„Wir müssen viel und schnell lernen“
 

„Wir müssen viel und schnell lernen“

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Eugen A. Russ, Inhaber und Geschäftsführer des Vorarlberger Medienhauses: "Wir fokussieren uns auf zeitungsnahe Geschäftsmodelle."©Vorarlberger Medienhaus
Eugen A. Russ, Inhaber und Geschäftsführer des Vorarlberger Medienhauses: "Wir fokussieren uns auf zeitungsnahe Geschäftsmodelle."©Vorarlberger Medienhaus

Im Interview mit HORIZONT erzählt Eugen A. Russ, Inhaber und Geschäftsführer vom Vorarlberger Medienhaus, von Geschäftsmodellen der neuen Medienwelt und warum er keine Zeitungskongresse besucht.

HORIZONT: Herr Russ, Sie haben eine große Affinität zur digitalen Welt. Wie geht es Ihnen mit dem iPad?

Eugen A. Russ: Das iPad ist immer dabei, ich verwende es ständig. Es ist einfach genial. Aber ich benutze auch das iPhone, auch das Windows 7 Mobile gefällt mir sehr gut. Die Anlehnung an die physische Welt scheint mir ein Geheimnis des Erfolges zu sein. Das Adressbuch am iPhone funktioniert wie ein physisches Adressbuch, der iTunes-Store orientiert sich an realen CDs. Die Menschen tun sich leicht damit. Die aktuelle Erkenntnis ist, dass dies auch für Medien-Applikationen gilt. Möglichst nahe am gedruckten Produkt zu sein ist eine gute Metapher – die Menschen sind bereit dafür zu bezahlen. Das beste Beispiel am Markt ist im Moment meiner Meinung nach die iPad-Version der Tageszeitung Die Presse. Sie hat Le Monde zum 1:1 - Vorbild, die sich seit Monaten stark ans Gedruckte hält. Auch wir werden uns für die Pflicht, heißt Faksimile-App, am französischen Pionier orientieren. Die Kür wird anders aussehen.

HORIZONT: Smartphones konnten sich mit Unterstützung der Mobilfunkbetreiber rasch am Markt etablieren. Wer pusht das iPad? Ist das eine Aufgabe der Verleger?

Russ: Ja, man muss es pushen, aber es braucht auch ein bisschen mehr Zeit dafür. Das iPhone erreichte die Verbreitung von 300 Millionen Stück am Weltmarkt auch nicht innerhalb eines Vierteljahres. Es hat drei Jahre gebraucht, was nicht lange ist - an sich ein Traumergebnis. Aber wir werden uns auch beim iPad ein bisschen gedulden müssen, nach zwei Monaten kann es noch keine ausreichende Zahl an Geräten am Markt geben. Die offiziellen Zahlen liegen bei 7.000, unsere Daten sprechen von 15.000 Stück, da viele Geräte, auch die 20 Stück des Medienhauses, im Ausland gekauft wurden.

HORIZONT: Glauben Sie, dass es irgendwann einmal kein gedrucktes Papier mehr geben wird? Wolfgang Fellner schwärmte kürzlich von der unglaublichen Kostenersparnis für Verleger durch einen Umstieg auf das iPad.


Russ:
Aus der Sicht eines Gratiszeitungsverlegers ist das iPad ein Paradies, denn für einen Gratiszeitungsproduzenten ist das Drucken und Verteilen natürlich ein Horror. Aber man muss auch am iPad Abnehmer finden für sein Produkt. Print wurde schon oft totgesagt. Es hat sich durch die Einführung von Radio und TV jeweils verändert in seiner Positionierung. Ich glaube, dass Print noch auf absehbare Zeit bleibt. Aber wir richten uns auch darauf ein, dass Veränderung stattfindet und, dass ein iPad da ist, um den Markt zu shiften oder einen neuen Markt zu öffnen. Es braucht natürlich eine viel größere Verbreitung – 15.000 Geräte in Österreich, das ist noch gar nichts.

HORIZONT: Es gibt immer mehr Plattformen für Medien.

Russ: Ja, aber die sind alle verwandt miteinander und da gibt es im Hintergrund durchaus Synergien. Wir müssen uns darauf einrichten, dass wir Inhalte auf vielen Plattformen anbieten, ob das jetzt ein iPhone, iPad, irgendwelche Android-Verschnitte  sind oder das Internet. Bundleprodukte machen jedenfalls Sinn. Es gilt interessante Gesamtangebote zu machen. Das Fernsehen ist auch eine spannende Plattform der Zukunft.

HORIZONT: In welcher Form?

Russ: Wenn Google- und Apple-TV kommen und die Geräte eine höhere Auflösung und eine bessere Navigation bekommen, dann ist der Fernseher ein interessantes Ausgabegerät. Die Auflösungen der neuen Geräte sind mit Computerbildschirmen vergleichbar. Mit HD-Auflösung lässt sich eine Zeitungsseite schon gut erkennen. Und es gibt neue Navigationsgeräte, nicht Mäuse, sondern Trackpads. Apple setzt sie aktuell beim großen MacBook ein, da arbeitet man mit Gesten, das macht Sinn. Mit dieser Art der Bedienung wäre auch auf Fernsehgeräten ein intuitiver Zugang möglich. Das kommt von Google und auch von Apple.

HORIZONT: Die matchen sich um den Weltmarkt …

Russ: Das ist überhaupt spannend, was die beiden Konzerne und Facebook, aber auch Amazon machen. Wir haben vier Weltkonzerne, die um die Vorherrschaft kämpfen. Nehmen Sie Amazon. Die wissen irre viel über den Kunden. Ich bin regelmäßiger Kunde und die wissen genau wofür ich mich interessiere, was ich lese, an Büchern, an Magazinen. Ich lese beispielsweise Testberichte über Navigationsgeräte, und bekomme die Geräte gleich direkt angeboten. Amazon überlegt ja derzeit heftig auch in Inhalte, also Content, zu gehen. Weil sie extrem veredeln können, was wir Verleger anbieten. Amazon überlegt, eigene Zeitschriften herauszugeben. Magazine werden jedenfalls bald angeboten werden, auch Tageszeitungen sind ein Thema. Amazon weiß wie Facebook ganz genau was wir machen.

HORIZONT: Aber dieses Wissen zu nutzen, das ist ja noch nicht erlaubt.

Russ:
Nun, Amazon kann einfach zum Standard gehen und 10.000 Abos kaufen und die besten Kunden bedienen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich das perfekt in Werbegelder und letztlich in Deckungsbeiträge umsetzen lässt. Da bekommen wir als Verleger eine spannende Konkurrenz, die nicht immer Spaß macht.

HORIZONT: Und wie wehren Sie sich dagegen?

Russ: Wir müssen viel und schnell lernen. Wir gehen zum Beispiel nicht mehr auf Zeitungskonferenzen, wir gehen dorthin, wo die neuesten Entwicklungen stattfinden. Im Silicon Valley gibt es hunderte Unternehmen, die im Moment darüber nachdenken, wie sie den maroden Zeitungsmarkt der USA übernehmen können.

HORIZONT: Welche Konferenzen sind das? Wer nimmt daran teil?

Russ: Wir sind so ziemlich die einzigen traditionellen Medienunternehmer, die sich dorthin verirren.Es sind die Herolds der Welt, die sich dort treffen. Die BIA/Kelsey-Konferenz beschäftigt sich mit New Media und seinem Einfluss auf Unternehmen, aber eben auch damit wie die neue Medienwelt der Zukunft – mit und ohne Zeitungsmarkt – aussehen wird.

HORIZONT: Wie gefährdet ist der österreichische Printmarkt?

Russ:
Der österreichische Zeitungsmarkt ist ja extrem vital. Eine Krone, die VN, die Gratistageszeitungen erreichen junge Leute, deshalb wird es dem Markt auch auf lange Sicht gut gehen. Das unterscheidet uns natürlich dramatisch vom amerikanischen Markt.

HORIZONT: Noch?

Russ: Ich denke, das ist jetzt einfach so, aber wir müssen uns natürlich damit auseinandersetzen, dass es auch anders sein könnte. In der jungen digitalen Generation entstehen neue Medienbedürfnisse, die wir auch befriedigen müssen. Mit Print alleine kommt man nicht mehr durch. Wir müssen uns mit neuen Geschäftsmodellen auseinandersetzen, die nichts mehr mit unseren ursprünglichen Organisationsformen zu tun haben. Vor ein paar Jahren hätten wir auch nicht geglaubt, dass wir europaweit Baumaschinen vertreiben oder ein europäisches Pferdeportal führen werden. Wir haben aber nicht nur Kleinanzeigenportale, sondern auch Magazinportale – Content ist Teil der Projekte.

HORIZONT: In Österreich führt das Vorarlberger Medienhaus keine Portale dieser Art?


Russ: Österreich ist für uns kein digitaler Markt. Warum soll der Internetnutzer vor einer Grenze Halt machen? Im Internet gehen wir davon aus, dass die Märkte keinen nationalen Gesetzmäßigkeiten folgen. Hier gibt es bestenfalls Sprachgrenzen. Anders sieht es bei Inhalteseiten aus – vol.at oder vienna.at sind natürlich national und regional gebunden. Aber die Pferde auf pferde.de kommen ohnehin von überall her und interessierte Nutzer kommen von Österreich, aber auch von Spanien. Es geht nicht um Displaywerbung, sondern um den Pferdeverkauf: Wir bringen Menschen zusammen, die ein spezielles Nischeninteresse haben: die Zulieferer, die Züchter, die Käufer – dieser Marktplatz endet nicht an der österreichischen Grenze. Auch das Kleinanzeigenportal quoka.de ist für den deutschsprachigen Raum gedacht.

HORIZONT: Gibt es neue Plattformen?

Russ: Es gibt viele neue Plattformen in Rumänien, wo wir unter den Medienunternehmen die digitale Nummer eins sind. In Ungarn und Österreich sind wir die Nummer vier. Das Ziel ist es eine große Masse im digitalen Bereich anzusprechen – mit Qualitätsinhalten. Wenn man auf einer digitalen Plattform etwas startet, dann muss man dies in Deutschland tun, auch wenn man hier sehr schnell mit internationaler Konkurrenz rechnen muss. VM Digital wird daher immer mehr von Mannheim aus betrieben, wo auch der Sitz von quoka.de ist.

HORIZONT: In Vorarlberg liegen die Medienhaus-Portale laut ÖWA plus vor dem ORF-Dachangebot.

Russ: Wir sind doppelt so groß als der ORF. Das haben wir in Wien nicht geschafft, aber auch Wien entwickelt sich gut

HORIZONT: Wo erkennen Sie Zukunftsperspektiven für Ihr Unternehmen?


Russ: Wir fokussieren uns auf zeitungsnahe Geschäftsmodelle. Aber als „pure play online“. Nehmen Sie die großartige Idee von groupon.com. Das Unternehmen entstand vor einigen Jahren in Chicago. Die Idee war, dass man als Kunde Ermäßigungen bei diversen Institutionen erhält. Nehmen Sie ein Fitnesscenter. Früher schaltete es eine Anzeige in einer Zeitung. Ob diese Schaltung ein Ergebnis brachte, ein neuer Kunde über das Inserat gewonnen wurde, war nie wirklich zu erfahren. Nun bietet ein Unternehmen Coupons an. Wenn sich ein Kunde neu einschreiben möchte, lädt er sich den Coupon herunter und erhält eine ermäßigte Gebühr. Das Fitnesscenter gewinnt einen neuen Kunden und es weiß darüber hinaus, woher dieser Kunde kommt. Das ist eine spannende Entwicklung. Und von diesen Ideen gibt es viele. Wir studieren den Markt, beobachten in welche Unternehmen investiert wird, ob Investoren für eine weitere Finanzierungsrunde ihr Geld in Start-Ups stecken. Eigentlich sehr einfach zu beobachten.

HORIZONT: Planen Sie selbst in ähnliche Unternehmen zu investieren?

Russ: Ja. Beispielsweise betreiben wir die beschriebene Couponlösung unter www.teamdeal.at.

HORIZONT: Wie war die Geschäftsentwicklung des Vorarlberger Medienhauses 2010?

Russ: Das Geschäftsergebnis ist hervorragend. Wir haben auch die Kosten sehr gut im Griff …

HORIZONT: … mit weniger Mitarbeitern …

Russ: Ja. Es geht uns sehr gut. Und aus diesem Grund haben wir uns für unsere Mitarbeiter etwas Besonderes überlegt. Jeder, der ein Mobiltelefon hat, wurde kürzlich mit dem iPhone4 ausgestattet. Das ist unglaublich gut angekommen. Die übrigen Mitarbeiter erhielten Gutscheine.

HORIZONT: Wieviele iPhones haben Sie verteilt?


Russ: Rund 300. Auf diese Weise erreichen wir auch, dass unsere Mitarbeiter sich mit den Themen der Zukunft auseinandersetzen.

HORIZONT: Apropos Zukunft – wie viel Prozent ihres Umsatzes machen Sie im digitalen Bereich?

Russ: Also, wir sprechen hier vom Ergebnis für Österreich und da liegen wir inzwischen bei rund 20 Prozent.

HORIZONT:  Finden Sie in ihrem dichten Arbeitstag noch Platz zum Zeitung lesen?

Russ: Mein Tag fängt um sechs Uhr früh an. Ich trainiere am Ergometer und dabei lese ich die Zeitungen am großen Screen und erledige die E-Mails. So beginnt mein Tag im Büro mit einem leeren Schreibtisch.
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