Wenn Cyberspace zur Glaubensvorstellung wird
 

Wenn Cyberspace zur Glaubensvorstellung wird

Seb Braun/www.sebbraun.co.uk

Diese Woche geht's bei Walter's Weekly um uns Menschen, unseren Glauben und Algorithmen.

In Kalifornien, wo die abstrusesten Sekten blühen, findet man reichlich Anhänger der Idee, der menschliche Geist wäre ‚unbegrenzt‘ und Technik würde ‚ewigen Fortschritt‘ ermöglichen. Wer Technik als Erlöser hofiert, verfolgt im Grunde ein religiöses Gefühl. Was erklären mag, warum in jüngster Zeit extrem gruselige Aussagen zu hören waren, etwa von Mars-Fanatikern, die um jeden Preis den roten Planeten kolonialisieren wollen. Begründung: Es wäre unvermeidlich, dass wir unsere Welt vernichten.

Dieser Ungeist (der Gnostizismus, den der österreichich-amerikanische Philosoph Erich Vögelin so anprangerte) hat eine lange Vorgeschichte; dass er jetzt im Gewand eines utopischen Techno-Messianismus auftritt, macht ihn um keinen Deut akzeptabler.

Eine der typischen Glaubensvorstellungen ist, dass sich unser Innenleben auf Algorithmen reduzieren ließe. Was die Hoffnung nährt, den gesamten Kopfinhalt eines Tages auf Computer-Hardware zu überspielen, um dann als Digitalklon ewig weiterleben zu können. Die kultige TV-Serie „Black Mirror“ hat die Idee von der Unsterblichkeit in der Datenwolke in der jüngsten Episode aufgegriffen. Eine einfachere Variante wäre, mit den digitalen Überresten von Verstorbenen weiter zu kommunizieren.

Heiße Hoffnungen

Die These vom digitalisierbaren Verstand beruht auf der Vorstellung, Denken wäre ein mechanischer Vorgang, der sich in Computercode übersetzen ließe. Extremer noch: Die ganze Welt ist ein Computer…und daher codierbar und daher von Menschen kontrollierbar.

Die Folgewirkung einer solchen Geisteshaltung liegt auf der Hand: Je mehr wir den Cyberspace zu unserem bevorzugten Aufenthaltsort machen, umso mehr sind wir gewillt, uns dort auch zu verorten. Was wiederum dazu führt, dass wir unsere Online-Abbilder zu einem Teil des Ichs machen, der um jeden Preis verteidigt wird.

Kein Wunder, dass nun die Befürchtung umgeht, Hacker könnten eines Tages in unser Denken eindringen und Vermarkter unsere Gedanken lesen. Da erscheint die Vorstellung, dass wir unser eigenes Innenleben dirigieren, auch nicht mehr weit hergeholt. Geht es nach EyeMynd, dann sollten Virtual Reality-Anwendungen schon bald mittels Gedanken steuerbar sein. Was beispielsweise Produkte wie Reisen und Urlaube im Cyberspace beflügeln würden.

Der Weg zur Hölle ist mit Einkäufen gepflastert

Auf dem Weg ins digitale Nirwana sollten wir weiterhin kräftig einkaufen. Es warten eine Reihe neuer Hilfen auf uns. Die Plattform eBay hat in London ein Pop-up-Geschäft eröffnet, das ermatteten Einkaufswilligen ins Unterbewusstsein greift, damit ja keine Begierde unausgelotet bleibt. Das Angebot beruht ganz simpel auf einem Ablesen von unbewussten Gesichtsreaktionen auf Produkte. Im kalifornischen San Jose wiederum offeriert das frisch gegründete Unternehmen ebo box künstliche Intelligenz als Einkaufshilfe.

Übersättigung und Überdruss muten nicht gerade wie dringend zu lösende Probleme an. Etwas anderes fällt aber auf: Je mehr Wohlstand, Sicherheit, technische Ermächtigung des Individuums, umso so stärker poppt Ärger auf. Wie das?

Im eigenen Geist ertrinken…

Wie eine Seuche grassiert momentan Unzufriedenheit mit der Welt und dem Leben. Gestresste Großstädter flüchten sich in Wunschdenken und Scheinwelten bzw. in Depression oder hemmungslosen Zorn. Ein aktuelles Buch belegt, dass die optimistischen und technikgläubigen Amerikaner mit Abstand die ängstlichsten Menschen der Welt sind.

Ist das Großstadtleben zu eng? Überfordern uns die zahllosen Entscheidungen, die wir treffen müssen (angeblich 35.000 pro Tag)? Auf der Flucht vor immer künstlicheren Lebensumständen wartet die ultimative Falle: immersive Medien, die uns dazu drängen, das eigene Selbst zu verkonsumieren.

Das klingt weit hergeholt. Aber der Chef von Netflix wartete letzthin mit der verblüffenden Ansage auf, dass wir binnen 20 Jahren eine Pille einwerfen werden, um auf gezielte Hirntrips zu gehen – seiner Meinung nach die Zukunft der Unterhaltung.

Wenn solche Techniken suchtfördernd sind und sich ausbreiten, ist absehbar, dass eines Tages ein Teil der Menschheit in speziell geschützten Zonen leben wird, da sie den Alltag nicht mehr bewältigen. Mit Brot und Spielen wird sich der Menschenzoo schon ruhigstellen lassen (angeblich kann man sogar den Geschmack von Essen simulieren)… 

[Walter Braun]
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