‚Wir bleiben werbefrei‘
 

‚Wir bleiben werbefrei‘

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Dossier.at hat den Medien-Zukunftspreis bei den Österreichischen Medientagen in der Kategorie 'Medien' gewonnen - Chefredakteur Florian Skrabal spricht im Interview über das Geschäftsmodell von Dossier, Qualitätsjournalismus, Selbstausbeutung und Presseförderung

HORIZONT: Dossier hat seit seiner Gründung im Oktober 2012 nicht nur mit natio­nalen und internationalen Preisen auf sich aufmerksam gemacht. Internationale Medienhäuser wie BBC oder auch Medien wie der stern haben Dossier mit Rechercheprojekten beauftragt. Haben auch österreichische Verlage Dossier bereits für sich entdeckt?

Florian Skrabal: Nein. Wir sind aber bei inländischen Medien mit Rechercheaufträgen vorsichtig. Denn wir wollen den Trend, dass Verlage Redaktionen verkleinern und journalistische Aufgaben auslagern, nicht unterstützen. Der Personaldruck in den heimischen Redaktionen ist schon jetzt groß genug. Unsere journalistischen Dienstleistungen – Recherchen, datenjournalistische Auswertungen, Visualisierungen, Programmierungen – wollen wir vor allem internationalen Medien anbieten.

HORIZONT: Und wie läuft dieses Geschäft?

Skrabal: Wir haben derzeit ein großes Rechercheprojekt für ein deutsches Medium laufen, dessen Namen ich aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht verraten kann. Wir werden dieses Geschäft forcieren, indem wir nun beginnen, europäische Medienhäuser anzuschreiben und sie auf uns und unsere Leistungen aufmerksam zu machen. Wir bieten ihnen unsere Hilfe an, wenn eine Geschichte nach Österreich führt; und das kommt durchaus häufig vor. Die Medienhäuser bauen ihre Korrespondenten ab, der Bedarf, Dinge von Leuten, denen man vertraut, erledigen zu lassen, bleibt aber.

HORIZONT: Aus welchen anderen Quellen stammen die Umsätze von Dossier?

Skrabal: Als wir Dossier vor ziemlich genau zwei Jahren gegründet haben, gab es kein Geschäftsmodell. Es gab eine Idee und eine Recherche – mehr nicht. In der Zwischenzeit gibt es aber einen Businessplan.

HORIZONT: Wie sieht der aus?


Skrabal: Grob gesagt, hat Dossier drei Standbeine. Eines davon ist die Community-Paywall, die wir im Spätherbst 2014 einführen werden. Uns ist wichtig, dass dieses Modell keine Content-Paywall sein wird, denn alle unsere Inhalte werden auch in Zukunft frei zugänglich sein. Das ist uns sehr wichtig. Der Grundgedankte von Dossier ist es, Journalismus im öffentlichen Interesse zu machen und Rechercheergebnisse anderen Medien, aber auch Organisationen zur Verfügung zu stellen.

HORIZONT: Bleiben wir beim Geld. Wie wird diese Community-Paywall aussehen?

Skrabal: Es wird insgesamt drei verschiedene Preismodelle geben, die sich zwischen 52 und 1.200 Euro im Jahr bewegen. Bitte nageln sich mich jetzt nicht auf die Beträge fest – wir diskutieren im Team noch darüber. Jedes dieser Preismodelle beinhaltet Dinge, die für unsere Community einen Mehrwert bedeuten.

HORIZONT: Welchen Mehrwert beispielsweise?

Skrabal: Unsere elfteilige Serie über die Gratistageszeitung Heute ist für jeden kostenlos abrufbar. Ein E-Book, das die gesamte Serie auf eine andere Art aufbereitet, steht dann nur zahlenden Community Members zur Verfügung. Diese andere Aufbereitung von Informationen, die wir kostenlos zur Verfügung stellen, ist ein Mehrwert, denn in einem E-Book können wir die gesamte Geschichte besser erzählen. Ein Artikel muss immer für sich alleine stehen, weil man annehmen muss, dass ein Leser eben nur einen und nicht alle elf Beiträge liest. Man braucht ordnungstragende Elemente, die in einer E-Book-Version nicht notwendig sind. Im Buch kann man schönere Übergänge schreiben, außerdem wird es ein Vorwort und einen Epilog umfassen. Es wird aber noch zahlreiche andere Dinge geben, die zahlende Mitglieder kostenlos nutzen können. Video-Tutorials, beispielsweise zum Thema „Wie nutze ich das Firmenbuch“. Freie Eintritte zu Events, die Dossier veranstaltet. Die Posting-Funktion werden wir künftig nur noch in diesem „geschützten“ Bereich anbieten. Pro Quartal werden wir eine öffentliche Blattkritik anbieten. Und andere Dinge mehr.

HORIZONT: Alles in allem ein sehr innovatives Paid-Content-Modell …

Skrabal: Moment. Das ist uns wichtig: Dossier macht kein Paid-Content-Modell – bei uns werden die Inhalte frei sein. Wir wollen uns über unsere Community finanzieren. Eine Community, die unsere Arbeit gut findet und die uns finanziell unterstützt. Im Moment sagen wir noch: „Bitte spendet für uns“ – wir halten also quasi die Hand auf. In Zukunft sollen zahlende Mitglieder auch einen Mehrwert haben, der sich hinter einer Paywall befindet. Ich hoffe, dass es genug Menschen gibt, die dieses Angebot auch annehmen.

HORIZONT: Gibt’s da bereits internationale Vorbilder?

Skrabal: Ja. Etwa Krautreporter, De Correspondent und auch der Guardian. Letzerer ist erst kürzlich mit einem Dossier sehr ähnlichen Community-Modell an den Start gegangen – zu einem Zeitpunkt, als wir bereits an un­serem gearbeitet haben. Das zeigt uns, dass wir mit unserem Modell gar nicht so falsch liegen können.

HORIZONT: Die Zahlungen der Community wären also eines der drei finanziellen Standbeine von Dossier. Wie sehen die beiden anderen aus?

Skrabal: Das eine ist die Kooperation mit anderen Medienhäusern. Wie eben jene mit stern oder der BBC oder auch mit Servus TV. Dessen TV-Dokumentation über Asylunterkünfte baut auf Rechercheergebnisse von uns auf. Gemeinsam mit Servus TV wurden wir dafür heuer mit dem Robert-Hocher-Preis ausgezeichnet. Das führt mich auch schon zum dritten Standbein – unserer Academy-Schiene, mit der wir im September gestartet sind. Dort bietet Dossier Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten an – bemüht sich aber auch für Journalismusstipendien und Preisgelder.

HORIZONT: Keine Werbung?

Skrabal: Nein. Wir bleiben werbefrei. Was nicht heißen soll, dass uns Unternehmen nicht unterstützen können. Ein Unternehmen hat das schon angeboten. Es hat zu uns gemeint: „Wir finden eure Idee gut“, und der heimischen Medienlandschaft würden mehr von unserem Schlag durchaus guttun. Inhalte über das Unternehmen und Werbung will der Betrieb für seine Unterstützung nicht. Das ist für uns neu und wir überlegen nun, unsere Community nicht nur Privatpersonen, sondern auch juristischen Personen zu öffnen. Aber ganz wichtig: Es gibt keinen Einfluss auf die Redaktion von Dossier.

HORIZONT: Nimmt Dossier auch Rechercheaufträge von Unternehmen an?

Skrabal: Wir haben sogar schon eine Rechercheanfrage von einer Privatperson bekommen. (Lacht) Aber das geht in Richtung Detektei und „Die drei Fragezeichen“. Nein, so etwas machen wir nicht. Die Aufträge müssen journalistische Grundlagen haben.

HORIZONT: Angesichts von Medienstart-ups wie Dossier, aber auch wie neuwal, Paroli, deren USP Unabhängigkeit und journalistische Qualität ist, liegt der Schluss nahe, dass Qualitätsjournalismus in Österreich offenbar Sache von Start-ups wird – und ergo viel mit Selbstausbeutung zu tun hat. Ist dieser Befund richtig? Oder anders gefragt: Wie geht es Dossier finanziell?


Skrabal: Die vergangenen beiden Jahre waren sicherlich hart. Im Jahr 2012 bekam Dossier insgesamt 8.000 Euro aus Spenden. Im Vorjahr verbuchten wir immerhin 52.000 Euro an Einkünften – aus Aufträgen, Preisgeldern und auch Spenden. Heuer wollen wir 100.000 Euro Umsatz erwirtschaften – und es schaut gut aus, dass wir das auch schaffen. Der Trend ist eindeutig positiv. ­Natürlich war und ist viel Selbstausbeutung dabei. Aber: Bei welchem österreichischen Qualitätsmedium beuten sich die Mitarbeiter nicht aus? Sehen Sie sich Ö1 an. Da wird die Hälfte des Programms von freien Mitarbeitern gestaltet, von Journalistinnen und Journalisten, die weder markt- noch leistungsgerecht bezahlt werden. Vom größten Medienunternehmen des Landes. Ja, es stimmt – wir bei Dossier beuten uns selbst aus. Aber: Wir beuten uns selbst für uns selbst aus. Wir beuten uns also im besten Sinne des Wortes aus. Wir bauen etwas für uns selbst auf – nicht für irgendeinen Arbeitgeber, für den die Mitarbeiter eine Nummer sind und die bei keiner wichtigen Entscheidung für das Unternehmen mitwirken können. Natürlich – ich musste in den vergangenen zwei Jahren privat sparen. Dafür freue ich mich jeden Morgen nach dem Aufstehen aufs Arbeiten.

HORIZONT: Die Presseförderung wurde zwar gerade eben gekürzt, soll aber langfristig journalistische Qualität fördern. Wird Dossier in Zukunft einen Antrag auf Presseförderung stellen?


Skrabal: Das wird innerhalb unseres Teams hitzig diskutiert. Es gibt Stimmen, die dafür sind. Ich selbst bin dagegen. Da ist in den vergangenen zehn Jahren so viel falsch gelaufen. Es entstand über den Umweg der indirekten Presseförderung – ich meine die Vergabe von Inseraten durch die öffentliche Hand –, ein korruptes System. Die Anzeigenaufträge wurden zum Teil ja sogar freihändig vergeben. Es gibt in Österreich ein Missverständnis über die Rolle der Politik und über die Rolle der Medien. Was beide sollen und was beide dürfen. Wenn man in Deutschland jemanden erzählt, welche Dimensionen diese indirekte Presseförderung hat – also, das glauben die nicht.

HORIZONT: Es gibt bekanntlich nicht nur die 200 Millionen Euro, die die öffentliche Hand beziehungsweise Firmen, an denen der Staat die Mehrheit hält, vergibt – sondern auch die ganz offizielle, die derzeit um die neun Millionen Euro im Jahr beträgt. Davon will Dossier auch nichts haben ?

Skrabal: Wir wollen mit Dossier ein eigenes Geschäftsmodell aufbauen. Entweder wir schaffen es ohne Förderung, oder wir schaffen es nicht. Das ist meine Meinung dazu. Die Presseförderung – und ich spreche jetzt von der inoffiziellen wie von der offiziellen – hat den Leidensdruck der klassischen Medien nie so stark werden lassen, dass diese nennenswerte Innovationen hervorgebracht haben. Mir fallen zumindest innerhalb der letzten zehn Jahre wenige bis gar keine ein. Ich bin überzeugt, dass es in den Redaktionen äußerst vife Menschen gibt – aber zur Handlung gezwungen waren sie den letzten zehn Jahren nicht, weil es halt eh irgendwie gegangen ist. Das System der Presseförderung – indirekte wie offizielle – ist ungemein innovationsfeindlich.

Dieses Interview erschien am 17. Oktober in der HORIZONT-Printausgabe 42/2014. Hier geht's zur Abo-Bestellung.
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