Horizont 05/2020

HORIZONT № 5 6 Medien Nichts weniger als die Vermessung des heimischen Journalismus stellt der neu veröffentlichte ‚Journalismus-Report‘ dar. Die größte empirische Erhebung fördert Unerfreuliches zu Tage: Die heimischen Newsrooms werden kleiner und älter. Bericht von Stefan Binder I mmer weniger Redakteure, die im- mer mehr Arbeit verrichten müssen – was bisher als reines branchenin- ternes Gejammere galt, gibt es nun schwarz auf weiß. Rund 14 Jahre, nachdem der erste „Journalismus- Report“ veröffentlicht wurde, sei es höchste Zeit für eine erneute Erhe- bung, meinte Medienwissenschafter undMitautor Andy Kaltenbrunner bei der Präsentation Anfang der Woche: Man habe „immer wieder gemerkt, dass Kollegen Zahlen von 2006 ver- wenden“, um über die Branche zu be- richten. Drei Jahre Arbeit, zahlreiche Vorstudien und Vorerhebungen wa- ren schließlich nötig, um die veralte- ten Zahlen auf den neuesten Stand zu bringen. Herausgekommen ist die bis- her umfassendste empirische Vermes- sung des heimischen Journalismus. Beim „Journalismus-Report“ han- delt es sich nicht um eine reine Um- frage. Zunächst wurde die „Grund- gesamtheit“ der Branche erhoben, wie Kommunikationswissenschafter und Mitautor Matthias Karmasin es nennt: Personaldaten, Alters- strukturen und Ausbildungswege in Österreichs Medien. Darauf auf- bauend wurden dann 500 Personen befragt. Das Resultat auf 300 Seiten ist im Vergleich zum „Journalisten- Report 2006“ ernüchternd: Arbei- teten damals noch 7.067 Personen hauptberuflich im Journalismus, so waren es 2018/19 um 1.721 Personen weniger – ein Rückgang um rund ein Viertel. Den höchsten Journalisten- Schwund gibt es imBereich der Print- medien. „Insbesondere im Bereich der Wochen- und Monatszeitungen“, erläutert Kaltenbrunner. Arbeiten im Rundfunk nur geringfügig weniger Journalisten als 2006, so überrascht in der Ära des digitalen Medienkon- sums der Rückgang imOnline-Sektor. Das ist laut Kaltenbrunner allerdings nur „ein scheinbarer Rückgang“. Ehe- malige Online-Redaktionen wurden immer mehr in ihre Print-Mutterun- ternehmen integriert: „Digital-Only- Journalisten gibt es weniger, digitale Tätigkeiten hingegen viel mehr.“ Das ist auch eine der zentralen Verände- rungen für Journalisten: 31 Prozent der Journalisten arbeiten der Studie zufolge inzwischen mehrmedial, allerdings ist ein Bruch bei Journa- listen ab dem Alter von 40 Jahren zu sehen. Für jüngere Journalisten (rund 40 Prozent) sei es selbstverständli- cher, beide Kanäle zu bedienen, sagt Kaltenbrunner: „Das ist im interna- tionalen Vergleich aber noch immer ein sehr geringer Wert.“ In Skandina- vien würden rund 70 bis 80 Prozent der Journalisten sowohl für Print als auch für Online arbeiten. Vor allem in österreichischen Wirtschafts- und Chronikressorts wird verstärkt bi- oder trimedial gearbeitet. Auch die Ressorts selbst sind immer öfter nicht mehr ständige Heimat von Journalis- ten: „Ein Drittel ist nicht mehr einem Ressort zuordenbar“, so Medienwis- senschafterin Sonja Luef. ‚Enorme‘ Überalterung Weniger Journalisten gibt es vor allem wegen „Pensionierungen, die nicht mit jüngeren Kollegen nachbesetzt wurden“, erklärt Karmasin. Das hat auch zu einer deutlichen Alterung in den Redaktionen geführt. Seit 2006 ist das Durschnittsalter von Journa- listen um vier Jahre auf 44,5 Jahre gestiegen. „Das ist enorm viel“, warnt Kaltenbrunner. Gerade im Print- und Rundfunkbereich sei der Anteil der Journalisten unter 30 Jahren sehr klein geworden: „Es gibt Redaktionen, wo die Wahrscheinlichkeit, dass man ei- nen unter 30-Jährigen trifft, nur dann besteht, wenn er gerade seine Eltern von der Arbeit abholt, während diese Eltern gerade beraten, wie sie die Ge- neration der unter 30-Jährigen an ihre Medientitel heranführen. Da hat der österreichische Journalismus ein gro- ßes Problemder Introspektion.“ Denn vielen sei diese Überalterung selber oft gar nicht aufgefallen. „Wenn wir eine Altersentwicklung haben, die es den gut ausgebildeten Jungen schwie- rig macht, in die Unternehmen hin- einzukommen, ist das grundsätzlich nicht gut“, so Kaltenbrunner. Gäbe es weniger Frauen im Jour- nalismus, wäre der Alterschnitt noch höher. Denn Journalistinnen sind mit einem Durschnittsalter von 42,8 Jahren jünger als ihre männ- lichen Kollegen (46 Jahre) in der Redaktion. Im Vergleich zu 2006 hat sich der Anteil von Jour- nalistinnen von 42 auf 47 Prozent er- höht. Vor allem in den Kulturressorts, wo Journalistinnen mit 53 Prozent die Mehrheit stellen, ist der Frauen- anteil seit 2006 deutlich gestiegen. In den heimischen Politikressorts ist der Frauenanteil hingegen gesun- ken. Über die Ursache könne man nur spekulieren, sagt Daniela Kraus, Generalsekretärin des Presseclubs Concordia und ebenfalls Mitautorin: „Es ist das Ressort mit dem höchsten Prestige, wir können nur vermuten, dass es daher Männer dort hinzieht.“ Gleichbleibend desaströs ist das Ge- schlechterverhältnis in Österreichs Sportressorts geblieben: 90 Prozent der Sportjournalisten sind Männer. Die Journalistinnen sind im Schnitt besser gebildet als ihremänn- liche Kollegen, aber verdienen laut Kraus „weniger und sind seltener in Führungspositionen“. Insgesamt verdienen Frauen durchschnittlich 730 Euro oder 17,5 Prozent weni- ger als ihre männlichen Kollegen. Das habe auch damit zu tun, dass sie nach wie vor öfter in Teilzeit (45 Pro- zent) arbeiten als Männer (20 Pro- zent). Aber selbst wenn man die Zah- len um den Teilzeitfaktor bereinigt, verdienen Journalistinnen auch in Vollzeit rund zehn Prozent weniger als männliche Kollegen. „Auch nicht besonders rosig sieht es aus bei Lei- tungsfunktionen aus“, sagt Krause. Nur 33,5 Prozent der Führungsposten werden von Frauen besetzt. Journa- listinnen in den absoluten Toppositi- onen von Medienunternehmen sind noch seltener zu finden. Nicht nur bei Frauen werde von den heimischen Medien Potenzi- al nicht ausgeschöpft, resümiert Kaltenbrunner: „In Spanien gibt es derzeit rund 500 Medienunterneh- men, Digital Natives, die versuchen, neue Felder zu erschließen“, teils auch staatlich gefördert. ImVergleich dazu müsste Österreich „etwa 100 derartige Projekte haben“. Da sehe es derzeit aber recht mager aus. • Drei Jahre Forschung auf 300 Seiten Papier: „Der österrei- chische Journalismus-Report“ ist ab sofort bei Facultas erhältlich. © MedienhausWien ‚Digital-Only-Jour- nalisten gibt es weniger, digitale Tätigkeiten mehr.‘ Andy Kaltenbrunner , Leiter Medienhaus Wien © MedienhausWien Kolumne von Gerald Ganzger M it der Frage der Zulässigkeit der filmischen Dokumentation von polizeilichen Amtshandlungen musste sich der Oberste Gerichtshof vor Kurzem aus Anlass eines Polizei- einsatzes in Oberösterreich befassen. Maskierte Cobra-Einsatzbeamte und mehrere nicht maskierte Polizis- ten wurden vom Gericht zur Unter- stützung bei einer Fahrnisexekution gegen einen Unternehmer beige- zogen, weil der Exekutionsrichter nicht ausschließen konnte, dass es sich beim Unternehmer und seiner Ehefrau um „Staatsverweigerer“ handelt. Die Ehefrau hat über Ersu- chen des Unternehmers diese Amts- handlung mit ihrem Handy gefilmt, das Video wurde anschließend auf YouTube veröffentlicht. Einer der auf diesem Video eindeutig erkennba- ren Polizeibeamten hat die Ehefrau geklagt, die sich damit verteidigt hat, dass sie diese Aufnahmen nur „zur Dokumentation“ gemacht habe. Der OGH hat in seiner Entschei- dung zwischen dem Aufnehmen des Videos und dessen Veröffentlichung unterschieden. Das Aufnehmen des klagenden Polizeibeamten mit dem Handy war zulässig, weil die Beklag- te (Ehefrau des Unternehmers) mit den Aufnahmen nicht in die Pri- vatsphäre oder Geheimsphäre des Polizeibeamten eingedrungen ist. Der Polizeibeamte wird in der Aufnahme nicht herabgewürdigt oder unzumut- bar bloßgestellt; er wird als Polizist bei einem Polizeieinsatz, somit in der Ausübung seines Berufes, gefilmt. Entscheidungswesentlich war auch, dass die Aufnahme zur Dokumenta- tion der Amtshandlung (somit zu Be- weiszwecken) erfolgt ist und nicht der Kläger speziell beziehungsweise aus- schließlich der Kläger aufgenommen worden ist. Die Beklagte hat nämlich die gesamte Amtshandlung, somit auch andere einschreitende Polizei- beamte, gefilmt. Der klagende Polizeibeamte hat aber nicht nur die Aufnahme des Vi- deos eingeklagt, sondern auch dessen Veröffentlichung auf YouTube. Dies- bezüglich gab ihm der OGH Recht. Der OGH führt aus, dass die Veröf- fentlichung des aufgenommenen Videos auf YouTube unzulässig gewesen sei. Laut dem Obersten Ge- richtshof wurde der Kläger durch die Verbreitung im Internet einer brei- ten Öffentlichkeit „vorgeführt“. Der OGH verwies auch darauf, dass der Kläger im Video mit seinem Namen angesprochen wurde, sodass seine Anonymität ohne sachlichen Grund beeinträchtigt wurde. Diese Entscheidung zeigt deutlich, dass das Recht, Aufnahmen herzu- stellen, immer von den Umständen des Einzelfalls abhängt – bei einer polizeilichen Amtshandlung das Auf- nehmen zulässig sein kann, die Veröf- fentlichung aber dann jedenfalls un- zulässig ist, wenn der Aufgenomme- ne „in der Öffentlichkeit vorgeführt wird“ und kein besonderer Grund für die Veröffentlichung, beispielsweise ein überragendes Informationsbe- dürfnis der Öffentlichkeit, vorliegt. Dürfen Polizisten bei Amtshandlungen gefilmt werden? Dr. Gerald Ganzger ist einer der profiliertesten Medienrechts- und Litigations-PR- Experten Österreichs und Gründungspartner derWiener Rechts­ anwaltskanzlei LANSKY, GANZGER + partner (LGP). © LGP Haben auch Sie eine Frage zu einem rechtlichen Thema? Dann schreiben Sie uns: horizont@manstein.at . Aus allen Anfragen wird die jeweils spannendste von der Redaktion als nächstes Thema dieser Kolumne ausgewählt. Es besteht kein Anspruch auf Bearbeitung der übrigen Anfragen. Medienrecht Die Redaktion als Vorhof zumSeniorenheim Anzahl der Journalisten in Österreich 2006 2018/19 Anzahl Journalistinnen und Journalisten, absolute Zahlen Quelle: „Journalismus-Report“/Facultas Gesamt Print Rundfunk Online Agentur/Sonstiges 251 188 1.908 4.720 7.067 121 185 1.814 3.226 5.346 -1.721 -1.494 -94 -130 -3

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