‚Wir machen es uns zu leicht‘
 

‚Wir machen es uns zu leicht‘

Johannes Brunnbauer
Medientage 2015 Tag1 am WU Campus, am 22.09.2015 | (c) Medientage/Brunnbauer
Medientage 2015 Tag1 am WU Campus, am 22.09.2015 | (c) Medientage/Brunnbauer

Eröffnungsrede der 22. Österreichischen Medientage von Initiator Hans-Jörgen Manstein:

Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet …

Wo war der Richter, den er nie gesehen hatte?

Wo war das hohe Gericht, zu dem er nie gekommen war? Ein guter Mensch?

Ein Freund?

Einer der Teilnehmer?

Sehr geehrte Damen und Herren,

diese Sätze stammen aus dem Beginn und dem Ende des Romans „Der Prozess“ von Franz Kafka. Jeden dieser Sätze könnte man heute formulieren. Und alle wären sie aktuell wie je.

Wir leben in einer Zeit, da Vertrauen dermaßen erschüttert ist, dass Verleumdung als das Wahrscheinlichere erscheint. Wir leben in einer Zeit des permanenten Verdachts und der Verdächtigung. Der Vorverdächtigung, würde ich sagen. Fragen Sie Falter-Chefredakteur Dr. Florian Klenk. Und fragen Sie, ob er ob der Drohung Angst hatte?

Wir reden von Datenbevorratung, als hätten wir Angst, dass uns das Datenmaterial ausgehen könnte. Wir sammeln Fakten, die ausschließlich dazu dienen, einen Menschen voll zu durchleuchten, seine Gewohnheiten zu analysieren, um vorher zu wissen was er nachher tut.

Wir nennen das Transparenz. Und alle rufen nach dem transparenten Staat: die Bürgerrechtler, die Medien. Und gleichermaßen wollen sie Schutz: vor der Verletzung der Intimsphäre des Arztes oder Redaktionsgeheimnisse. Das ist, mit Verlaub, ein Widerspruch.

Wir sammeln Daten, um den Dieb – oder Terroristen – zu verhaften, noch bevor er gestohlen hätte. Und sind sogar noch stolz darauf. Auch die Medien. Und die Regierenden.

Wir schüren Angst und Abhörung von Migranten und Asylanten, ohne dass die meistens von uns je einen gesehen hätten: Wie sieht er denn aus, der Asylant?

Bevor wir vertrauen, misstrauen wir einmal. Nicht zweifeln, sondern misstrauen.

Selten in der Geschichte gab es entwickelte humane Gesellschaften wie die unsrige, die durchsetzt ist von Misstrauen, Verdacht, und gleichzeitig von einem Ausmaß an Selbstentblößung in der virtuellen Welt, die purer Narzissmus ist.

Scheinbar nebeneinander existieren die Welt des grausamen Verdachtes und der milliardenfachen Selfies, die hunderte Millionen von Menschen täglich von sich aus durch das Netz jagen.

Wir geben alles preis, ohne zu wissen, dass wir es tun. Und haben gleichzeitig das permanente Gefühl, verdächtigt und ausgeforscht zu werden.

Wir lassen uns von virtuellen Trainern quälen, den Bluthochdruck kontrollieren und manipulieren. Und entrüsten uns gleichzeitig, dass wir am Flughafen gescannt werden.

Wir betätigen hunderte Male am Tag das Handy als Kamera, als freiwilliges Ortungssystem und entrüsten uns über Überwachungskameras im öffentlichen Raum, obwohl wir zu Hause selbst eine haben, mit Infrarot-Bewegungsmelder.

Wir regen uns über die Justiz und die verschleppten Prozesse auf. Und rufen gelichzeitig nach mehr Polizei.

Wir. Wer sind wir?

Die Medien, die Blogger, die Social Communities, die täglich aus allem und jeden einen Shitstorm machen?

Die Wähler, die am liebsten nicht mehr teilhaben an klassischer Politik, weil sie abschreckend finden, auf welches Niveau die politische Klasse verkommen ist.

Die Politiker, die reagieren und intervenieren, nur mehr reagieren auf das, was die öffentliche Meinung ihnen sagt, die wiederum nichts anderes ist als veröffentlichte Meinung, die wiederum aus selbstreferenziellen Umfragen resultiert. So gehen sie alle im Kreis, mit rasender Geschwindigkeit und Eile.

Wohin, meine Damen und Herren, hat sich diese, unsere Kommunikationsgesellschaft entwickelt? Sie ist schneller, globaler, vernetzter geworden! Zum Nachdenken und zu Muße fehlt die Zeit. Außer man lädt die App „Entspannung“ herunter. Dann wird aus Muße Pflicht zur Muße.

Wo gibt es noch die Leitmedien, an die man sich halten kann, die Orientierung boten, nicht wissentlich Wahrheiten verfälschten, Tatsachen nicht wegließen und lediglich vergröberte Ausschnitte und zensierte Momente von komplexen Prozessen abbildeten?

Oder gab es die nie?

Ist es falsche Nostalgie, die uns in massenmedialen, fragmentierten und digitalisierten Welten das Gewissen glorifizieren lässt?

Wo stehen wir selbst als Teil einer Gesellschaft, die Verantwortung für sich und das Morgen übernimmt? Oder, um es wie Willy Brandt zu befragen: In welcher Welt sollen unsere Kinder und Enkel leben?

Was objektiv stimmt, ist eine Entfremdung zwischen dem, was man Staat, Gesellschaft und Demokratie nennt, was Politik sein sollte, und dem, was ist, was wir empfinden.

Wir machen gern die Medien dafür verantwortlich. Weil sie sich angeblich aus Überlebensgründen anpassen, von den Mächtigen kaufen lassen, sind sie selbst in eine Glaubwürdigkeitskrise geraten, um das eigene Weiterexistieren kämpfend und darüber ihre Mission vergessend: aufklären, informieren, korrekt darstellen.

Wir machen es uns zu leicht.

Schließlich zwingt uns niemand, diesen Medien Glauben zu schenken.

Es gibt so viele Medien und Informationsquellen, leicht zugänglich auf Klick und Knopfdruck, wie noch nie. Und für nahezu alle erreichbar. Und leistbar.

Aber so scheint es uns, es gibt niemanden mehr, der uns verlässlich durch dieses Dickicht führt, für uns auswählt, selektiert. Zumindest niemand, dem wir vertrauen. Was er tut, riskiert, den Shitstorm der Scheinaufgeregten.

Wir selbst – als Konsumenten – sind Großteils schuld daran. Wir haben das Gratis-Internet gefordert und der Gratiskultur nicht misstraut, weil es bequem war. Wir haben verlernt, dass man für gute Information ebenso wie für gute Kleidung bezahlen muss. Wir haben verdrängt, was uns was wert ist: Wir sind aber gleichzeitig zu enorm produktiven Datenlieferanten geworden, ohne uns dessen bewusst zu sein, und wundern uns jetzt, dass wir bis in unsere Tagesgewohnheiten hinein durchleuchtet sind. Dass Medien uns kalkulieren können.

Wir rufen nach Autoritäten und Kapazitäten, nach Vor- und Leitbildern und manipulieren selbst laufend an unserer Persönlichkeit herum: lassen uns zurecht schnipseln und operieren, schicken manipulierte Selfies durchs Netz und wundern uns, dass Medien auch nicht anders agieren.

Es wäre an der Zeit, dass wir das alles einmal hinterfragen. Ausnahmsweise keine unreflektierte Medienschelte betreiben. Seien wir froh, dass es so viele gibt, gleichgültig, in welchen Channels. Und dass sie miteinander im Wettbewerb stehen.

Allerdings: Es ist an der Zeit, dass Medien auch mit dem eigenen Hinterfragen beginnen. Sie sind es ja, die seit 1848 den Auftrag haben, das bürgerliche Individuum vor der Willkür des Staates zu schützen.

Sie haben Check und Balance zu leben und zu sein. Vielleicht sollten wir, meine Damen und Herren, alle Medienmenschen daran erinnern.

Investigieren und Veröffentlichen von Rohdaten und Dokumenten allein ist noch keine mediale Leistung. Das ist nicht Redaktion und nicht Journalismus.

Wir hätten theoretisch heute alles, was Berthold Brecht und Walter Benjamin in ihren Medientheorien verlangten: Medien in die man intervenieren kann, die man selbst gestalten kann, es gibt Dialogsysteme und Interaktionen.

Es funktioniert aber nicht.

Wir errichten lieber Parallel- und Antiwelten. Antagonismen liegen uns mehr.

Wir tun so, als sei digital und analog Widerspruch und ein „entweder-oder“ statt eines „sowohl-als-auch“.

Wir sehen die Welt und das Politische als Wettstreit der Neuigkeiten und brauchen jeden Tag andere: Heute Syrien, morgen Ukraine, übermorgen Griechenland und dann wieder der Massenmord in einer US-amerikanischen Schule und der Klimawandel. Jeden Tag ein ander Aufmacher.

Ukraine ist – was war da nochmal? – vergessen, die Krim ohnehin besetzt.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich bin ratlos.

Und wende mich als Ratsuchender an Sie.

Digitale Pragmatik haben wir unsere Österreichischen Medientage genannt. Und Mehrwert von Kommunikation als Untertitel.

Gemeint sind nicht nur sekundärer Mehrwert und Wertschöpfung. Gemeint ist sozialer gesellschaftlicher Mehrwert.

Machen wir uns miteinander auf, Zweiteres zu verwirklichen: Boulevard, Social Media, Qualitätsprint, öffentlich-rechtliches und privates TV. Wir – und Sie alle – haben Verantwortung. Viel Verantwortung.

Mehr fällt mir nicht ein.

Man kann auch manchmal ratlos sein.
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