 Kommentaren täglich. Ich kann mir auch vorstellen, im redaktionellen Bereich bei der Recherche mit Algorithmen zu unterstützen – etwa beim automatisierten Prüfen neuer Inhalte auf Behördenwebsites. 

Und in der Ausspielung der Inhalte?

Wichtig ist aber, dass der Mensch entscheidet.

Hier können Algorithmen wichtige Signale geben, Verhalten analysieren und Empfehlungen abgeben. Wichtig ist aber, dass der Mensch entscheidet. 

Sie schließen also aus, dass künftig nicht mehr ein Mensch entscheidet, welche Story der User wann angezeigt bekommt und welche Story wie prominent platziert wird?

Ich kann Ihnen garantieren, dass der Aufmacherbereich von derstandard.at wie bisher von Menschen gesteuert wird. 

Sie gehen also bewusst nicht in die Richtung von Facebook und Co., sodass jeder User seinen algorithmenbasierten personalisierten Standard bekommen könnte, sondern pochen auf redaktionelle, menschliche Hoheit über die Ausspielung?

Es ist immens wichtig, dass jeder User die großen Themen sieht – damit die Gesellschaft weiß, worüber die Gesellschaft gerade diskutiert. Das braucht eine einheitliche inhaltliche Basis, die Redakteure gewichten. 

Sie selbst haben bisher noch keinen Leitartikel oder Kommentar verfasst. Ist das ein bewusster Schritt?

Nein, das war der Zeit und anderen Prioritäten geschuldet. Ich bin zuversichtlich, dass ich auch wieder die Zeit fürs Schreiben und Recherchieren habe, wenn die Chefredaktion ausgeweitet ist und meine drei Stellvertreter bestellt sind.

Nach über zehn Jahren Deutschland sind Sie quasi neu in Wien. Ist es ein Vor- oder Nachteil, hier keine Beziehungen zu haben?

Ich freue mich auf das Kennenlernen, zugleich ist es schön, völlig unabhängig zu sein – das zeichnet ja auch den Standard aus. 

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