Wo gehen all die Marken hin?
 

Wo gehen all die Marken hin?

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Diese Woche geht's bei Walter's Weekly u.a. um virtuellen Bankraub oder die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Eye-Tracking

Marke versus Daten: Wer gewinnt?

Wenn wir auf Amazon ein Buch bestellen: Spielt da der Verlag noch eine Rolle? Oder verlassen wir uns häufiger auf die Urteile jener, die ein Produkt bereits ausprobiert haben? Die Verkaufsplattform ist zur zentralen Marke geworden. Doch selbst da ist fraglich, ob nicht Größe, Bequemlichkeit und Preis die ausschlaggebenden Momente sind.

Aus der Sicht des Anbieters besteht der Sinn einer Marke darin, für ein gutes Produkt einen guten Preis zu erzielen. Wenn Marken dauerhaft in einen Kampf mit Namenlosen gezogen werden, macht anhaltende Investition in Markenaufbau und –erhaltung nicht viel Sinn. Alleinstellung, wie etwa Apple sie im Ansehen der Kunden hat, ist selten geworden. Wer nicht eine Nische dominieren kann, ist aufgrund der großen Vergleichsmöglichkeiten in einen permanenten Preiswettkampf verwickelt.

In den vergangenen 14 Monaten sind gehäuft Vorträge und Artikel aufgetaucht, die den „Tod der Marke“ prophezeien. Vor einem Jahr hielt Stanford-Professor Itamar Simonson einen interessanten TED-Vortrag. Sein Argument war, dass zwei Kernaussagen zur Marke nur noch bedingt zutreffen: These 1 – im Zeitalter des Informationsüberflusses ist die rasche Orientierung, die Marken bieten, wichtiger denn je. Gegenargument: Ein Überblick über die Bewertungen anderer Käufer kann uns einen raschen Eindruck der Qualität geben. These 2 – Förderung von Kundentreue ist die beste Investition. Dagegen spricht, dass man besonders bei teuren Produkten nicht länger verlässlich von vergangenen Käufen auf künftige schließen kann. Heute beeinflussen Soziale Medien in starkem Maße Entscheidungen; was zählt, ist die aktuelle Stimmung im sozialen Umfeld. Damit ist natürlich auch der Einfluss der Werbung zurückgegangen.

Also: Beeinflussung aus Netzwerken plus Preisvergleichsmöglichkeiten plus Produktbesprechungen auf Einkaufsplattformen = Kaufentscheid.

In einem Kommentar in der neuen Ausgabe des „Hub Magazine“ erinnert Spencer Hapoienu, Chef der Direktmarketingagentur Insight Out of Chaos, dass der treibende Faktor für den Aufstieg der Marke ein organisch gewachsenes Medien-Ökosystem war. Das existiert nicht mehr. Ergo gibt es kein kollektives Medienerleben mehr, was auch für die Werbung und die Marke gilt. Marketing, meint Hapoienu, sei heute ‚entwurzelt’. Werbung ins digitale Umfeld zu verlagern, wohin sich die Verbraucheraufmerksamkeit verschoben hat, stößt auf Platzierungsprobleme und oft mickrige Rezeption.

Aus gutem Grund: Ich habe vor zwei, drei Jahren AdBlock eingeschaltet, weil mein alter Computer unter dem Ansturm von datenaufwändigen kommerziellen Botschaften zu ächzen begonnen hatte. Laut der jüngsten Statistik: 160.000 blockierte Werbebotschaften! Wie soll so ein Zumüllen funktionieren?

Aber da ist noch ein weiteres Moment: Wollen heutzutage nicht sehr viele Menschen selber zur ‚Marke’ werden? Führt das zu Eifersucht auf alles, das sich sichtbar abhebt, inklusive bekannte Verbrauchermarken? Auf jeden Fall scheint die junge Generation ziemlich werberesistent geworden zu sein.

Auch wenn dem narzisstischen Verlangen, sich selbst zur Marke zu stilisieren, in der Realität enge Grenzen gesetzt sind, könnte eine Folge sein, dass man Produkte auf deren unmittelbares Erlebnis reduziert. Hört sich gut an in Marketingvorträgen. Aber ‚Erlebnis’ ist wesentlich ephemerer als dauerhafte Werte. Produkte erhalten oft negative Besprechungen auf Amazon, bloß weil sie verspätet zugestellt worden sind. Wenn Erlebnis alles ist, was von der Marke bleibt, gewinnen die großen Verkaufsplattformen sowie die Ritter der Datenbank…

Quellen:

http://hubmagazine.com/archives/the_hub/2015/jan_feb/the_hub64_iooc.pdf

http://digitalmarketingmagazine.co.uk/mobile-digital-marketing/mobile-and-the-death-of-brand-loyalty/1130

https://www.youtube.com/watch?v=8l5N3EZaABU&ab_channel=TEDxTalks

http://www.newsweek.com/2014/07/18/death-mass-brand-261060.html

http://www.rainmakerfiles.com/2014/12/20/redefining-brands-the-age-of-you/

http://www.rainmakerfiles.com/2014/10/24/experience-is-the-new-brand/

http://www.newyorker.com/magazine/2014/02/17/twilight-brands

Verbrecher sitzen überall 

Die Anbieter von Sicherheitssoftware kommen regelmäßig mit atemlosen Meldungen angetanzt, wie gefährdet wir alle in der Digitalwelt wären. Diesmal aber hat Kaspersky Lab (Zentrale in Moskau, Unternehmen in UK registriert) wirklich einen Hammer auf Lager: Der größte Bankenraub aller Zeiten. Angeblich sollen 100 Banken in 30 Ländern zusammen um circa 1 Milliarde Dollar erleichtert worden sein. Die dahinterstehende Gang aus internationalen Hackern nennt sich ironischerweise Carbank. Haupteinfallsroute in die Geldspeicher waren infiltrierte Computer von Bankmitarbeitern. Angeblich war es ihnen sogar gelungen, Bankomaten so zu programmieren, dass sie zu einer gewissen Uhrzeit Geld ausspucken.

Geheimdienste und Verbrecher denken oft recht ähnlich. Vor kurzem hat Google sich gewehrt, das FBI bei weltweiten Computereinbrüchen zu unterstützen. Der Kaspersky-Bericht warnte auch davor, dass Millionen von Computern mit Spyware der amerikanischen Abwehragentur NSA infiziert sein könnten.

Der gegenwärtige Zustand ist schon schlimm genug, viel gruseliger aber ist die Prognose des aktuellen Bestsellers „Future Crimes“, wo eine Welt skizziert wird, in der alles mit allem vernetzt ist und Hacker überall einbrechen. Dann könnte sogar künstliche Intelligenz Auftragsmorde begehen (z.B. aus der Ferne den Airbag auslösen, wenn jemand auf der Autobahn unterwegs ist). Wearables in Kombination mit Smartphones plus allgegenwärtige Sensoren/Kameras werden künftig Einfahrtsschneisen in unser Gehirn darstellen. Technologien dieser Art werden eines Tages das Tor zu ‚Neuro-Hacking’ öffnen...

Quellen:

http://www.nytimes.com/2015/02/15/world/bank-hackers-steal-millions-via-malware.htmlhttp://www.telegraph.co.uk/technology/internet-security/11422343/Google-opposes-plan-to-let-FBI-hack-any-computer-in-the-world.html

http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/northamerica/usa/11416985/Millions-of-computers-may-be-compromised-by-US-spyware-report.html

http://singularityhub.com/2015/01/22/we-need-a-manhattan-project-for-cyber-security/

http://singularityhub.com/2015/02/12/the-future-of-crime-smartphone-tracking-neurohacking-and-ai-assisted-murder/

http://www.amazon.com/gp/product/0385539002?ie=UTF8&camp=1789&creativeASIN=0385539002&linkCode=xm2&tag=futucrim-su-20

http://qz.com/350981/regulator-warns-that-hacking-could-set-off-a-bank-run-or-worse/

An den Augen sollt ihr sie erkennen

Wenn es um die Milliardenschwere Welt der Digitalspiele geht, ist nichts zu teuer, um die Spielsüchtigen immer tiefer hineinzuziehen. Die demnächst auf den Markt kommende Ausgabe des Spiels „Assassin’s Creed: Rogue“ setzt eine Eye Tracking-Technik ein, die es Spielern erlaubt, Figuren auf dem Bildschirm mittels Augenbewegung hin und her zu schieben. Dazu braucht es eine Kamera (am Kopf getragen oder über dem Bildschirm angebracht) plus Infrarotlicht, das die Pupillenbewegung verfolgt.

Dass unsere Augen recht verlässlich innere Absichten enthüllen, sei hier durchaus vermerkt. Eye-Tracker werden etwa eingesetzt, um Werbewirkung oder neues Design zu testen. Diese Technologie lässt sich natürlich ausdehnen. In einem dekadenten Zeitalter, wo sogar Vorhänge zuziehen oder den Lichtschalter betätigen als zunehmend unzumutbar empfunden wird, brauchen bewegliche Funktionen im Haushalt bloß mit kleinen Motoren ausgestattet werden, um sie dann via Blick zu aktivieren (viel zu umständlich, mit Apps herumzufummeln).

Quelle:

http://theconversation.com/eye-tracking-is-the-next-frontier-of-human-computer-interaction-37596

http://venturebeat.com/2015/02/05/ubisofts-assassins-creed-rogue-will-use-tobiis-eye-tracking-technology/

[Walter Braun]
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