Wie leistungsfähig ist die Digitalwirtschaft ...
 

Wie leistungsfähig ist die Digitalwirtschaft wirklich?

Seb Braun/www.sebbraun.co.uk
Die Digitalisierung krempelt nahezu alle Branchen um.
Die Digitalisierung krempelt nahezu alle Branchen um.

Diese Woche geht's bei Walter's Weekly unter anderem um die zweifelhaften Darstellungen der Digitalwirtschaft in den Medien.

Ständig finden Konferenzen statt, die radikale Umbrüche ausloben. Titel einer aktuellen Messe in London: "Transforming and Innovating with Disruptive Technologies". Es soll der Eindruck von 'kreativ' und 'innovativ' hängen bleiben, während die Folgen der 'Zerstörung' unter den Tisch fallen. Typische Headline eines schwärmerischen Berichts: "Disruptive startups set to make billions".

Woher kommen diese Milliarden eigentlich? Bringen organisierte private Taxifahrten insgesamt mehr Umsatz oder gehen sie bloß auf Kosten bestehender Unternehmen? Anderes Beispiel: Restaurants, die Essen zustellen, können mehr potentielle Kunden über Plattformen wie Deliveroo erreichen. Aus volkswirtschaftlicher Sicht interessiert aber nicht die größere Auswahl/ Bequemlichkeit für Kunden, sondern ob in der Branche neue Umsätze generiert werden oder ob bloß zusätzliche Vermittlungsgebühren anfallen und die Gewinne der Teilnehmer schmälern. Das Auftauchen von Mittlern alleine ist kein Anzeichen von Wirtschaftswachstum.

Das ist keine rein akademische Frage. Ist die Digitalwirtschaft ein großer ökonomischer Antreiber oder bloß ein Nullsummenspiel (das noch dazu die fatale Nebenwirkung hätte, Reichtum zu konzentrieren)? Oder liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte?

Harte Fakten, bitte

Statt gebetsmühlenartiger Glaubenserklärungen braucht es detaillierte Erhebungen zu Umsätzen und Produktivitätsgewinnen in der Digitalwirtschaft, über gewonnene und verlorene Arbeitsplätze und dergleichen. Auf europäischer Ebene scheint man sich des Problems bewusst zu werden; eine eigene Forschungsgemeinschaft produziert einen monatlichen Report zum Zustand des Digitalwesens.

Ein aktueller, umfassender Bericht in Großbritannien kommt zu dem Schluss, die Digitalwirtschaft wachse um ein Drittel rascher als der Rest. Betroffen sind vor allem folgende Branchen, deren Digitalanteil enorm zugenommen hat:

  • Marketing/PR/Design – etwa 44 Prozent des Geschäfts findet im Digitalsektor statt
  • Wissenschaft/High-tech, 38 Prozent
  • Luftfahrt/Militär, 36 Prozent
  • Film/Medien, 33 Prozent
  • Elektronische Ausrüstung/Instrumente, 32 Prozent
  • Elektronische Komponenten, 30 Prozent
  • Print Verlage, 28 Prozent


Vergleichsweise weniger von der Digitalrevolution berührt erscheinen die Kunstszene, Personalführung in Unternehmen sowie das Bildungswesen.

Der positive Effekt von Disruption, merkten die Studienautoren an, bestehe in Diffusion – etablierte Wirtschaftszweige gewöhnen sich neue, effizientere Verfahrensweisen an.

>> Aktueller Lesetipp: Platform Revolution: How Networked Markets Are Transforming the Economy--And How to Make Them Work for You, von Geoffrey G. Parker et al, Verlag W W Norton & Co, März 2016

Es ist nicht alles Geld, was digital glänzt

Douglas Rushkoff, Medientheoretiker und Schriftsteller, meint betont unterkühlt, Unternehmen wie Facebook hätten eine "bedeutungslose Wirtschaft" geschaffen. Statt echter Profite werden "Likes" und andere soziale Messwerte im Kreis herumgeschoben, in der Hoffnung, ein Sponsor beiße an. Aber was wird hier konkret an ökonomischer Leistung geschaffen?

Rushkoff erwähnt ein via Samsung gratis abgegebenes Musikalbum von Jay Z, das mit einer Spionage-Software ausgestattet war. Im Grunde verkaufte der Musiker hier die "Likes", die seine Anhänger ihm geben. Das sind aber Phantommaßzahlen. Auf Tumblr können die Kunstschaffenden einander mit Millionen von Zustimmungen beglücken – Umsatz wird damit keiner generiert.

Daneben existiert ein weiteres Problem, nämlich der öffentlichen Wahrnehmung. Die journalistische Berichterstattung über die Digitalwirtschaft ist oft einseitig, voller Meinungsblasen und politischer Vorurteile. Beispielsweise ein Bericht zu aktuellen Kinoumsätzen, der ideologisch motiviert scheint und in einer glatt gelogenen Überschrift – Kreativdiebstahl spiele keine Rolle in der Filmwirtschaft – resultiert. Die Wahrheit sieht ein wenig anders aus.

Wer hat also Recht, die Schöne-neue-Welt-Theoretiker oder die Kritiker? Wird sich weisen. Hinter den optimistischen Headlines scheinen die Eingeweihten still und leise zu folgendem Konsens gekommen zu sein: Die Digitalwirtschaft wird Nettogewinne erbringen, aber noch nicht jetzt.

Mit anderen Worten, es stehen uns eine Reihe von mageren Übergangsjahren ins Haus. Am Ende dieses Prozesses werden vermutlich sogar unsere altgewohnten Sozialsysteme auf den Kopf gestellt...

[Walter Braun]
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