"Welt des ständigen Trackings"
 

"Welt des ständigen Trackings"

Stefan Mey
„Politik sollte langweilig sein“, sagt Vivaldi-Gründer Jon Stephenson von Tetzchner. Personalisierte Propaganda mit den Daten der Nutzer sieht er hingegen als eine Gefahr für das Internet und die Gesellschaft.
„Politik sollte langweilig sein“, sagt Vivaldi-Gründer Jon Stephenson von Tetzchner. Personalisierte Propaganda mit den Daten der Nutzer sieht er hingegen als eine Gefahr für das Internet und die Gesellschaft.

Jon Stephenson von Tetzchner hat mit dem Browser Opera Internetgeschichte geschrieben. Das gleiche Kunststück probt er mit dem Nachfolgeprojekt Vivaldi – und geht zugleich mit personalisierter Werbung und Clickbaiting hart ins Gericht.

Ein wichtiger Teil der Internetgeschichte wurde nicht im sonnigen Silicon Valley, sondern im kalten Norwegen geschrieben, wo Jon Stephenson von Tetzchner mit Partnern im Jahr 1995 das Unternehmen Opera Software gründete, dessen Browser zuletzt rund 350 Millionen User hatte. Von Tetzchner hat Opera im Juni 2011 verlassen, zwei Jahre später ein neues Unternehmen gegründet, in etliche Start-ups investiert und sich wortlaut zur Entwicklung des Web geäußert. Besonders Sorgen macht sich der Internetunternehmer um die Entwicklung der Onlinewerbung.

Zwar ist er der Meinung, dass Onlinewerbung per se Teil des Webs sei. „Die starke Zunahme von personalisierten Ads sehe ich aber als höchst problematisch“ sagt er im Gespräch mit HORIZONT. Die User werden zunehmend von den Anbietern durchleuchtet, damit psychoanalytische Profile erstellt werden – was diesen viel Macht verleiht: „Telekommunikationsunternehmen zum Beispiel können ihre Kunden nicht so stark analysieren wie Google und Facebook es können.“

Das wiederum verändert laut von Tetzchner auch das Verhalten der Medienunternehmen, die zunehmend User per Clickbait auf ihre Websites locken, um an deren Daten zu gelangen. Zwar sei verständlich, dass das Targeting und Retargeting für die Werbebranche Vorteile bringe.

Zugleich verweist er aber darauf, dass eben diese Technologie auch für spezialisierte politische Propaganda verwendet werde – wie es etwa von Cambridge Analytica demonstriert wird. „Es wird somit eine Welt geschaffen, in der wir permanent getracked werden“, sagt von Tetzchner: „Ein Schlachtfeld aus spezialisierter Propaganda und Fake News.“

 Nutzer könnten zwar Dienste zur Anonymisierung wie den Browser TOR verwenden – doch damit machen sie sich verdächtig, zumal TOR von Außenstehenden meist mit dem Darknet in Verbindung gebracht wird. In Bezug auf die Datenschutzgrundverordnung ist er der Meinung, dass der User nicht gefragt werden sollte, ob der Anbieter dessen Daten sammeln darf – das Sammeln der Daten per se sollte nicht mehr praktiziert werden. 

Browser mit anonymer E-Mail

Mit seinem neuen Unternehmen hat von Tetzchner den Browser Vivaldi geschaffen. Anders als andere Browser blockiert dieser Werbung zwar nicht von Haus aus, es können aber Adblocker von Drittanbietern installiert werden. Außerdem, so der der Gründer, bekommen Nutzer des Browser eine kostenlose E-Mailadresse: „Diese kommt ohne Werbung und Spionage aus“, sagt er.

Der Sitz des Unternehmens ist in Norwegen, die Server stehen in Island. Im Gegensatz zu Opera, welches in seiner Funktionalität zunehmend zu Gunsten der Einfachheit reduziert wurde, soll Vivaldi mehr Möglichkeiten zum Adaptieren nach persönlichen Vorlieben bieten – zum Beispiel können Tabs nach Gruppen sortiert werden, was bei Journalisten mehr Ordnung in die Recherche bringen dürfte.

Derzeit hat Vivaldi rund eine Million User – drei bis fünf Millionen User braucht das Unternehmen, um schwarze Zahlen zu schreiben. So wie Vivaldi als Zwerg die Größen der Branche herausfordert, so investiert von Tetzchner in weitere Start-ups, die mutige Herausforderer sind – darunter ein Hersteller laktosefreier Milch, der sich gegen den isländischen Monopolisten auflehnt. „Interessant wird es immer, wenn es kompliziert wird“, sagt er: „Denn nur so kann man wirklich etwas verändern.“ 
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