Horizont Newsletter

Leopold Ziereis: Stratege mit starken Strukturen

Leopold Ziereis und Horst Wilfinger im Gespräch, 1976
© Sündhofer

Ecken und Kanten sucht man bei ihm vergebens. In der Tat hat sich im Leben des Leopold Ziereis immer alles glatt zusammengefügt. Strategisches Denken trieb ihn dabei an und ist bis heute Quelle seiner Zufriedenheit.

Dieser Artikel ist zuerst in Ausgabe Nr. 8/2018 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Wenn das mit dem Interview ernst gemeint ist, ehrt mich das sehr. Ich bin nur nicht sicher, ob ich viel hergebe“, antwortet er auf die Interviewanfrage. Kann man so uneitel und bescheiden sein? Kann man. Später er klärt er, darauf angesprochen: „Meine Eitelkeit war schon immer reduziert, Feedback und motivierendes Lob tun gut, aber mit zunehmendem Alter schwindet der Trieb, im Mittelpunkt zu stehen und mit den Jahren verlieren Statussymbole an Bedeutung, man hält sein Ego besser unter Kontrolle.“

Banking forever

Trotz seiner 74 Jahre wirkt er jugendlich und agil. Die Werbebranche hält scheinbar wirklich frisch. Die Zeit bei Demner hat ihn stark geprägt. Nach mehreren Jahren Erfahrung als Banker und Werbeleiter bei der österreichischen Sparkasse, wie die Erste Bank damals noch hieß, holte ihn Mariusz Jan Demner in seine Agentur. Ziereis wollte sowieso die Fronten wechseln und im Agenturbusiness andere Branchen kennenlernen. Erst später erfuhr er, dass Demner gerade den Etat der Creditanstalt an Land gezogen hatte und ihn wegen seines Bank-Know-hows unbedingt haben wollte. Ziereis musste keine Sekunde übers Gehalt verhandeln, hatte aber neben der Creditanstalt fortan alle Finanzkunden, wie die Spängler Privatbank, die Bausparkasse und die Volksbank am Hals und zu betreuen. Aber er hockte endlich auf Agenturseite. Es hatte sich so gefügt.

Kreative versus Berater

„Pappenträger“ nannte man damals die Kundenberater, ein Schimpfwort, das durch die Agenturreihen hallte. Die Kreativen waren die Stars, die Berater trugen deren Arbeiten auf Pappen kschiert in großen schwarzen Mappen zum Kunden und hatten nichts zu melden. Sagen wir so, sie wussten es nicht besser, strategisch waren sie quasi unbeleckt. „Als ich 1985 bei Demner einstieg, bestand die Agentur aus circa 35 Mitarbeitern. Aber wir wuchsen schnell auf das Doppelte. Die Agentur wie ein Rudel aus dem Bauch zu führen, funktionierte nicht mehr, es waren Strukturen und definierte Abläufe notwendig“, erinnert sich Ziereis. Er hatte Strategie in der Bank gelernt und machte sich daran, sein Wissen umzusetzen. Unter anderem entwickelte er ein strategisches Regelwerk für die internen Agentuabläufe und es wird gemunkelt, dass dieser Ordner namens „Der Ziereis“ heute noch bei Demner in Gebrauch ist. Im Kontakt mit jungen ambitionierten Mitarbeitern verspürte er bald auch die Lust, Talente zu coachen. Er begann seine Dozententätigkeit an der Werbe Akademie und an der Uni für Publizistik. Zur Gründung einer eigenen Agentur fehlte ihm schlicht der Mut. „Dazu braucht man ein Denken fern von Hierarchien. Das wurde mir erziehungstechnisch nicht mitgegeben. In meinem Elternhaus herrschte eine gewisse Hierarchiehörigkeit, wie es damals oft üblich war. Ich übernahm das automatisch und es behinderte mich sehr lange. Ich wollte das ablegen, eine angstfreie Atmosphäre für mich schaffen und lernen, aus diesen Verhältnissen herauszukommen“, konstatiert er nachdenklich. Und er hat es geschafft, sich von Zwängen zu lösen, die nur behindern. Nachdem er Demner 2005 verließ, fand er zur eigentlichen Conclusio seiner Tätigkeit, zu einer nicht versiegenden Quelle wahrer Freude, wie er sagt. Es fügte sich, als er grade an der Werbe Akademie den Planning- Strategie-Lehrgang entwickelte, dass Lucas Conte, seines Zeichens erfolgreicher Kreativer im Ausland, nach Österreich zurückkehrte und hier die strategische Denkkultur anzukurbeln gedachte. Ziereis trommelte zwei weitere Werber zusammen, die auf diesem Gebiet schon Vorsprung hatten: Alice Nilsson, für strategische Planung bei FCB Kobza verantwortlich, und Markus Mazuran, der bei Wien Nord schon früh die strategische Markenführung ins Agenturportfolio aufgenommen hatte. Zu viert gründeten sie einen Verein und nannten ihn Strategie Austria. Im ersten Jahr zählte er 50 Mitglieder, heute sind es fast dreimal so viel. Ein Riesenvorteil stellte das Netzwerk dar, das alle mitbrachten. Demner zahlte gleich den doppelten Mitgliedsbeitrag ein. Anfangs war der Verein auf die Kommunikationsszene fokussiert. Heute besteht Strategie Austria aus verschiedenen Disziplinen unterschiedlichster Branchen. Unternehmen wie Meinl, Wien Energie, Kurier oder die Wiener Städtische sind mit an Bord. Als Plattform für Wissen und Gedankenaustausch zu strategischen sowie gesellschaftlich relevanten Themen werden Podiumsdiskussionen, Vorträge, Talks, Workshops und Symposien veranstaltet. Letztes Jahr konnte der deutsche Werbeguru Michael Conrad, der Leo Burnett in elf Ländern zur Nummer eins machte, als Keynote-Speaker gewonnen werden.

Der Familienmensch

Verheiratet ist Ziereis mit seiner Charlotte, eine gute Sparringpartnerin, die ihn fordert. Sie interessierte sich anfangs überhaupt nicht für ihn, aber das reizte ihn natürlich besonders. „Wir sind politisch sehr konträr und es gibt oft hitzige Diskussionen. Ich bin ja ein Gutmensch, dann sagt sie, ok, also nehmen wir jetzt einen Flüchtling auf, nur um mich aufzublättern“, erzählt Ziereis. Das Einzige, wogegen er sich verwehrt, ist unseriöser Boulevardjournalismus, dieses verschwörerische negative Weltbild, das alles nur negativ darstellt. Für ein positives Weltbild sorgen dafür die beiden sechsjährigen Zwillingsenkel Moritz und Nils. Sie machen ihm jeden Dienstag den Kopf frei. „Meine Umgebung weiß, dass ich an diesem Tag keine Termine mache. Das ziehe ich kompromisslos durch!“, sagt Ziereis. Und was geht ab am heiligen Dienstag? Die Palette ist groß und die Jungs vielfältig interessiert: Eishockey, Tenniscamp, Golf, und Fußballverein. Darüber hinaus mobilisiert er seine Erinnerungen im Kopf: Schifferl versenken, Mensch ärgere Dich nicht, Fidschi Gogal, Bilderbücher, Münzen an die Wand werfen und was ihm sonst noch Wahnsinniges einfällt. Und dann gibt es ein Haus im Waldviertel, das aussieht wie ein kleines Jagdhaus mit Wiese, Bach und Wald drumherum. Dort sind sie den Sommer über. Der perfekte Ruhestand also. So wie Ziereis ihn praktiziert, stellt er sich ihn auch vor. Und später, sehr viel später, würde er dann bitte gerne bei einer Sitzung oder beim Abschlag auf der Golfrunde einfach tot umfallen. Es wird sich fügen. 

Bericht von Suzanne Sudermann

0 Kommentare

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

* Pflichtfelder
Netiquette auf HORIZONT online

Das könnte Sie auch interessieren