Wir brauchen Schutz
 

Wir brauchen Schutz

Johannes Brunnbauer
Medientage 2015 Tag1 am WU Campus, am 22.09.2015 | (c) Medientage/Brunnbauer
Medientage 2015 Tag1 am WU Campus, am 22.09.2015 | (c) Medientage/Brunnbauer

Der zweite Veranstaltungstag der ÖMT startete mit einer Abrechnung des Internetkritikers und Autors Andrew Keen mit dem Mythos der vernetzten Gesellschaft. Er schilderte unter dem Titel „Das digitale Debakel“ wo wir stehen und was uns übrig bleibt

Den zweiten Veranstaltungstag eröffnete Andrew Keen, der zu den einflussreichsten Kritikern des Internets zählt, in einem vollgefüllten Saal 1 der Österreichischen Medientage. Moderiert wurde der Aufruf zum Selberdenken von Eva Weissenberger, Chefredakteurin des österreichischen Magazins News und des Portals News.at.

Mahnender Rufer der digitalen Wüste

Andrew Keen, 1960 in Hampstead geboren, studierte Geschichte und Politikwissenschaft in London, Sarajevo und an der University of California. Er lehrte an mehreren US-amerikanischen Universitäten und gründete 1995 ein erfolgreiches Internetunternehmen im Silicon Valley. Der britisch-amerikanische Autor, Redner und Unternehmer zählt weltweit zu den einflussreichsten Kritikern des Internets. So griff er in seinem ersten Buch Cult of the Amateur: How Today´s Internet ist Killing Our Culture 2008 auch Wikipedia und nicht nur die üblichen Verdächtigen an, es folgte Digital Vertigo: How Today´s Onlines Social Revolution Is Dividing, Diminishing and Disorienting Us. Und aktuell mahnt er in The Internet Is Not The Answer vor der Winner-takes-all-Economy.

Eine Frage der Größe

Seine Motivation für das letzte Buch schildert er damit, dass es mittlerweile bereits genug historische Bücher über das Internet gäbe und wir alle in den letzten 15 Jahren genug Zeit gehabt hätten festzustellen, ob das Netz die Welt besser gemacht hat oder nicht. Für ihn ist die Antwort klar: „Ich meine, dass von heute betrachtet Internet ein Fehler ist. Es ist das System geworden. Es ist nicht die Antwort.“ Was er damit meint, schilderte er eindringlich. Die von ihm postolierte „the winner takes it all“-Struktur und Natur des Internets führe in der Realität als Auswuchs des späten Kapitalismus zwangsläufig zu den dominanteren, sprich zahlungskräftigeren, Unternehmen wie Google oder Facebook. Er sieht damit den ursprünglichen Traum einer Demokratisierung als gescheitert. Es wäre nämlich keine Frage von Gut oder Böse, sondern von Größe. 

Todgeweihte des Digitalismus

Er stellte folgend auch zur Diskussion inwieweit sich Business generell im und durch das Internet verändern würde oder bereits verändert hat. So fördere die New Economy mit all ihrer Selbstdarstellung die Vernichtung von konkreten Arbeitsplätzen. Oder drastisch ausgedrückt wären z.B. Journalisten Todgeweihte des Digitalismus, Monopolisten wie Amazon zerstören Verlage und Buchhandlungen, Angestellter der „Dark Side“ – besagter Monopolisten oder Big Player - würden ausgebeutet. Keen: „Internet ist ein Self Driven Desaster!“

Das dominanteste Business Modell sei Big Data. Für ihn würde damit ein Alptraum wahr, den wir sind damit zum Produkt geworden. Wir würden beobachtet, analysiert und zum Business-Modell gemacht. Die meisten von uns könnten bereits jetzt scheinbar nicht mehr ohne Internet existieren. Und obwohl wir mobiler den je seien, wären wir auch getrennter von einander als jemals zuvor. Und nicht nur damit wären wir in dem politischen Zeitalter des Internets angekommen. Denn wir bräuchten dringend Schutz. Schutz vor Monopolen, Regulation von Big Data und Innovation als Antwort. Die nicht-kapitalistische Sharing-Community würde hier keine Antworten bieten. Für Keen ist der Markt selbst die Antwort. Er glaubt, dass das Zusammenspiel von Consumer Market, Innovation und Regularien eine mögliche Antwort auf die drängenden Probleme liefern kann.

 [Elisabeth K. Fürst]
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