Wo geht das Internet hin?
 

Wo geht das Internet hin?

Kolumne von Walter Braun.

Tag und Nacht plärrende Werbung, Selbstdarsteller an jeder Ecke, Taschendiebe, Spione, Einbrecher, hasserfüllte Mauersprayer, Heckenschützen, Schlüssellochgucker … wäre das eine Nachbarschaft, würde man dort nicht wohnen wollen. Im digitalen Paralleluniversum nehmen wir aber jede Verirrung und Abzocke hin.

In San Francisco brachen Hacker kürzlich in das Verkehrsnetz ein und stellten alle Fahrten auf gratis. In England wiederum legten Hacker Spitalsgeräte lahm und verlangten Geld für die Freischaltung. Von Bankkonten werden Millionen heimlich abgehoben, Kundendaten in zig Millionenhöhe gestohlen … man registriert solche Vorfälle kaum noch, so regulär sind Verbrechen im Net geworden.

Als ich 1993 meine erste Reportage über den „Information Highway“ im bestseller veröffentlichte, war von all dem nicht die Rede. Kein Paradies für Kreativklau, kein Klickfang, kein Pornoimperium – kein Globalmarkt, in dem alles, absolut alles, käuflich zu erwerben ist und wo selbst die bizarrsten Begierden bedient werden.Seit wir immer mehr Aktivitäten aus der handfesten, fleischlichen Welt digital abbilden, haben wir uns extrem durchsichtig gemacht: Wo immer wir gehen, folgen uns elektronische Augen.

Am anderen Ende der Leitung sitzen Kaufleute, Agenten und die Unterwelt. Der Browserzusatz von ghostery.com, der Nutzern erlaubt zu sehen, wer ihnen auf der digitalen Schleimspur folgt, wurde bereits 50 Millionen Mal heruntergeladen. Verschiedene Metaphern sind benutzt worden, um den Zustand des Net zu beschreiben – von der verkommenen Stadt Baltimore bis zu einem verfehlten afrikanischen Staat.

Trotzdem geht jeder immer wieder hin. Wie entwickelt sich das Net weiter? Die Vordenker vom Atlantic Council schlagen fünf Szenarien vor: „Alles-beim-Alten“ bedeutet Weiterwursteln; „Konfliktzone“ würde eine Aufrüstung des Web in Richtung Cyberkrieg bedeuten; „Balkanisierung“ wäre ein Zerfall des globalen Netzes in regionale Nets; „Cyberuntergang“ impliziert eine Art Bürgerkriegszustand während „Digitalparadies“ eine sichere, freundliche Digitalwelt erhofft.

Im Moment schreitet die Konzentration fort – das Zeitalter der Digitalraubritter ist voll erblüht. Der Telekom-Riese AT&T begründet den geplanten Kauf des Medienriesen Time Warner so: Der Cyberspace wird von nur fünf Giganten kontrolliert … also braucht es mehr Giganten!Das Web wie ein Mittelalter ohne kontrollierte Staatsgrenzen, dafür mit Trutzburgen zum Schutz vor marodierenden Räuberbanden und lokalen Milizen?

[Walter Braun]
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