Wie gesund ist der Gesundheitssektor?
 

Wie gesund ist der Gesundheitssektor?

Seb Braun/www.sebbraun.co.uk
Ist das derzeitige Gesundheitssytem noch gesund oder steht eine ausgeprägte Grippe bevor?
Ist das derzeitige Gesundheitssytem noch gesund oder steht eine ausgeprägte Grippe bevor?

Diese Woche geht's bei Walter's Weekly um die anstehenden Disruptionen in der Gesundheitsbranche.

Frage: Was ist die größte Wirtschaftsbranche – Energie, Finanzwirtschaft? Global gesehen, ist es der Nahrungsmittelsektor. Doch in den USA ist Gesundheit bereits mit weitem Abstand der größte Sektor. Gesundheitsversorgung mit ihren zahllosen Facetten von Krankenhäusern über Big Pharma bis zu privaten Ärzten, Versicherungen, Vorsorge usw. ist eine schwer überschaubare Branche, zu der man auch Wellness zählen könnte.

Auch wenn der medizinische Bereich von Weihrauch umhüllt ist, wird die digitale Disruption hier nach Einsparpotenzial suchen bzw. die Qualität befördern. In Ländern, wo das Gesundheitswesen schlecht funktioniert, etwa in China, herrscht große Nachfrage nach besseren Zugängen zu medizinischer Leistung. Festlandchina wird laut einer Vorhersage der Boston Consulting Group die Ausgaben für digitale Gesundheit von 3 Milliarden Dollar (2014) auf 26 Milliarden Dollar im kommenden Jahr steigern. Die populäre chinesische Messenging-App WeChat hat in China eine Tochter namens We Doctor. Die im Jahr 2010 installierte Plattform ermöglicht Online-Anmeldung für Arzttermine und Online-Beratung. Im vergangenen Dezember wurde in der kleinen Provinzstadt Wuzhen das erste Online-Spital eröffnet. Bis dato hat We Doctor über 1.900 Krankenhäuser mit mehr als 200.000 Ärzten vernetzt. Im vergangenen Jahr waren 110 Millionen Nutzer registriert, was vom immensen Bedarf zeugt.

In gut versorgten westlichen Ländern ist der Fall anders gelagert; hier ist die medizinische Betreuung schlicht zu teuer geworden, etwa in den USA (Österreich gehört ebenfalls zu den Ländern mit besonders aufwändiger Gesundheitsversorgung). Laut Weltgesundheitsorganisation sind im Gesundheitsbereich in den kommenden Jahren die meisten neuen Arbeitsstellen zu erwarten.

(Ganz nebenbei, weil es in der Regel verschwiegen wird: Medizin zur Wiederherstellung der Arbeitskraft ist, rein ökonomisch gesehen, eine Investition; Medizin zur Lebensverlängerung wäre unter diesen Auspizien als Konsum einzustufen, eine Frage der Leistbarkeit also, auch wenn das niemand zugeben mag. Wird die Sozialabgabenbelastung für die junge Generation zu groß, wird das Thema nicht länger Tabu bleiben.)

Ein gesundes Einsparpotenzial

Strukturelle Ineffizienz wird gerne hinter salbungsvollen Floskeln („Wenn es um Gesundheit geht, ist uns nichts zu teuer“) versteckt. Ein Bereich für Verbesserungen sind Fehldiagnosen. In den USA versucht man seit einiger Zeit, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen – durchaus angebracht angesichts von 50.000 bis 100.000 Todesfällen pro Jahr aufgrund von falschen oder verzögerten Diagnosen. Das staatliche britische Gesundheitswesen zahlte im vergangenen Jahr knapp 1,4 Milliarden Euro an Schadenersatz und Anwaltskosten.

Erste Lösungen kommen auf den Markt: Seit gut einem Jahr offeriert in Großbritannien Babylon Health Video-Konsultation mit Ärzten und Online-Austausch von Fotos, Daten usw. Das ganze lässt sich bequem über eine App abwickeln. Dieser Dienst kann um 8 Euro pro Monat abonniert werden und hat bereits 150.000 aktive Nutzer angelockt. Kein Wunder, werden doch im National Health System (NHS) pro Jahr 370 Millionen(!) Arztkonsultationen abgewickelt, was natürlich entsprechende Wartezeiten mit sich bringt.

Ermächtigte Patienten

Ein rascher Termin ist bloß der Anfang. Die wahre Revolution liegt in Apps, die als diagnostisches Werkzeug fungieren, was auf der ersten Diagnosestufe die Notwendigkeit eines Arztes ausschalten würde. Natürlich werden Patienten auch weiterhin Gespräche von Angesicht zu Angesicht wollen (besonders im Falle schlechter Nachrichten) – aber dass Teile des Gesundheitswesens digitalisiert und automatisiert werden, ist zu erwarten.

Es geht hier nicht bloß Patientenakten und IT-Systeme – bis hin zu Roboter-Diagnose (und -Chirurgie) sind weitreichende Änderungen angedacht. In London wird ein ‚intelligentes Skalpell‘ getestet, das Gewebe anschmort und dann ‚riecht‘, ob Krebszellen enthalten sind – so brauchen weder Arzt noch Patienten tagelang auf Laborergebnisse warten.

Mobile bzw. digitale Gesundheitsversorgung wird zu einem gängigen Angebot werden. Nicht zu vergessen, dass wir in einer wehleidigen Zeit leben, in der für Hypochonder laufend neue Produkte geschaffen werden…

[Walter Braun]
stats