,Wir können uns blind aufeinander verlassen‘
 

,Wir können uns blind aufeinander verlassen‘

Alexander Schwarzl
Lorenz Cuturi von den OÖ Nachrichten
Lorenz Cuturi von den OÖ Nachrichten

Generationenwechsel bei den Oberösterreichischen Nachrichten. Rudolf Andreas Cuturi tritt schrittweise in die zweite Reihe, drei seiner Söhne in die erste. Lorenz Cuturi (31) hat dabei eine Schlüsselrolle

Dieses Interview ist bereits in der HORIZONT-Ausgabe 39/2015 erschienen. Hier geht's zum Abo.


Die Oberösterreichischen Nachrichten aus dem Medienhaus Wimmer sind 70, Herausgeber Rudolf Andreas ­Cuturi, direkter Nachfahre des Gründers des noch viel älteren Medienhauses, ist seit 1967 am Ruder. Cuturi hat fünf Söhne, die drei mittleren übernehmen neue Rollen im Unternehmen. Lorenz Cuturi soll, ausgestattet mit vier Jahren Axel-Springer-Erfahrung, den elektronischen Bereich neu strukturieren und mit den Printprodukten vernetzen. 

HORIZONT: Sie waren letzte Woche bei der dmexco in Köln, Europas größter Messe für die digitale Industrie. Welche Eindrücke bringen sie mit?

Lorenz Cuturi: Zum einen war ich ­allein von der schieren Größe beeindruckt. 32.000 Menschen drängten sich in die drei Hallen. Meine Mission dort war es natürlich, mich über Projekte und die Szene zu informieren. Aber auch, viele Bekannte aus meinen vier Jahren beim Axel-Springer-Verlag wieder zu treffen. Unter diesen sind ja einige in der Zwischenzeit zu anderen digitalen Unternehmen gewechselt, da wurde eine Menge neuer Visitenkarten getauscht. Kurzum: In Köln gab es einiges Altbekanntes, aber auch viel Neues, Spannendes zu sehen.

HORIZONT: Was waren Ihre dmexco-Highlights?

Cuturi: Die offizielle Afterparty natürlich! – Nein, Scherz beiseite: Die Messe zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie rasant die Entwicklung in der digitalen Welt voranschreitet und wie vielschichtig unser Geschäft ist. Von ­immer ausgeklügelterem Program­matic Buying bis zu Non-intrusive Ads, der proklamierten Zukunft der Mobile-Werbung, gibt es viele spannende Ansätze, und der klassische Banner wird bald ausgedient haben. 

HORIZONT: Was davon kann man für ein printbasiertes Unternehmen rund um die Oberösterreichischen Nachrichten mitnehmen, was direkt um­setzen? 

Cuturi: Ich wurde bei Springer sicher in eine Richtung sozialisiert, wonach Online-Inhalte sehr wertvoll sind. Das Springer-Leitbild ist es auch, ein internationaler Verlag zu sein. Trotz dieses Unterschiedes, zu Springer wie generell am deutschen Markt im Vergleich zu den ÖON, gibt es Trends und Be­wegungen, deren Eindringen in Österreich sehr naheliegend ist. Man muss die Geschäftsmodelle entsprechend adaptieren. 

HORIZONT: Also keine direkten Schlüsse für das digitale Business einer Regionalzeitung? 

Cuturi: Es gibt auch in Deutschland viele starke Regionalzeitungen, aber die Märkte sind anders, die Nutzung ebenso. Und Bezahlmodelle für digitale Inhalte haben in Österreich noch eine geringere Akzeptanz. Funke arbeitet zum Beispiel bei einigen regionalen Titeln mit Bezahlmodellen. Bei den OÖN gibt es das nicht, jedoch gibt es bereits einige Premium-Artikel, die nur für registrierte User zugänglich sind. 

HORIZONT: Die Spanne bei Bezahl­modellen ist sehr breit, auf welches wird es letztlich hinauslaufen?

Cuturi: Man muss sich sehr gut über­legen, welche Inhalte es betreffen könnte, es braucht Zeit für die technische Umsetzung, man muss auch Reichweitenverluste befürchten. Die Frage ist, wann man dazu bereit ist, wann der User bereit ist. Wir verstehen die OÖN ja auch als Informationsdrehscheibe, die möglichst groß sein soll. Natürlich gibt es diese Überlegungen bei allen Tageszeitungen im Land, dem muss man sich stellen. Wann die Entscheidung fällt, ist nicht absehbar. Ich vermute aber, dass es nicht mehr allzu lange dauern wird. 

HORIZONT: Ist man in Deutschland schon weiter, weil es dort mehr Qualitätsmedien gibt, für die eben der Konsument eher digital bezahlt? 

Cuturi: Jein. In Relation zur Größe des Landes gibt es auch nicht mehr Qualitätsmedien. Aber einige dominierende Regionalzeitungen, bei denen es sich lohnt, deren Modelle genauer anzusehen – was aber in Deutschland sicher zu einer größeren Akzeptanz von digitalen Bezahlmodellen geführt hat. Das war die konsequente Umsetzung der Verlage, als man sich entschieden hat, diesen Weg zu gehen.

HORIZONT: Ist in Österreich der Schulterschluss der regionalen oder aller ­Tageszeitungen nötig?

Cuturi: Je mehr mitmachen, desto ­besser ist es. Aber jeder wird wohl seine eigene Strategie haben. Zuerst muss mal das Produkt passen. 

HORIZONT: Welche Bezahlmodelle sind am ehesten geeignet? 

Cuturi: Wenn man ohne digitales Abo gar nichts sieht, ist das für die Reichweite logischerweise am schlechtesten, es muss weiterhin Gratisartikel ­geben. Im Spagat zwischen Reichweiten und Erlösen muss man den richtigen Nerv treffen, das richtige Modell wählen. Bei Metered Models fragt sich der User eventuell, warum er für eine zweiseitige Reportage dasselbe zahlen soll wie für eine Agenturmeldung. Einzelartikel sind für den Nutzer möglicherweise am attraktivsten, weil er die Wahl hat. Aggregatoren wie Blendle sind  ­interessant, weil sie dem User breite Auswahl ermöglichen. 

HORIZONT: Gibt es Pläne für Business jenseits der Information, mit denen nennenswerte digitale Umsätze zu erzielen sind? Onlineshops etwa?

Cuturi: Wir haben einen kleinen Shop für hauseigene Produkte wie Wander-Guides. Aber wir sind kein Logistikunternehmen. Verlagsnahe Produkte für Drittmärkte sind aber immer wichtiger, etwa eine Immobilien- oder eine Jobplattform, wie wir sie als beste-stellen.at mit den Salzburger Nachrichten ­betreiben. 

HORIZONT: Wie viel Umsatz kommt aus Digital? Geht das irgendwann in Richtung zweistellige Prozentzahl? 

Cuturi: Wir sind in der glücklichen Lage, mit Print gut zu verdienen, aber mittelfristig werden mehr digitale ­Erlöse unausweichlich sein. Daran ­arbeiten alle und wir denken selbstverständlich bei allem, was wir machen, Online und Mobile mit. Aber im Vordergrund steht immer noch die Geschichte, ob die für Digital oder Analog produziert wird, ist nachrangig. Wir sind ein Verlag, der Print und Online nicht als zwei getrennte Welten sieht.

HORIZONT: Will man, wie Sie aus ­ihrer Erfahrung ebendort wissen, auf ein Drittel wie bei Springer kommen? 

Cuturi: Unsere digitalen Umsätze sind ganz sicher ausbaufähig … 

HORIZONT: Ihr Vater Rudolf Andreas Cuturi bleibt Herausgeber und Geschäftsführer der OÖN, Sie und zwei Ihrer Brüder erhalten weitere Funktionen. Was sind die Herausforderungen und Vorteile bei so einer Konstellation? 

Cuturi: Die größte Herausforderung, und das ist nicht auf eine Nachfolge in familiengeführten Unternehmen ­beschränkt, ist es, klare Grenzen und Verantwortungsbereiche zu definieren. Aber das hat bei uns von Anfang an gut funktioniert. Der Vorteil ist, dass wir uns blind aufeinander verlassen können. 

HORIZONT: Ursprünglich sollten schon Anfang des Vorjahres Schritte zum Generationenwechsel eingeleitet werden. Warum kam es zu dieser Verzögerung? 

Cuturi: Aus keinem speziellen Grund, außer jenem, dass es besser ist, solch wichtige Schritte gut vorzubereiten als Dinge zu machen, die noch nicht ganz ausgereift sind. 

HORIZONT: Sie sind in erster Linie für den elektronischen Bereich zuständig. Was haben Sie da vor?

Cuturi: Der starke regionale Fokus wird im ganzen Unternehmen verankert bleiben, ob bei Bezirks-TV, bei Life Radio oder auch bei Tips. Diese Strategie bleibt grundsätzlich gleich, obwohl wir nicht an den Grenzen Oberösterreichs haltmachen, Tips etwa reicht ja schon bis ins Burgenland, ist aber ebenso regional. 

HORIZONT: Wird die Kooperation mit anderen Bundesländer-Verlagen vertieft?

Cuturi: Gespräche werden immer geführt, dafür sind auch Einrichtungen wie der VÖZ gut geeignet, „Beste Stellen“ ist nur ein Beispiel dafür. Die He­rausforderung ist dabei aber, die ei­genen Interessen und die Interessen der Mitbewerber unter einen Hut zu bekommen – das ist manchmal ein ­Balanceakt. 

HORIZONT: Wäre nicht gerade Digital besonders dafür geeignet, über das Stammland hinauszugehen?

Cuturi: Der digitale Bereich hat sicher Potenzial, wenn man die Kräfte bündelt. 

HORIZONT: Ihr Geburtsjahr ist 1984, Sie sind ein Digital Native. Welche ­Medien haben Sie als Kind und später bevorzugt genutzt? 

Cuturi: Naturgemäß die hauseigenen Produkte, jetzt etwa gerne Die Zeit, aber ich habe immer schon auch digital gerne gelesen, es gab auch keine Hemmung, den Kindle zu benutzen. Ein Magazin, das ich wirklich gerne digital lese, ist Wired. Hier sieht man, welche Möglichkeiten es gibt, Informationen interessant und abwechslungsreich darzustellen. 
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