Wie wär’s mit uns beiden?
 

Wie wär’s mit uns beiden?

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Diese Woche geht's bei Walter's Weekly um Facebook an Stelle von Vorspiel, die App-Branche und um das Recht auf Vergessenwerden

Entmenschlicht uns die Digitalwelt?

Seit Jahren werden wir angehalten, mit Dingen zu kommunizieren. Das Magazin „Wired“ bemerkte dieser Tage lapidar: „Dass der Computer uns emotionale Entscheidungen abnimmt, haben viele von uns schon einigermaßen akzeptiert.” 2015 sollte nun der große Durchbruch beim ‚Internet der Dinge’ und bei den Wearables erfolgen. Was immer der Nutzen solcher Vernetzung und Datensammelwut: Alle diese Dinge erfordern Aufmerksamkeit. Doch Lebenszeit und Aufmerksamkeit sind begrenzte Ressourcen. Wenn tragbare Elektronik und eine Millionen Apps so viel Hingabe erfordern, wo ziehen wir sie dann ab? Bei den Mitmenschen. Gestand ein Autor in der jüngsten Ausgabe der Londoner „Sunday Times“ zum Thema digitale Enthaltsamkeit:

„Meine Frau und ich hatten gerade unsere Tochter ins Bett gebracht, die Zähne geputzt und uns gewaschen. Ab unter die Decke. Wir tauschten Blicke aus, wohl wissend, dass es jetzt an der Zeit war zu tun, was Paare natürlicherweise machen. Wir liebkosten – aber nicht einander. Sie begann ihr Handy zu streicheln, während ich zärtlich meinen iPad anfasste.“

Facebook an Stelle von Vorspiel. Laut einer aktuellen Erhebung würden ein Drittel der US-Amerikaner eher Sex als das Herumfummeln mit Sozialen Medien aufgeben. Weshalb xxx am Ende einer digitalen Botschaft echte Küsse ersetzt hat. Statt gemeinsam lauthals zu lachen, tippen wir „haha“ am Ende der Textbotschaft. Statt wilder Leidenschaft im Bett haben wir Sexting und Masturbation bei Online-Porno (während die Technikfanatiker überhaupt nur noch mit Robotern leben und schlafen wollen – als wäre der Trend zum Haustier statt Mitmensch nicht schon schlimm genug).

Hunderte ‚Facebook-Freundschaften’ haben tiefe Gespräche mit echten Freunden ersetzt. Gerade eben ist eine App zum „Managen von Freundschaften“ auf den Markt gekommen. Jetzt sagen uns schon Geräte, wen wir befreunden sollen und wen nicht? Binnen weniger Jahre werden wir alle unsere instinktiven Fähigkeiten mangels Nutzung eingebüßt haben.

Kürzlich waren Facebook und Instagramm eine Dreiviertelstunde lang ausgefallen. Ein Sturm der Entrüstung. „Zum Glück gibt es noch Twitter“, stöhnte eine Zwitscherin.

Das große Versprechen der Sozialen Medien, die zwischenmenschliche Sphäre zu bereichern, scheint oft den gegenteiligen Effekt zu haben. Überbordender Narzissmus macht sich breit, Ängste quellen auf, manifester Verfolgungswahn ist salonfähig geworden. Wir sind gemeinsam im Internet, aber zunehmend allein in der wirklichen Welt...

Quellen:

http://www.dailymail.co.uk/sciencetech/article-2928261/The-app-tells-SHOULDN-T-friends-Pplkpr-ranks-relationships-tracking-affect-heart-rate.html

http://pplkpr.com/

http://www.telegraph.co.uk/technology/facebook/11371208/SocialMeltdown2015-5-things-that-happen-every-time-Facebook-goes-down.html

http://www.wired.com/2015/01/kimera-systems/

http://www.konbini.com/en/inspiration/way-out-film-internet (animierte Bilder zur Vereinsamung durch elektronische Kommunikation)

Facbook mit Bannfluch bedroht

Ein Gerichtshof in der Türkei hat angeordnet, Facebook müsse Seiten entfernen, die aufgrund ihrer Darstellung des Propheten Mohammed für gläubige Muslime anstößig wären. Dieselbe Situation gab es bereits in Pakistan: CEO Mark Zuckerberg betonte damals, er werde sich den Extremisten nicht fügen. Worauf FB abgedreht wurde, was prompt zur Entfernung der beanstandeten Bilder geführt hat.

Ein erstaunliches Verlangen: Wieso wissen die Gläubigen eigentlich von der Existenz solcher Bilder (Zeichnungen, Karikaturen) – suchen sie vorsätzlich danach? Zudem: Woher wissen die Eiferer, wie ihr religiöser Oberguru aussieht? Im Islam gibt es ein absolutes Darstellungsverbot. Wenn westliche Karikaturisten einen bärtigen Mann mit Turban zeichnen, nun, von dieser Sorte gibt es weltweit Millionen. Weshalb also die künstliche Erregung?

Türkischen Medien ist übrigens auch untersagt worden, in ihrer Berichterstattung zum Terrorvorfall in Paris das Titelblatt des Magazins „Charlie Hebdo” mit der einschlägigen Karikatur abzubilden.

P.S.: Wer drängte darauf, die EU-Grenzen bis zum Iran und nach Syrien auszudehnen?

Quelle:

http://venturebeat.com/2015/01/26/soon-turkish-court-threatens-facebook-ban-if-it-doesnt-remove-prophet-muhammad-pictures/

Mehr Umsatz als Hollywood

Einer Erhebung zufolge haben App-Entwickler im vergangenen Jahr ein Einkommen von mehr als 10 Milliarden Dollar erzielt – etwas mehr als Hollywood in den US-Kinos verdiente. Der seit 2008 kumulierte Gesamtumsatz im App Store beläuft sich mittlerweile auf 25 Milliarden Dollar. Es scheint, als würden die erfolgreichsten App-Entwickler mehr verdienen als Tinseltown‘s bestbezahlte Schauspieler. In den USA ernährt die App-Branche mittlerweile 627.000 Beschäftigte (im Vergleich dazu stehen auf Hollywoods Gehaltsliste nur 374.000 Jobs).

Quelle:

http://www.asymco.com/2015/01/22/bigger-than-hollywood/

Was taugt eigentlich das Recht auf Vergessenwerden?

Der Europäische Gerichtshof hatte im vergangenen Mai angeordnet, Google müsse Links entfernen, sobald sich jemand durch „irrelevante“ bzw. „überholte“ Inhalte gestört fühlt. Seitdem sind über 250.000 Anfragen eingegangen. Der britische „Telegraph“ hat nun nachgeforscht, welche der eigenen Geschichten der Privatzensur zum Opfer gefallen sind. Darunter eine Meldung aus dem Jahr 2003 über eine Zuhälterin, die von Frankreich aus einen europaweiten Ring von 600 Callgirls leitete. Ferner eine Meldung, wonach der norwegische Massenmörder Breivik Pläne hatte, 100 Menschen zu massakrieren. Sogar ein Link zu einem Artikel, demzufolge unter 30-Jährige Schlaganfälle erleiden können, wurde entfernt.

Was diese Zensur bewirken soll, ist nicht ersichtlich, da sie nur in Europa gilt. Wer dieselbe Suchabfrage über die US-Site von Google durchführt, findet die geschmähten Links (und Berichte dazu). Wer unterdrücktes Material ausfindig machen möchte, hier eine Übersicht zu alternativen Suchmaschinen:

http://www.listofsearchengines.org/meta-search-engines

Quelle:

http://www.telegraph.co.uk/technology/google/11036257/Telegraph-stories-affected-by-EU-right-to-be-forgotten.html

Update: Spotify

Dass Streaming-Dienste schlecht für die große Masse von Künstler sind, hat sich bewahrheitet. Die Sängerin und Songschreiberin Laura Sheeran bezahlte 350 Euro, um drei Alben plus vier EPs und drei Singles hinaufzuladen. Ihre Lieder wurden im vergangenen Jahr 40.000 Mal abgerufen. Entlohnung: nicht einmal 15 Euro. Weswegen sie der musikalischen Blutsaugmaschine Adios gesagt hat.

Streaming-Dienste sind nur gut für Künstler, hinter denen große Labels stehen und deren Musik hunderte Millionen Mal abgerufen wird und die dann weltweit teure Konzerte geben können. Alle anderen, ganz besonders unabhängige Künstler, verlieren bei Spotify & Co.

[Walter Braun]
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