YouTube-Trends: Je schräger desto erfolgreich...
 

YouTube-Trends: Je schräger desto erfolgreicher

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Joanna Zhou betreibt den Kanal „Cute Life Hacks“ und setzt immer wieder auf schräge Trends.
Joanna Zhou betreibt den Kanal „Cute Life Hacks“ und setzt immer wieder auf schräge Trends.

Nach wie vor begeistern kuriose YouTube-Videos mit ungewöhnlichen Inhalten Millionen. Auch die Werbewirtschaft kann deren Potenzial für sich nutzen. Oder?

Dieser Artikel erschien in der HORIZONT-Printausgabe 41/2016 am 14. Oktober. Hier geht's zum Abo.

Es klingt verrückt: Jemand kauft Bastelkleber um rund 380 Euro, um daraus mit Natron, Lebensmittelfarben und Kontaktlinsenflüssigkeit bunten Glibber zu basteln.

Als Joanna Zhou die 140 Tuben bestellte, war sie sich allerdings ziemlich sicher, dass sich die Investition lohnen würde. Mittlerweile sind einige Wochen vergangen, seit sie ihr Video mit dem Regenbogen-Slime hochgeladen hat. Der Kunststoffbehälter voller Glibber steht noch in ihrem Büro in Linz, allerdings ist er nicht mehr so schön bunt wie auf YouTube.

Anfang Oktober verzeichnet das Video mehr als fünf Millionen Aufrufe. Damit hat es bereits mehrere Tausend Euro eingespielt, sagt Zhou. Die österreichische YouTuberin betreibt den Kanal „Cute Life Hacks“ und setzt immer wieder auf schräge Trends.

In diesem Fall wurde sie von zwei Trends inspiriert: „Da waren diese Videos, in denen 100 Schichten von etwas aufgetragen werden, zum Beispiel von Nagellack. Und auf Instagram gab es viele SlimeTutorials. Also hab ich mir gedacht, ich kombiniere das irgendwie.“

Glibber, Zerstörung & ASMR

„Ein YouTube-Kanal ist wie ein kleines Business, man muss immer am Puls der Zeit sein, Marktforschung betreiben und sich den Sehergewohnheiten anpassen“, sagt Sandra Thier von diego5 studios, dem YouTube-Netzwerk, das auch Joanna Zhou vermarktet. Es sei wichtig, Trends im Blick zu haben. Wenn es YouTuber geschickt anstellen, könnten sie ihren Kanal so gezielt „pushen“.

Auf den richtigen Trend im richtigen Moment aufgesprungen ist auch der Finne Lauri Vuohensilta. Vor rund einem Jahr lud er das erste Video auf seinen Kanal hoch. Heute hat der „Hydraulic Press Channel“ mehr als 1,5 Millionen Abonnenten, das meistgesehene Video verzeichnet über elf Millionen views. Im Zentrum der Videos steht eine Hydraulikpresse, mit der Lauri und seine Frau Anni verschiedene Dinge zerstören.

Die Idee für seinen YouTube-Kanal hatte er, nachdem er sich einige andere Videos angesehen hatte, in denen etwas kaputt gemacht wird. Heute versuche er, mindestens eine Stunde täglich YouTube-Videos zu konsumieren, „um neue Ideen zu bekommen und damit ich weiß, was gerade angesagt ist“, sagt Vuohensilta.

Eine Bowlingkugel, die von einer Hydraulik-Presse zerdrückt wird. Selbstgemachter Regenbogen-Glibber aus 140 Tuben Bastelkleber. Hundert Schichten Nagellack. Eine Badewanne voll Nutella. Ein iPhone, das in Lava geworfen wird … möglichst übertrieben und absurd – das zeichnet viele Trends auf YouTube aus.

Aber es geht auch unscheinbarer. Das zeigt zum Beispiel das YouTube-Phänomen „ASMR“. Die Abkürzung steht für „Autonomous Sensory Meridian Response“ und beschreibt eine Art Kribbeln im Kopf, das angeblich durch bestimmte Sinnesreize ausgelöst wird. Wissenschaftlich belegt ist ASMR zwar nicht, erfolgreich sind viele der ASMR-Videos aber trotzdem. Die YouTuber flüstern dabei ins Mikrofon, geben Massagen, reiben Gegenstände sanft aneinander, streichen über verschiedene Oberflächen oder knistern mit Folien.

YouTube-Trend als Teil einer Werbekampagne

Was als Nischenphänomen auf YouTube begann, hat es mittlerweile auch in die Werbung geschafft. In seiner europaweiten Frühjahrskampagne setzte Hornbach heuer online auch auf ASMR-Videos. Zusammen mit einer YouTuberin produzierte die Werbeagentur Heimat Berlin mehrere Clips. Dabei wird, ganz im Stil von anderen ASMR-Videos, in nasse Erde gegriffen, Teichfolie geknetet oder mit Heu gespielt.

Die ASMR-Kampagne sei nicht am Reißbrett entstanden, betont Tim Holtkötter. Er ist Management Supervisor bei Heimat Berlin und für den Kunden Hornbach verantwortlich. Mit den ASMR-Videos wollte man keinesfalls auf einen YouTube-Trend aufspringen. „Das basiert nicht auf irgendwelchen Zielgruppendefinitionen, Community-Potenzialen oder ähnlichem“, sagt er.

Ausgegangen sei alles von der Idee, „das heimwerkerische Schaffen als eine haptische Erlebnisreise zu sehen“. In der Recherche sei man auf ASMR gestoßen. „Da haben wir gesehen: Das passt ja eigentlich wie die Faust aufs Auge. Und es gibt unglaublich viele Menschen im Social Web, die sich für ASMR interessieren.“ 

Werber suchen nach dem Schlüssel

YouTube-Trends werblich zu nutzen, dem steht Holtkötter grundsätzlich kritisch gegenüber. „Zu sagen: Hier geistert ein Trend durch die Sozialen Netzwerke. Wie können wir diesen für uns instrumentalisieren? Welche Idee können wir daraus machen? – das ist der falsche Weg.“

In den meisten Fällen werde diese Herangehensweise von der Zielgruppe entlarvt. Auch Joanna Zhou setzt nicht blind auf schräge YouTube-Trends. Das Hauptthema ihres Kanals sind schließlich praktische Basteltipps für ihre Fans. „Ich versuche, hier die Balance zu halten“, sagt die YouTuberin. Das bedeutet: 80 bis 90 Prozent der Videos sollen Do-it-yourself-Clips sein.

„Und dann gibt es die 10 bis 20 Prozent ‚Schock-Videos‘, in denen ich etwas komplett Verrücktes zur reinen Unterhaltung mache“, sagt Zhou. Eine Idee für das nächste Video hat sie übrigens schon: Sie will den Trend rund um Snapchat-Filter mit Halloween verbinden: „Ich werde zeigen, wie man den Blumenkranz von Snapchat nachbaut.“ 

[Lukas Plank]
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