"Wir haben Marktversagen festgestellt"
 

"Wir haben Marktversagen festgestellt"

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Bernhard Sagmeister, Geschäftsführer des Austria Wirtschaftsservice, spricht im Interview über die Start-up-Initiativen der staatlichen Förderbank

HORIZONT: Die Start-up-Szene boomt. Als Geschäftsführer des Austria Wirtschaftsservice sind Sie mitten drin im Geschehen. Wie ist der Status quo?

Bernhard Sagmeister: Die Richtung, in die sich die Szene entwickelt, ist gut. Es gibt sehr viel Awareness für Start-ups, und jetzt ist es wichtig, ihnen nicht nur die richtigen Rahmenbedingungen zu geben, um sich entwickeln zu können, sondern auch, jenen Erfolgsbeispiele zu geben, die mit dem Gedanken spielen, etwas zu gründen. Bei den Rahmenbedingungen gibt es noch einiges zu tun. Wir wissen, dass die Start-up-Finanzierung durch die Banken­regulierung eher schwieriger wird, vor allem deswegen, weil Kapital für Start-ups zumeist mit besonderem Risiko verbunden ist.

HORIZONT: Österreich hinkt anderen Ländern allerdings noch hinterher.

Sagmeister: Es hat sich sehr viel getan, aber ja, im internationalen Vergleich können wir mit jenen Regionen, in denen sich besonders viel tut, noch nicht Schritt halten. Es besteht die Gefahr, dass wir international zurückfallen.

HORIZONT: Das aws hat 2014 eine große Initiative ins Leben gerufen und stellt 100 Millionen Euro pro Jahr für Start-ups zur Verfügung. Wohin ist ­dieses Geld bis dato geflossen?

Sagmeister: Wir haben zwar schon auch inhaltliche Schwerpunkte wie beispielsweise die Kreativwirtschaft oder den Life-Science-Bereich, aber es ist wichtig, dass wir ein sehr breites instrumentelles Angebot haben. Das fängt bei Coaching an, geht über Zuschüsse und Garantien bis hin zu Krediten und der Stärkung von Eigenka­pital. Gerade bei Letzterem haben wir zuletzt Marktversagen festgestellt. Es gibt immer weniger institutionelle Investoren, mit Ausnahme von wichtigen Playern wie SpeedInvest. Unsere Legitimation ist, dort zu unterstützen, wo es echtes Marktversagen gibt, wir wollen keinesfalls Konkurrenz machen und schauen darauf, dass sich die aufkommenden privaten Pflänzchen gut entwickeln können.

HORIZONT: Wie begegnet man diesem Marktversagen?

Sagmeister: Wir haben mit der Jungunternehmer-Offensive den Gründer-Fonds und den Business-Angel-Fonds gestartet. Das vorrangige Ziel dabei ist, dass Eigenkapital zu den Start-ups kommt, aber wir haben auch ein sekundäres Ziel: Wir wollen mit diesen Instrumenten antreten und den privaten Investoren zeigen, dass das durchaus nachhaltige Investments sind. Wir schauen beim Gründerfonds bei jeder Beteiligung, dass wir auch private Co-Investoren finden. Eigentlich wollen wir uns längerfristig sukzessive vom Markt zurückziehen, wenn wir es schaffen, dass dieses Marktversagen verschwindet.

HORIZONT: Sind es zu 100 Prozent Steuergelder, die das aws vergibt?

Sagmeister: Nein. Wir bieten insgesamt jährlich mehr als eine Milliarde Finanzierung an. Das meiste geht in Garantien und Kredite, und die sind  alle rückzahlbar. Natürlich gibt es auch Ausfälle, aber die bewegen sich in einer Größenordnung von zwei bis drei Prozent pro Jahr, der ganz große Teil kommt wieder zurück und belastet nicht das Budget. Kleinere Zuschüsse sind nicht rückzahlbar, größere Zuschüsse werden, wenn das Projekt erfolgreich ist, auch wieder zurückgezahlt. Eigenkapital gibt es sowieso zu marktkonformen Konditionen, die Ausfälle bei diesen werden von den erfolgreichen Beteiligungen überkompensiert. Ausgaben für Coaching sind quasi „verloren“ und fließen nicht als betriebswirtschaftlicher Ertrag zu uns zurück, sondern stellen einen volkswirtschaftlichen Ertrag dar. Die eine Milliarde kostet ungefähr hundert Millionen, und bei den 100 Millionen Euro Finanzierungen, die es dezidiert für Start-ups gibt, sehen wir ein ähnliches Verhältnis.

HORIZONT: Welche Ideen und Projekte haben derzeit die besten Chancen, eine Förderung des aws zu bekommen?

Sagmeister: Branchenmäßig gibt es überhaupt keine Unterschiede. Wichtig ist, dass es ein gut ausgearbeiteter, realistischer Business-Plan ist. Und so wie immer im Start-up-Bereich kommt es auf das Team beziehungsweise die Einzelperson an. Aber natürlich gibt es mehr spannende Business-Pläne im IT-Bereich als aus der Old Economy, aber auch dort gibt es sehr solide Business-Modelle. Dadurch, dass wir so viele Unternehmen begleiten, sehen wir viele erfolgreiche, aber auch einige gescheiterte Projekte. Und diese Erfahrung können wir bei der Projektanalyse weitergeben. Diese Second-Opinion-Funktion hat insbesondere für Start-ups einen echten Mehrwert, weil da diese Erfahrung oft noch nicht da ist.

HORIZONT: Wenn Facebook-Gründer Mark Zuckerberg 2004 zu Ihnen mit dem großen Plan gekommen wäre, die ganze Welt vernetzen zu wollen, hätte das wohl unrealistisch geklungen, doch heute ist er auf gutem Weg dorthin. Hat dieser geforderte Realismus von Business-Plänen nicht auch einen Nachteil?

Sagmeister: Sehr gute Frage. Ich habe aber großes Vertrauen, dass wir Mark Zuckerberg genauso begleitet hätten. Wir sind schon eine Institution, die bewusst Risiko nimmt. Uns ist nur wichtig, dass man Chancen und Risiken gleichwohl berücksichtigt und sich nicht nur die Welt schönredet.

HORIZONT: Wie viele Start-ups fördert das aws pro Jahr?

Sagmeister: Wir begleiten 2.500 bis 3.000 Start-ups pro Jahr, also etwa zehn Prozent aller Start-ups. Wir suchen uns dabei die heraus, die eher riskanter unterwegs sind und zumeist im Technologiebereich angesiedelt sind. Nach vier Jahren, was meist ein kritischer Zeitpunkt ist, sind generell noch etwa 70 Prozent am Markt. Von uns geförderte Projekte sind aber noch zu 80 Prozent am Markt. Das ist ein schöner Beweis dafür, dass unsere Feedback-Funktion besondere Früchte trägt.

HORIZONT: Wie viele unausgereifte Ideen müssen Sie ablehnen?

Sagmeister: Die Ablehnungsquote liegt im Schnitt bei 15 bis 20 Prozent. In einigen Excellence-Bereichen, wo wir mit einer Million Euro hineingehen, kann die Ablehnungsquote aber auch bei 90 Prozent liegen. Außerdem: Manches, was im ersten Moment abgelehnt wurde, führt dann nach einigen Monaten sehr wohl zu einer Zusage, wenn die Hausaufgaben bei gewissen Schwachpunkten, auf die wir hingewiesen haben, gemacht wurden.

HORIZONT: Denken die Österreicher noch zu wenig unternehmerisch?

Sagmeister: Ich bin da zwiegespalten. In der Breite im internationalen Vergleich stimmt es durchaus, dass die Österreicher noch nicht so unternehmerisch denken. Dadurch, dass wir ja vor allem die sehen, die etwas tun wollen, bin ich auf der anderen Seite auch wieder beruhigt. Wichtig ist, diese wenigen medial vor den Vorhang zu holen, damit sie andere inspirieren können und sie aus der Komfortzone herausholen.

HORIZONT: Manche Start-ups halten private Investoren für wichtiger als Förderbeamte. Wie klappt die Zusammenarbeit mit VCs und Business Angels?

Sagmeister: Das Verhältnis ist sehr ­kooperativ. Uns ist es wichtig, dass es immer mehr Business Angels gibt. Mit unserem Programm i2 ist es uns gelungen, viele Business Angels und Start-ups zusammenzubringen. Wir sehen uns eher als Katalysator, der die Business-Angel-Szene entwickeln hilft. Es gäbe nichts Schöneres für uns, als wenn wir uns am Ende des Tages zurückziehen könnten, weil wir das Markt­versagen behoben haben und es unsere Rolle nicht mehr braucht. Ein vollständiger Rückzug der aws ist aber am Ende des Tages nicht realistisch, es wird wohl immer dieses duale und komplementäre System aus staatlicher Förderung und privaten Investoren geben.

HORIZONT: Vertreter der Start-up-Szene bemängeln immer wieder, dass es in Österreich keine Mittel für eine Series A gibt – also Millionenbeträge, mit denen sich ein Start-up internationali­sieren und sein Business-Modell auf ­sichere Standbeine stellen kann.

Sagmeister: Das sehe ich differenziert. Wenn wir uns international vergleichen, dann ist das Kapitalangebot hierzulande gering, wir liegen da etwa gleichauf mit Bulgarien. Wenn man sich aber die Nachfrageseite ansieht, sowohl die private Venture-Capital-Seite als auch in den Fonds, die wir selbst managen, dann sind zumindest kurz- bis mittelfristig ausreichend Mittel da. Woran es eher scheitert, ist die Qualität der Projekte. Wer sich schwer tut, in Österreich Kapital zu bekommen, tut sich international genauso schwer. Die Medaille hat immer zwei Seiten.

HORIZONT: Die Start-up-Initiative AustrianStartups hat kürzlich in einem HORIZONT-Interview bemängelt, dass die heimische Politik immer noch nicht das Potenzial erkannt hat und quasi nichts für sie getan hat. Ihre Meinung?

Sagmeister: „Nichts getan“ würde ich keinesfalls attestieren, aber ich verstehe, dass sich aus deren Perspektive noch zu wenig getan hat. Da ist es wieder wichtig, international zu vergleichen. Im angloamerikanischen Raum gibt es wesentlich bessere Rahmenbedingungen, auch in steuerlicher Hinsicht. Mit uns ähnlichen Länder verglichen sind unsere Rahmenbedingungen aber relativ gut. Aber wie immer gilt: Das Bessere ist der Feind des ­Guten.

HORIZONT: Wo müsste man Ihrer Meinung nach ansetzen, um das Start-up-Land Österreich voranzubringen?

Sagmeister: Die Förderlandschaft ist im internationalen Vergleich schon sehr gut. Was langfristig extrem wichtig ist, ist die Bildungspolitik. Je länger ich in diesem Geschäft bin, desto mehr komme ich zu dieser Überzeugung. Man muss bei den Jugendlichen die Neugier und die Bereitschaft, Risiken einzugehen, schon sehr früh wecken. Es gibt viele, die überlegen, selbst zu gründen, wo dann aber das soziale Umfeld dagegen ist.

HORIZONT: Sie wurden 2012 vom Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie und dem Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft zum aws-Geschäftsführer bestellt. Welche Vorgaben und Erwartungen wurden Ihnen da mit auf den Weg gegeben?

Sagmeister: Im aws-Gesetz steht eine ganz klare Mission: Wettbewerbsfähigkeit, Standortsicherung und Beschäf­tigungseffekte mit besonderer Be­deutung von Innovation. Wir sind per ­Gesetz beauftragt, alle drei Jahre eine strategische Planung auszuarbeiten. Das haben wir gerade gemacht und den Start-up-Schwerpunkt noch einmal besonders zugespitzt. Was sich die Politik erwartet, ist, dass wir diese Zielsetzungen bestmöglich erfüllen, und das in einer dienstleistungsorientierten Art und Weise. In der Vergangenheit gab es durchaus zu Recht Kritik an der Transparenz der Entscheidungsprozesse der aws, dies sind Themen, an denen ich besonders stark arbeite.
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