Wenn Medien hausieren gehen müssen ...
 

Wenn Medien hausieren gehen müssen ...

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Diese Woche geht's bei Walter's Weekly u.a. um Medien ohne Namen, falsche Accounts bei Twitter und Co. und mobile Einkäufe

Medien ohne Namen

Kennen Sie das Nachrichtenmedium „Newsy“? Ich auch nicht. Die 35 Mitarbeiter produzieren circa 1.500 kurze Videos im Monat, die auf großen Plattformen wie AOL On täglich Hundertausende Augenpaare anziehen. Newsy hat natürlich eine eigene Web-Site, Kanäle auf YouTube, eine eigene App – aber herzlich wenige direkte Interessenten.

Die produzierten Nachrichten finden also Anklang, doch das dahinterstehende Medium kennt niemand. Verleger ohne eigene Medienmarke können bestenfalls hoffen, dass sie von einer bekannteren Plattform engagiert werden (z.B. ist Newsy beauftragt worden, für Time Inc. Videos zu produzieren). Eine unbekannte Videoproduktionsfirma ist aber ein Dienstleister, beileibe nicht dasselbe wie ein Nachrichtenmedium. Ein anderer Abnehmer, die Huffington Post, hat beschlossen, Videos von nun an selbst zu produzieren und nicht länger die Newsy-Ware feilzubieten. So kann’s einem gehen, wenn man völlig von Dritten abhängig wird. Und Newsy ist im sechsten Jahr seines Bestehens immer noch defizitär.

Chris Duncan, Marketingleiter der britischen Tageszeitung „Sun“, hat vor kurzem betont, dass es tragisch wäre, wenn Verlage von Sozialen Medien abhängig werden, um Publikumsverkehr zu bekommen. Facebook als Kanal zu benutzen, um entdeckt zu werden, funktioniert – doch langfristig nur, wenn den Medien dabei nicht der direkte Kontakt zu ihren Lesern/Sehern abhanden kommt.

Die „Sun“, wie alle Tageszeitungen einer schwindenden Leserschaft beim Printprodukt ausgesetzt, hatte im vergangenen Sommer völlig überraschend eine Paywall eingeführt. Wer bezahlt online für Boulevard? Eine wachsende Zahl von Kunden, wie es scheint, vor allem, wenn sie exklusive Angebote erhalten. Etwa Spiele oder spannende Momente aus der obersten englischen Fußball-Liga.

Facebook-Nutzer kümmert es vermutlich wenig, wer der Absender/Urheber der diversen Nachrichten ist, die sie in ihrem individuellen Newsfeed vorfinden. Sie benutzen Facebook als primäres Eingangstor zum Web. Die Hoffnung der Verleger, die Empfänger der Meldungen würden auf die Web-Site des ursprünglichen Nachrichtenproduzenten gehen, dort regelmäßig vorbeischauen und dann zu Kunden werden, ist eher dünn.

Verlage auf anonyme Lieferanten reduziert und mit ein paar Werbegroschen abgespeist, werden vermutlich nicht lange überleben. Genau deswegen braucht es starke Medienmarken.

(Siehe auch den aktuellen HORIZONT-Kommentar: “Alle Wege führen nach Facebook”)

Quellen:

http://digiday.com/publishers/perils-building-distributed-media-brand/

http://www.thedrum.com/news/2014/11/25/news-uk-sees-digital-subscribers-sun-soar-120-its-cmo-brands-facebook-mobile

Echter Profit durch falsche Freunde

Wie im Blog vom 16. Mai 2014 (“Betrug im digitalen Werbegeschäft”) angemerkt: Software, die sich als klickender Verbraucher tarnt, ist ein Problem für Mediagenturen und ihre Auftraggeber. Es existiert ein Schwall von Scheinpersonen mit Scheinprofilen im Netz, die sogar Tweets versenden (und beantworten). Solche ‚Personen’ kann man zu Tausenden um bloß fünf Euro erwerben. Leider ist auch das Erstellen falscher Accounts einfach geworden, etwa mit einem Programm namens „Twitter Supremacy“, das zwar die Geschäftsbedingungen von Twitter verletzt, aber dennoch existiert und gemietet werden kann.

Die Folge ist ein gigantisches Pyramidenspiel, das dazu dienen kann, Werbegelder abzuzocken. Auf welche Weise? Nun, Prominente, die von Marken als Botschafter angeheuert werden, können höher pokern, wenn sie Millionen von ‚Anhängern’ haben. Dieser Missbrauch ist so verbreitet, dass eine Londoner Firma mit einer Software namens „Fake Follower Check“ auf den Markt gekommen ist. Die Ergebnisse sind erschütternd: Kim Kardashian hat offiziell rund 25 Millionen bewundernde Knechte auf Twitter; in Wirklichkeit sind sechs Prozent (also ungefähr 1,5 Millionen Follower) gefälscht.

Pro Jahr spürt Facebook zwischen 67 und 137 Millionen falsche Accounts auf, während Twitter 24 Millionen Bots ausgemacht hat. Auch auf Instagram treiben sich Millionen dieser Dinger herum. Sitzt Werbung in Sozialen Medien auf einer großen Blase?

Quelle:

http://www.nytimes.com/2014/11/20/fashion/social-media-bots-offer-phony-friends-and-real-profit.html

http://fakers.statuspeople.com/

Produktsuche am Handy führt zu Käufen

Laut einer in Großbritannien von xAd und Telmetrics in Auftrag gegebenen und von Nielsen durchgeführten Erhebung bei Smartphone- und Tablet-Nutzern, führen 80 Prozent(!) von einschlägigen Suchabfragen tatsächlich zu Käufen. Mobile Shopping scheint Impulskäufer sehr anzusprechen. Das wird Twitter vermutlich Auftrieb geben, die gerade eben mit ausgewählten Marken in den USA einen Testlauf beginnen, wie gut Kupons im Zwitscherstrom ankommen.

Übrigens dürften heuer im November und Dezember im Online-Handel europaweit circa 35 Milliarden Euro umgesetzt werden, meint Marktforscher Forrester. Das wäre knapp ein Viertel aller Handelsumsätze in diesem Zeitraum. Im Jahr 2018 sollten drei Viertel aller Internetnutzer auch Online-Käufe tätigen.

Quelle:

http://www.thedrum.com/news/2014/11/26/80-mobile-retail-research-ends-purchase

http://www.dailymail.co.uk/sciencetech/article-2849701/Twitter-goes-shops-Social-network-launches-new-feature-allow-retailers-tweet-electronic-money-coupons-redeemed-store.html

Versuchung der Woche:

Eine der größten britischen Marktforschungsfirmen hat etwas Ungewöhnliches getan: Die ausschließlich im Internet agierende Firma YouGov hat ihre Tore geöffnet und lässt Interessierte Einblick in ihre Datensammlung nehmen. Die App gestattet, „exemplarische Profile“ von Kunden einer Marke abzurufen. Natürlich ist das nur ein Ausschnitt, das volle Angebot ist kostenpflichtig.

Dass die Werkzeuge im Dienst einer immer präziseren Zielgruppenauswahl und –ansprache schärfer werden, ist unbestritten. Nicht so klar ist, ob diese Art intimer Durchleuchtung von allen Verbrauchern positiv aufgenommen wird. Die EU bastelt an einer Reform des Datenschutzgesetzes, die Konsumenten künftig das Recht geben soll, zu erfragen, welche Profile über sie existieren und welche Konsequenzen sie haben.

Quelle:

http://theconversation.com/yougov-app-enjoy-consumer-profiling-while-you-can-34558

https://yougov.co.uk/find-solutions/profiles/

Update: Wearables

Wenn Narzissmus und Datensammelwahn einander treffen, tut sich wahrlich Absurdes. In ihrer Selbstverliebtheit bezahlen Technikbegeisterte dafür, vermessen, überwacht und ausgehorcht zu werden – vor einer Generation war so etwas noch Schreckensvision in Zukunftsromanen. Im kommenden Jahr kommt eine Tasse namens Vessyl auf dem Markt, die registriert, was und wie viel man trinkt – damit der zeitgenössische Hypochonder nicht versehentlich zu viele Kalorien zu sich nimmt oder gar austrocknet. Dass Dinge dieser Art die Anwender nicht beruhigen, sondern noch nervöser machen, ist anzunehmen. Ein Science Fiction-Autor meinte, künftig könnte die Regierung (oder Versicherungen?) solche Geräte zur Überwachung von ‚Risikogruppen’ einsetzen – z.B. wenn Schwangere zu viel Alkohol trinken, werden automatisch Sozialhelfer alarmiert.

Für die ganz Besorgten hat die finnische Firma Myontec Unterhosen mit integrierten Sensoren entwickelt, die Muskeln und Herzschlag überwachen. Für eher Abenteuerlustige bietet die Firma Hexoskin ein „Arctic Smart Shirt“ an, das neben der Atemfrequenz auch die Schlafdauer und verbrannten Kalorien registrieren kann (für den Wochenend-Marathon in der Arktis?). Ab Dezember um wohlfeile 200 Dollar...

Quellen:

http://venturebeat.com/2014/11/24/new-hexoskin-smart-shirt-uses-sewn-in-sensors-to-get-heart-rate-respiration/

http://online.wsj.com/articles/devices-to-track-every-move-you-make-1416525552 (Paywall)

[Walter Braun]
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