Wie oft erreicht Werbung eigentlich noch ihr ...
 

Wie oft erreicht Werbung eigentlich noch ihr Ziel?

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Diese Woche geht's bei Walter's Weekly u.a. um aufdringliche Digitalwerbung, falsche Wirklichkeiten und Wearables

Houston, wir haben ein Werbeproblem 

Zur Erstellung dieses Blogs verfolge ich eine lange Liste von einschlägigen Nachrichtenquellen. Bei manchen Websites kommt allerdings mein alter PC zum Stillstand, so viel Werbung prasselt herunter. Es ist nicht nur die Menge: Aufwändig animierte Werbung wird von den Agenturen auf Kreativeffekte hin gestaltet – aber nie aus Nutzersicht optimiert, um so wenig Softwareaufwand wie möglich zu erzeugen. Beispiel Wirtschaftsmagazin „Forbes“: Will ich wirklich eine Minute lang warten, bis alle Server, auf denen Werbung lagert, abgegrast sind, und das unvermeidliche Plug-in geladen hat, ehe ich ein paar Zeilen redaktionellen Beitrags sehe? Nein, und deswegen ist „Forbes“ von meiner Leseliste gestrichen.

Dieser Schwall an undifferenzierten Kommunikationsversuchen verärgert. Und führt dazu, dass Werbeblocker millionenfach installiert werden. Was deutsche und französische Verleger, die um ihre Werbeeinnahmen fürchten, auf den Klagsweg getrieben hat. Besonders die Eyeo GmbH mit ihrem AdBlock Plus (ABP) schürt den Zorn; angeblich ist ihr Werbeverhinderer schon über 300 Millionen Mal heruntergeladen worden.

Zurzeit haben sich bloß 5 Prozent der globalen Nutzer einen digitalen Werbeschutzhelm verpasst. Das Phänomen breitet sich aber rasant aus (+ 70 Prozent in einem Jahr!) und könnte daher werbefinanzierte Medien fatal unterminieren. Die generelle Ablehnung gilt aber nicht ausgefeilteren Werbeformen (z.B. redaktionell integrierter Werbung) oder rein Text-basierenden Anzeigen.

Es ist zu viel blind gestreute, aufdringliche Digitalwerbung im Umlauf. Und verdammt viel davon im Leerlauf, wie Google jüngst zugab. Angeblich ist 56 Prozent(!) der aufgetischten Werbeware niemals in Reichweite von potenziellen Augenpaaren. Dem Suchriesen scheint der Umstand wenig auszumachen, da sie neben „Pay per Click“ (ziemlich versaut durch Click-Roboter) auch die Option „Active View“ anbieten. Hier soll ein neuer Standard von ‚Sichtbarkeit’ etabliert werden. Haut nicht jeden vom Hocker. Dass bezahlte Werbung potenziell beim Empfänger ankommen kann, sollte wohl der Mindeststandard sein.

Auch das klassische Werbefernsehen hat ein neues Problem: zunehmend geistig ausgefranste Seher. Es hat sich ziemlich eingebürgert, dass neben der Glotze gleichzeitig noch das Handy oder ein Laptop etc. benutzt werden. Laut einer aktuellen Erhebung von Nielsen und AOL ist die Hälfte(!) der Seherschaft auf diese Weise abgelenkt. Trotzdem haben die begehrtesten TV-Sendungen vorläufig noch so weit die Nase vorne, dass bloß eine Episode der Sitcom „Big Bang Theory” mehr Ad Impressions bekommt als die gesamte Plattform YouTube in einer Woche.

Quellen:

http://www.mondaynote.com/2014/12/08/the-rise-of-adblock-plus-reveals-a-serious-problem-in-the-advertising-ecosystem/

https://eyeo.com/

http://blog.pagefair.com/2014/adblocking-report/

http://qz.com/307204/google-admits-that-advertisers-wasted-their-money-on-more-than-half-of-internet-ads/

http://venturebeat.com/2014/12/05/nielsen-and-aol-discover-the-obvious-viewers-dont-remember-ads-if-they-watch-tv-while-using-a-smartphone/

http://venturebeat.com/2014/12/08/media-ad-buying-has-to-look-at-itself-in-the-mirror-heres-why/

Medien schaffen falsche Wirklichkeiten

Warum ist im Zusammenhang mit Ebola ständig von einer ‚globalen Krise’ die Rede? Zur Veranschaulichung: In den drei am stärksten betroffenen afrikanischen Ländern wurden bisher 6.330 Ebola-Todesfälle registriert. In den USA gibt bis dato 4(!) Ebolafälle; es sterben aber aufgrund von Verkehrsunfällen alle drei Monate über 8.000 Menschen auf amerikanischen Straßen. Dieser reale Blutzoll müsste von Rechts wegen eine Dauerkrisenstimmung verursachen, nicht die eingebildete Epidemie.

Warum wird so viel Wetter um alles, das aus Afrika kommt, gemacht? Weil Hilfsorganisationen das größte Interesse haben, solche Vorfälle aufzublasen, damit sie Aufmerksamkeit und viel, viel Geld erhalten. Und zynische Medien machen mit, weil sie hoffen, so die Auflagen zu steigern.

Leider ist auch die Weltgesundheitsorganisation Teil des Problems. Jüngste WHO-Meldung: Ebola-Todesfälle fallen zwar um 50 Prozent ... ABER nun könnte die Malaria wieder zunehmen. Warum? Weil so viele Hilfsmittel Richtung Ebola verschoben worden sind (fällt da jemandem etwas auf?).

Zum miesen Geschäft mit der heraufbeschworenen Angst und dem schlechten Gewissen gehört auch, Erfolge von Hilfsprojekten übertrieben darzustellen, auf dass ja nicht der Spendenfluss versickere. Panik passt offenbar einigen gut ins Geschäft, ist letztlich aber kontraproduktiv und unethisch.

Quellen:

http://www.psychologytoday.com/blog/everybody-is-stupid-except-you/201412/the-heuristic-caused-the-ebola-panic-2014

Tipp der Woche:

Für alle, die sich darum sorgen, neue Werbeformen wie „sponsored content“ („native advertsing“) würden den klassischen Journalismus zerstören, hier eine sehr gute Beobachtung (siehe Link unten). Der Schlüssel zu dem Dilemma liegt darin, zwischen „Journalismus“ und „Content“ zu unterscheiden und nicht beide in ein und denselben Topf zu werfen. Der jüngste, nicht ganz unproblematische Trend – dass Marken selbst als ‚Nachrichtenmedien’ auftreten – wird wohl am wirksamsten durch elegante Werbung innerhalb traditioneller Medien beantwortet.

Oder es passiert etwas anderes: Verlage machen Werbeagenturen Konkurrenz, indem sie auf der Basis der hauseigenen Expertise Inhalte (und ganze Websites!) für Marken produzieren. So wie es in etwa Contently, die führende Marketingagentur in diesem Bereich, tut...

Quelle:

http://pando.com/2014/12/10/theres-only-one-way-to-stop-native-advertising-from-ruining-journalism-embrace-it/

https://contently.com/

Update Wearables: Eingebaute Überflüssigkeit verträgt sich nicht mit Luxusprodukten 

Apple ist zur reichsten Firma der Welt aufgestiegen, weil ihnen ein doppelter Illusionstrick gelungen ist: Zum einen ist es Teil ihrer Marken-DNA, der kleine David im Kampf gegen Goliath Microsoft zu sein. Zum anderen verkaufen sie ihrer weltweiten Anhängerschar Luxusprodukte, denen eine wesentliche Dimension fehlt: Haltbarkeit. Es gibt nur noch eine andere Produktkategorie, wo so etwas geht, nämlich die Mode.

Ansonsten will man für sein gutes Geld nicht bloß Qualität, sondern auch Beständigkeit. Jean-Claude Biver, beim Luxuskonzern LVMH zuständig für Uhren, meint: „Wie kann man einen Preis von 2.000 Dollar für eine Smart Watch rechtfertigen, wenn die Technik in zwei Jahren obsolet ist?“

Luxus ist auf dem Eindruck der Ewigkeit gebaut, nicht auf Upgrading. Eine sehr teure Uhr hat den Stellenwert von Schmuck, während elektronisches Spielzeug von vorneherein auf Überflüssigkeit hin positioniert ist.

Die ganze Welt wartet darauf, dass die Apple Watch im kommenden Jahr den Trend zu Wearables so richtig lostreten wird. Die Schätzungen schwanken wild – von 10 bis 60 Millionen verkauften Stück im ersten Jahr. Entscheidend wird sein, wie gut sich die neue Konsumelektronik in den Alltag integrieren lässt. Darum verdient die Modeindustrie Aufmerksamkeit. Unter anderen arbeitet bereits Ralph Lauren daran, Sensoren in Textilien zu integrieren. Kleidung wird wirklich getragen – das braucht nicht erst promotet zu werden.

Quelle:

http://www.mondaynote.com/2014/12/08/apple-watch-hard-questions-facile-predictions/

http://www.mondaynote.com/2014/09/14/apple-watch-is-and-isnt/

http://www.wired.co.uk/news/archive/2014-12/09/internet-of-things-le-web-2014

Update Wearables: Eine dunkle Seite

Eine Anwendung, die hofft, im Windschatten des Wearble-Trends nach oben zu schwimmen, ist Gehirnstimulation (tDCS – transcranial direct current stimulation). Braucht im Prinzip nur Elektroden, eine Batterie und eine App zur Steuerung von sanften Stromstößen.

Die ersten kommerziellen Anwendungen sind bereits auf dem Markt. Die Anbieter locken mit wilden Versprechungen, man könne Gefühle regulieren, leistungsfähiger werden, die Konzentration und das Gedächtnis verbessern, seine Kreativität anzapfen etc. Das im kommenden Jahr vermarktete Thync verspricht sogar mehr Willenskraft. Ganz klar, werden viele Do-it-yourself Experimentierer versuchen, sich einen ‚Gehirnorgasmus’ zu verpassen.

Das Problem: Dahinter steckt mehr Wunschdenken als seriöse Forschung. Eine aktuelle Oxford-Studie zeigte, dass nur gewisse Persönlichkeiten profitierten (z.B. Angstreduktion), während sich bei anderen die Situation verschlechterte. Korrekterweise sollten diese Dinge als medizinische Geräte (mit entsprechenden rechtlichen Auflagen) betrachtet werden. Man stelle sich eine Zukunft vor, bei der die eine Hälfte der Menschheit auf Glückspillen ist, während die andere an ihrem digitalen Hirnschlauch hängt und debil grinsend durchs Leben schlurft...

Quelle:

http://www.dailymail.co.uk/sciencetech/article-2868245/Does-zapping-boost-brain-power-harm-good-Scientists-call-electrical-stimulation-regulated.html

http://jn.sfn.org/press/December-10-2014-Issue/zns05014016605.pdf

[Walter Braun]
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