Wie leben wir in der smarten neuen Welt?
 

Wie leben wir in der smarten neuen Welt?

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Smart wohnen zuhause und smart leben in der Stadt. Welche Macht dem Konsumenten von morgen zukommt und wie er überzeugt werden kann.

Dieser Artikel ist zuerst in Ausgabe Nr. 26/2018 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Die Stadt von morgen, sie sieht wohl (hoffentlich) nicht so aus wie in Luc Bessons „Das fünfte Element“ (das kommt vielleicht überübermorgen), aber sie wird eines sicher sein: smarter. Auch Österreichs Städte wie Wien und Graz bieten ihren Bürgern schon jetzt smarte Technologien. So nutzen laut einer Marketagent-Umfrage derzeit 62 Prozent der Österreicher freies WLAN an öffentlichen Plätzen, 29 Prozent erledigen ihre Amtswege online, 28 Prozent besitzen eine Bürgerkarte und ein Viertel verwendet eine App der jeweiligen Stadt (siehe Grafik unten).

Smarte Luft nach oben gibt es noch, der Stadtbürger und Konsument von morgen ist verwöhnt bei all den schnell voranschreitenden technologischen Möglichkeiten. Diesem geht es in Zukunft wesentlich stärker um den situativen Konsum und aktuell passende Angebote, erklärt Janine Seitz vom Zukunftsinstitut Österreich gegenüber HORIZONT. In erster Linie gelte es aber, die Definition von „Smart“ zu klären: „Sind die Abläufe und Prozesse dann nur technologisiert, zum Beispiel in Form von einer dem Verkehrsfluss angepassten Ampelschaltung? Oder sind Städte sozial intelligent, indem bei der Implementierung der Technologien auch die Bedürfnisse der Stadtbewohner berücksichtigt wurden?“

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Update gewachsener Städte
Für Seitz liegt die Antwort auf der Hand: Der Begriff Smart sei als Mittel zum Zweck zu sehen, um Städte für die Menschen lebenswerter zu gestalten. „Eine Smart City hat ihren Namen erst verdient, wenn Menschen die Technologien auch mit Freude nutzen beziehungsweise der Nutzen klar erkenntlich ist“, führt Seitz aus. Da in Österreich die Städte über die Jahrhunderte gewachsen sind, gehe es hierzulande vor allem um eine Optimierung der Strukturen und Prozesse in den bestehenden Städten, „sozusagen ein Update der Stadt, und nicht wie etwa in China um komplett neu entworfene smarte Städte“. Und dieses Update ist bereits im Gange: Während Amazons Alexa das Zuhause schon erobert, werden künftig nicht nur dessen Bewohner mit ihr kommunizieren, sondern auch die smarten Geräte untereinander.

Seitz zufolge werden sich Licht, Heizung und beinahe jedes Haushaltsgerät miteinander vernetzen können: „Dann meldet das smarte Auto der smarten Heizung, dass wir gerade auf dem Weg nach Hause sind, um sich automatisch einzuschalten.“ Sicherlich gebe es auch jene, die sich darüber freuen, wenn der Kühlschrank am Abend aufgefüllt ist, „andere möchten jedoch nicht, dass der Lieferservice Zugang zu ihrem Zuhause hat. Ihnen reicht es, wenn ihre bestellte Ware an ihre Postbox geliefert wird – natürlich mit Code versehen und nach Möglichkeit mit Kühlung.“ Auch das Fernsehprogramm wird dann personalisierter aussehen, ist Seitz überzeugt. TV-Sender werden weiterhin Sendungen produzieren, jedoch ohne festen Sendeplatz, sondern mit Abruf On-Demand. Im Tourismusbereich verortet sie eine Beliebtheit bei Reisen via VR, vor allem an schwer zugängliche Orte.

Die Zukunftsforschung verspricht also viel Komfort sowie lebenswertere Städte. Herausforderungen sieht Seitz, wenig überraschend, in der Datenspeicherung und -verarbeitung. In der Tat sehen gemäß der Marketagent-Umfrage 58 Prozent der Österreicher bei Smart-City-Angeboten das größte Risiko in Hacker-Angriffen. Mehr als die Hälfte befürchtet, dass sich der Mensch zu sehr auf Maschinen verlassen könnte oder dass Systemausfälle zu Beeinträchtigungen kritischer Infrastrukturen führen könnten. 55 Prozent halten das Sammeln personenbezogener Daten für ein Risiko und fühlen sich als gläserner Kunde.

Laut Seitz muss man auch hinterfragen, wer die Technologie anbietet und ob es wünschenswert ist, wenn ein Stadtviertel komplett von der Infrastruktur eines Technologie-Unternehmens abhängig ist. In Wien etwa setzen sich derzeit 54.000 Mitarbeiter und 6.000 Unternehmen in der IKT-Branche für Wien als wettbewerbsfähigen Digitalstandort ein, der auch für internationale Unternehmen attraktiv werden soll. Stadt-Wien-CIO Ulrike Huemer erkennt in der Blockchain-Technologie großes Potenzial „Als öffentliche Kommunalverwaltung müssen wir uns mit einer Technologie beschäftigen, die unsere Funktion durch ihren dezentralen Aufbau in Frage stellt“, skizzierte Huemer im April bei einem Pressegespräch in Wien. Wien zähle mit einem Plus von 30.000 Menschen pro Jahr zu den am schnellsten wachsenden Städten weltweit. Open Government Data, also öffentlich zugängliche Daten, würden zu einer transparenten Stadt beitragen, die eng mit Wirtschaft und Forschung vernetzt sei.

Smarte Briefkästen
Nicht nur wien-, sondern landesweit bringt die Österreichische Post schon jetzt (smart) allen was. Seit diesem Frühjahr nutzt sie über ihr B2B-Angebot „Post Go“ zum Beispiel ihre Briefkästen für Beacons, um ihr Location-Based-Netzwerk auszubauen. So sollen Händler und Konsumenten, die ohnehin nur ein Katzensprung trennt, zusammengebracht werden. Die Post als Kuppler, sozusagen. Der Rollout auf 300 Standorten wie Einkaufsstraßen und stärker frequentierten Plätzen ist am Laufen.

Via Beacons oder Geofencing baut das Smartphone mit seinem User Kontakt auf, indem es einen Gutschein oder Infos zur nächstliegenden Filiale ausspielt. Anwendbar ist das Service auch für B2B-Partner der Post, unter anderem in der Gastronomie oder im Tourismus. Und auch im kommunalen Bereich sollen sich dadurch neue Kommunikationsmöglichkeiten mit den Bürgern ergeben, wie es seitens der Post heißt.

Datenschutzbedenken gebe es keine, weil jegliche Nutzung auf dem Einverständnis der User basiere – und Beacons selbst keine Daten speichern können.

Der Konsument gibt den Ton an
Der von Seitz angesprochene ersichtliche Nutzen für den Konsumenten von morgen stellt auch Marketing und Mediaagenturen vor neue Herausforderungen. „Der Konsument gibt zukünftig die Bedingungen vor. Marketing muss noch konsequenter aus der Perspektive des Kunden betrachtet werden“, mahnt Steffen Kai, CDO Omnicom-MediaGroup. Open Government Data und Online-Dienstleistungen, die zunehmend über Smartphone und -Home abgerufen werden, würden zusätzliche Information liefern. Gleichzeitig werde die Zielgruppe für relevante Botschaften von Marken besser erreichbar. Generische Markenbotschaften, altbewährte Marketing-Kriterien zur Abgrenzung von Kundengruppen und Standardangebote haben Kai zufolge ausgedient. Aktuelle Diskussionen rund um DSGVO und ePrivacy seien relevant, denn „der Konsument wird seine Nutzer- und Bewegungsdaten nur zur Verfügung stellen, wenn er einen persönlichen Mehrwert ableiten kann“.

Dass der Konsument bald in einem Smart Home wohne, sei nur eine Frage der Zeit, ist Kai sicher: „Er muss halt noch überzeugt werden.“ Neben Auto, Fernsehen, Computer und Smartphone kommuniziere er dann mit jedem Gegenstand via Internet. „Im Jahr 2020 soll es weltweit 50 Milliarden internetfähige Dinge geben – vier Mal so viele wie noch vor knapp zehn Jahren“, prognostiziert Kai. Damit smarte Tools allerdings tatsächlich genutzt werden, sollten sie mit einfacher Bedienbarkeit und großem Nutzen überzeugen.

Und schließlich sei es eine Preisfrage, da Smart-Home-Produkte relativ teuer seien. Auch sei der fehlende einheitliche Standard ein Grund, warum sie sich noch nicht in jedem Zuhause einnisten. „In neun von zehn Haushalten stehen Geräte unterschiedlicher Hersteller unterschiedlicher Generationen. Für den Verbraucher ist es wichtig, dass sich die Systeme über standardisierte Schnittstellen verknüpfen lassen“, meint Kai. Als Vorreiter nennt er hierbei Google, Apple und Samsung, die auch hier weiter ihre Marktmacht ausbauen. Siemens, Philips und Samsung arbeiten bereits mit Intel und Dell an weltweiten Standards für ein vernetztes Zuhause. Und überübermorgen? Smart Citys auf einem Nachbarplaneten sind dann sicher auch eine Diskussion wert. •

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