"Wer Peanuts zahlt, bekommt Affen"
 

"Wer Peanuts zahlt, bekommt Affen"

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Die Freelancer-Marktplätze oDesk und Elance fassen auch in Österreich Fuß - eine interessante Möglichkeit für Agenturen, um einfach und schnell an Kreative und Programmierer zu kommen.

Wer diesen Sommer in Coworking Spaces unterwegs ist, der wird neben dem Start-up-Hype vor allem auf ein Thema stoßen: Internetplattformen für Freelancer. Dort werden unabhängige Auftragnehmer mit Auftraggebern vernetzt, die Betreiber der Plattformen übernehmen dabei die Vermittlung und finanzieren sich, indem sie einen Prozentsatz des Honorars kassieren. Während das Thema in anderen Ländern Europas schon einige Schritte weiter ist, beginnt es in Österreich derzeit, Fuß zu fassen. Besonders intensiv wird der junge Markt derzeit von einer Firma bearbeitet: Elance-oDesk. Das in dem Bereich führende Unternehmen ist durch einen Merger des Internetdienstes Elance aus dem kalifornischen Mountain View und oDesk aus Redwood City entstanden, ebenfalls im Silicon Valley. Zusammen bringen sie folgende Zahlen auf die Waage: Acht Millionen Freelancer aus 180 Ländern werden derzeit an zwei Millionen ­Unternehmen vermittelt.

Kleiner Markt, große Zukunft

„Unser Markt ist noch sehr klein, aber wächst auch sehr schnell. Dieses Jahr werden wir voraussichtlich Transaktionen im Umfang von einer Milliarde Dollar über unsere Plattform ­abwickeln“, sagt Kjetil J. Olsen, Europa-Vizepräsident von Elance-oDesk, im Gespräch mit HORIZONT. Seine Firma hat nicht weniger als die Neuerfindung der Arbeitswelt im Sinne. Zielgruppen sind auf der einen Seite eben Free­lancer, die im Internet auf der Suche nach neuen Aufträgen sind, und auf der anderen Seite Unternehmen, die digitale Projekte extern auslagern wollen – unter anderem auch viele Agenturen. „Möglich ist eigentlich jede Arbeit, die man am Computer erledigen und via Internet liefern kann“, sagt Olsen.

Umkrempelung der Arbeitswelt

Dass das Thema des Online-Free­lancens in Österreich kaum präsent ist, hat klar mit der hiesigen Struktur der Erwerbstätigen zu tun. Laut Statistik ­Austria gab es im ersten Quartal 2014 39.100 freie Dienstnehmer – gerechnet auf 4,14 Millionen Erwerbstätige ist das nicht einmal ein Prozent. In anderen Ländern wie Großbritannien, den ­Niederlanden oder den USA, berichtet Olsen, sei dieser Anteil viel größer. ­Außerdem rechnet man bei Elance-oDesk durch die Digitalisierung und die Technologisierung mit einem schnellen gesellschaftlichen Wandel. „Wir schätzen, dass einmal die Hälfte der Arbeitskraft selbstständig sein wird, vor allem deswegen, weil neue Technologien es erlauben, unabhängig zu arbeiten. Außerdem verwandeln sich Unternehmen in Hybridorganisationen, wo lokale Teams virtuell mit Freelancern zusammenarbeiten“, sagt Olsen. Derzeit sei der Markt weltweit etwa zwei Milliarden Dollar groß, werde bis 2020 aber auf 23 Milliarden Dollar anwachsen. Die beiden zusammen­geschlossenen Firmen rechnen sich bereits aus, wie viel sie dann daran verdienen könnten: Denn Elance bekommt 8,75 Prozent von ­jedem überwiesenen Honorar, bei oDesk sind es zehn Prozent.

Kreative und Programmierer

So ist das Thema Online-Freelancer in Österreich zwar auf Auftragnehmerseite noch länger kein großes, auf Seite der Auftraggeber aber durchaus spannend. „Der Hauptgrund, warum Firmen auf Online-Freelancer setzen, ist, dass es ihnen einen strategischen Vorteil verschafft, weil sie nicht im gleichen Talente-Pool fischen wie die Konkurrenz“, sagt Olsen. Bei den beiden Internetplattformen finden vor allem Agenturen, die in den digitalen Bereich ausbauen wollen beziehungsweise Projekte schnell abwickeln müssen, ­interessante Freelancer. Laut Olsen sind derzeit 40 bis 50 Prozent Programmierer, die etwa Webseiten oder Smartphone-Apps in relativ kurzer Zeit umsetzen. Weitere 35 Prozent sind dem Bereich „Creative“ zuzuordnen, etwa Texter oder Grafiker. Der Rest der Freelancer verteilt sich auf so unterschiedliche Bereiche wie Kundenservice, Recht oder Buchhaltung – also eben ­alles, was in der Ferne erledigt und ­online in digitaler Form abgegeben werden kann.

Globaler Marktplatz

Elance und oDesk wollen sich unter anderem auch als Anlaufstelle für Start-ups oder Agenturen in Österreich positionieren, denen der heimische Pool an digital versierten Arbeitskräften zu klein und überfischt ist. Schon länger lassen Onlineunternehmen Auftragsarbeiten (etwa Apps oder Webseiten) auf virtuellem Wege im Osten Europas erledigen, wo es viele gut ausgebildete Programmierer gibt, die hungrig nach Arbeit sind. Und so verwundert es nicht, dass bei Elance und oDesk nach Indien, den USA und Pakistan die ­meisten Freelancer aus der krisen­gebeutelten Ukraine stammen.

Einkommens- statt Jobsicherheit

Dass nun aber Heerscharen an Arbeitslosen die Freelancer-Plattformen stürmen, will Olsen nicht so ­verstanden wissen. „Mehr als 80 Prozent der Freelancer bei uns haben sich freiwillig ­dafür entschieden, es gibt nur wenige, die den Job verloren haben oder keine Arbeit finden“, so Olsen, der sich auf eine Befragung der Nutzer bezieht. Im Schnitt seien die (eher männlichen) Auftragnehmer 32 Jahre alt und somit der Generation Y zuzurechnen, der frei gestaltbare Arbeitszeiten und selbst ­gewählte Projekte oft wichtiger seien als ein sicherer Job in einem großen Unternehmen mit vorbestimmtem Karriereweg. „Es findet ein Shift von Jobsicherheit hin zu Einkommens­sicherheit statt“, so Olsen. Das Ziel sei, den Angehörigen der Generation Y genau das zu bieten. „Viele Arbeitsplätze sind noch so strukturiert wie damals in der industriellen Ära. Wir aber wollen einen Job-Marktplatz schaffen, der zu dem digitalen Zeitalter passt.“

Gefahr des Preis-Dumpings

Wie viele Freelancer heute bereits ­ausschließlich von den Aufträgen ­leben können, die sie über Plattformen wie Elance oder oDesk beziehen, dazu gibt es noch keine verlässlichen Zahlen – genannt werden immerhin einige Einzelbeispiele. Ein Problem könnte werden, was den globalen Marktplätzen inhärent ist: Es gibt auch globale Konkurrenz, in der sich ein österreichischer Freelancer mit einem indischen matchen muss. „Es kommen natürlich viele Auftraggeber zuerst zu uns, weil sie Geld sparen wollen. Die meisten bleiben aber bei uns, weil sie die Qualität schätzen lernen. Viele wissen: Wenn man nur Peanuts zahlt, bekommt man Affen dafür“, sagt Olsen. 2013 etwa hätte man beobachtet, dass das durchschnittliche Honorar um elf Prozent höher war als im Jahr davor. Das ist auch im eigenen Interesse, denn einerseits wollen Elance und oDesk als ­Plattformen wahrgenommen werden, bei denen Auftraggeber Qualität ge­liefert bekommen, und andererseits ­verdient man auch an den Honoraren selbst. Noch will oDesk keine Aussagen darüber treffen, ob man bereits profi­tabel wirtschafte. Fakt ist, dass die ­gemergten Firmen zusammen mehr als 140 Millionen Dollar Risikokapital bekommen haben, um ihr Business auszubauen.

Eine Frage der Qualität

Ein Problem, das man nur über ­Umwege in den Griff bekommen kann, ist die Qualität der Auftragsarbeiten. „Was wir nicht können: Wir können als Vermittlungsplattform nicht die Qua­lität der abgelieferten Arbeit garan­tieren“, so Olsen. Immerhin versuche man, das Vertrauen zwischen den vermittelten Parteien zu fördern, indem man ein Bewertungs- und Feedback-System anbiete. Die Kalifornier gehen mit gutem Beispiel voran: Selbst beschäftigt man weltweit etwa 250 Mit­arbeiter, die regelmäßig mit 500 bis 600 verschiedenen Freelancern auf der ganzen Welt digital zusammenarbeiten. Olsen lacht: „Ja klar, wir nehmen unsere eigene Medizin.“
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