"Zeitungen halten sich sehr gut"
 

"Zeitungen halten sich sehr gut"

#

Interview: Eugen A. Russ, Geschäftsführer und Eigentümer Russmedia, über digitale Erfolge in der globalen Nische, die internationale Medienwelt und das starke Geschäftsmodell Zeitung

HORIZONT: Russmedia hat seit vielen Jahren zwei strategische Stoßrichtungen: eine regionale und eine internationale …

Eugen A. Russ: Genauer gesagt setzen wir in Österreich, wie Ungarn und Rumänien auf Regionalität, außerdem wollen wir uns in den Regionen digital stark aufstellen. Dann gibt es die internationale Schiene, wo wir danach trachten, in der Nische rein digital möglichst global stark zu sein.

HORIZONT: Mit Classified Portalen, also digitalen Rubrikenmärkten.                               

Russ: Genau. Da gibt es Erento, Quoka, pferde.de, mascus.de, bikerszene.de und einige neue, die noch nicht spruchreif sind. Wir fokussieren auf alles, was konzentrisch um uns herum liegt, aber auch die USA sind ein Thema.

HORIZONT: Ihr Sohn, Eugen B. Russ leitet seit Jänner als Geschäftsführer die Digital-Dependence in Berlin.

Russ: Genau, dort ist das Headquarter von Erento, das in den Märkten Deutschland, UK, USA und seit kurzem in Finnland präsent ist. In Berlin wächst auch die international ausgerichtete Verkaufsunit. Eugen B. zeichnet als Geschäftsführer verantwortlich dafür.

HORIZONT: Welchen Weg ist Ihr Sohn gegangen?

Russ: Er hat an der London School of Economics studiert, war vier Jahre Berater bei Boston Consulting in der Schweiz und hat parallel seinen MBA an der University of Columbia in den USA abgeschlossen. Ich bin sehr stolz mit welcher Energie er zielgerichtet an die Aufgabe herangeht. Er agiert wie in unserem Haus bei den Top-Führungskräften üblich autark. Ich bin primär für die Gesamtstrategie des Hauses verantwortlich, nicht für die einzelnen Unternehmensteile. Da sitzen eben sehr gute Leute in unternehmerischer Eigenverantwortung.

HORIZONT: Wie ist eigentlich sein zweiter Vorname?

Russ: Er heißt Benedikt. Bei mir steht das A für Anton, in Erinnerung an meinen früh verstorbenen Vater. Aber, ja es stimmt, eigentlich wollte ich nicht Junior genannt werden (lacht).

HORIZONT: Wie war das Geschäftsjahr 2013 nach einem schwierigen Jahr 2012?

Russ: 2013 war sehr ok, überraschend in Ordnung. Ich habe erwartet, dass der Umsatz Richtung Süden geht, das war nicht der Fall. Die österreichische Zeitungslandschaft ist viel stabiler als von mir angenommen. In Deutschland sind die Reichweiten der großen Zeitungen stark gesunken: In Hamburg kommt man mit den großen Zeitungen vielleicht auf 18 Prozent Reichweite, in Berlin alle drei gemeinsam auf knapp über 25 Prozent. Da müssen sich Aldi, Edeka, Rewe und Karstadt alternative Vertriebswege überlegen, und das ist oft der Prospekt. Außerdem ist der Tausend-Kontakt-Preis für Prospekte in Deutschland deutlich niedriger aufgrund des starken Verdrängungswettbewerbs. In Österreich hat dagegen jede Regionalzeitung über 50 Prozent Reichweite, mit zwei Zeitungen kommt man überall auf 70 Prozent, selbst in Wien! Mit Prospekten schafft man vielleicht auf 30 Prozent reale Reichweite. Die Situation hierzulande ist also nachhaltig besser für Zeitungen.

HORIZONT: Woran liegt das?

Russ: Die Regionaltageszeitungen in Österreich sind fast überall stark. In Wien gibt es den PID (Presseinformationsdienst, Anm.) mit einem Inseratenbudget von 75 Millionen und eine extrem offene Politik der Stadt gegenüber Gratistageszeitungen, die sehr wenig für die Infrastruktur bezahlen müssen, ganz anders als in anderen Städten Europas. Der Wettbewerb von Heute, Krone und Österreich bringt hohe Reichweiten. Dieser Gattungsvorteil kommt allen Marktteilnehmern zugute. Ich bin davon ausgegangen, dass die Transformation Richtung digital deutlich schneller gehen würde und finde die Situation daher sehr, sehr angenehm.

HORIZONT: Wenn Sie vielleicht etwas detaillierter die Geschäftszahlen analysieren möchten?

Russ: Der regionale Grundpfeiler des Unternehmens ist sehr gut aufgestellt. Digital hat eine eigene Profitrechnung, die Umsatzrenditen kommen bereits an Print heran, in Österreich wie in Deutschland, wenn auch die Umsätze noch nicht gleichauf sind. Die Vermarktung von austria.com/plus läuft sehr gut – Gerold Riedmann und sein Team treiben das Unternehmen voran. 400 von 1.500 Mitarbeitern des Gesamthauses sind mit dem digitalen Geschäftsmodell beschäftigt. Das digitale Wachstum bringen Onlinewerbung und bei den Classifieds die Einstellgebühren. Digital trägt bereits mehr als 25 Prozent bei.

HORIZONT: Die Marke Russmedia, die es eineinhalb Jahre gibt, hat sich etabliert?

Russ: Extrem gut. Die Gesamtreichweite über alle Produkte konnten wir ausweiten. In Vorarlberg kommt Russmedia laut Brand Reach Studie von Gfk Austria täglich auf 91 Prozent Reichweite. Dem steht beispielsweise Facebook in Vorarlberg mit nur 21 Prozent gegenüber. In Ungarn und Rumänien liegen wir ebenfalls unangefochten an der Spitze in unseren Verbreitungsgebieten.

HORIZONT: Ihre Aushängemedien VN und Neue haben mit Verena Daum-Kuzmanovic und Heidrun Joachim zwei neue Chefredakteurinnen. Was hat sich verändert?

Russ: Hoffentlich wenig, denn die Strategie ist konstant und gut. Unsere Qualität bleibt die lokale Information, das gilt auch, wenn wir über Themen wie die Hypo Alpe Adria berichten, da erfährt man dann, dass Vorarlberg mit 4,7 Milliarden Euro haftet – dem dreifachen des Landesbudgets! Das ist unsere Aufgabe. Für ein objektiv recherchiertes internationales Bild abseits der überall verfügbaren Agenturmeldungen empfehlen wir unseren Partner NZZ im Kombiabo. Kennen Sie eigentlich Rob Curley?

HORIZONT: Wer ist das?

Russ: Curley ist ein junger amerikanischer Chefredakteur, der schon lange einen interessanten Blog führt und bei verschiedenen Medien war, wie der Washington Post. Er ist jetzt beim Orange County Register – das ist für mich im Moment die innovativste Zeitung in den USA. Curleys Credo lautet: Geschichten müssen Google-proof sein. Sie müssen so einzigartig sein, dass man sie eben auf Google nicht findet, sondern die Zeitung kaufen muss. Das ist ein schönes Bild. Der Orange County Register mit 500.000 Stück Auflage in der Region in L.A. ist ein spannendes Experiment des Herausgebers Aaron Kushner. Der junge Geschäftsmann machte sein Geld mit einem erfolgreichen Internetunternehmen und viele gehen davon aus, dass er mit der Zeitung scheitern wird: Digital ist sehr reduziert und hinter einer Paywall, alles wird in die gedruckte Zeitung investiert, die steigende Umsätze und hohe Reichweiten hat. Das ist ein neues Leben in dem angeschlagenen Zeitungsmarkt der USA. Wenn man diese Gedanken auf einen guten Markt wie Österreich überträgt und Energie in die gedruckte Zeitung investiert, ist noch sehr viel möglich.

HORIZONT: Diese Worte aus Ihrem Mund, wo sie doch ein Prediger der Digitalisierung sind.

Russ: Ja es stimmt, ich bin wirklich überrascht, wie gut sich Zeitungen halten, welche Ergebnisse für die Werbewirschaft geliefert werden können und wie nachhaltig das Geschäft ist.

HORIZONT: Wie geht es der Paywall der Vorarlberger Nachrichten?

Russ: Einzigartige Inhalte, die immerhin 50 Mitarbeiter produzieren, sind hinter der recht harten Paywall. Wir haben etwa 65.000 Abonnenten in Vorarlberg, mit Ungarn und Rumänien sind es 300.000 und wir wachsen digital über unseren Erwartungen. Alleine in Vorarlberg haben wir schon bald 4.000 Digitalabonnenten. Für uns ist die Paywall auch ein Marketinginstrument um an Mailadressen zu kommen.

HORIZONT: Apropos Marketing: Für Vorarlberg Online haben Sie eine Werbekampagne den Weser-Kurier kopiert, warum das?

Russ: Das war ein Fehler, wobei ich sagen muss, wir kopieren sehr gerne und wurden selbst oft kopiert. Wir laden jeden Doppelabonnenten des Weser-Kuriers und der VN zu einer Karibik-Kreuzfahrt ein (lacht) - weil den gibt es nicht. Aber selbstverständlich hätten wir fragen müssen. Wir sind aber inzwischen in gutem Einvernehmen und die Sache ist ohne Klage ausgegangen. Noch einmal: Wir gleichen mit vielen Zeitungen Konzepte ab, nicht zuletzt damit können wir uns eine schlanke Marketingabteilung halten. Es ist in unserer DNA von den Besten zu kopieren, aber man muss fragen und eine Gegenleistung offerieren. In diesem Fall ist es daneben gegangen.

HORIZONT: Wie läuft es im Osten?

Russ: Wir hängen in diesen Ländern mehr am Vertriebserlös. Das Verhältnis von 70 Prozent Anzeigen und 30 Prozent Vertriebseinnahmen hat sich aufgrund der dramatischen Lage am Anzeigenmarkt nahezu umgedreht. Doch die Märkte sind stabil, die Auflagen steigen sogar, auch die Heftpreise. Unsere Medien sind wirtschaftlich kerngesund.

HORIZONT: Wie lässt sich 2014 an?

Russ: Wie es aussieht ähnlich wie 2013, nur der Handel sucht teilweise noch seine Positionierung. Die Konjunkturindikatoren Stellenanzeigen und Immobiliengeschäft gehen gut.

HORIZONT: Sie haben im Vorjahr das Kleine Blatt eingestellt, die Neue ist geschäftlich herausfordernd …

Russ: Mit der Neuen hängen wir an der Presseförderung, das war immer so. Aber Heidrun Joachim füllt die Zeitung mit Leben und schafft einen schönen publizistischen Wettbewerb in Vorarlberg.

HORIZONT: Gegen den ORF und seinen jungen Landesdirektor Markus Klement?

Russ: Der ORF zeigt interessante neue Ansätze und ein harter Wettbewerb ist gut für alle. Wir haben auch schöne Kooperationsflächen mit dem ORF, beispielsweise bei Diskussionsabenden zur kommenden Landtagswahl.

HORIZONT: Aktuell hat ein ehemaliges Mitglied Ihres Hauses bei Funke begonnen und soll in Berlin eine Digitalunit aufbauen …

Russ: Funke hat ein gewagtes Modell, übernimmt federführend die Konsolidierung des deutschen Printmarktes. Jedenfalls freue ich mich, dass mein persönlicher Freund,ehemaliger Assistent und der spätere Geschäftsführer Stephan Thurm diese Chance wahrnimmt. Bei zwei deutschen Medienunternehmen sitzen ehemalige Mitarbeiter von uns. Dr. Dietmar Otti, ebenso ein ehemaliger Assistent von mir, ist bei Springer in führender Position. So haben wir ein enges Netzwerk auf dem für uns sehr spannenden deutschen Markt. Deren Karrieren sprechen für unser Haus und erfüllen uns mit Stolz.
stats