Weiter im Galopp
 

Weiter im Galopp

Editorial von Philipp Wilhelmer (HORIZONT 04/13)

Die Meinungshoheit ist verloren: Am Volksbefragungssonntag hat das Wahlvolk eindrucksvoll bewiesen, dass es sich mit großer Mehrheit keinen Deut darum schert, was in den reichweitenstärksten Medien des Landes gepredigt wird. Wochen- und monatelang trommelte die Krone, sekundiert vom familiär verbandelten Heute und dem sonst streng verfeindeten Österreich, gegen die allgemeine Wehrpflicht. ­Angestiftet von der SPÖ, die auf diesem mehrfach erprobten Vehikel glorios in das ­heurige Wahljahr reiten wollte.

Wie wir seit Sonntag wissen, ging der Schuss nach hinten los. Das Volk stellte sich gegen die aufok­troyierten guten Ratschläge aus der Ecke der Wehrpflichtgegner, ließ die Kampagne ins Leere laufen und strafte somit deren Urheber ab. Dies liegt aber nicht nur an der mangelnden Mobilisierung seitens der SPÖ, sondern auch daran, dass die Meinungsbildung zusehends über die immer noch misstrauisch ­beäugten sogenannten „Neuen Medien“ erfolgt.

Was früher der Stammtisch war, an dem man sich über „die da oben“ mokierte, ist heutzutage ­Facebook, in kleineren Kreisen auch Twitter. Während griffige Meinungen im Wirtshaus auf einen ­Personenkreis von zehn beschränkt blieben, werden sie heutzutage zu Hunderten und Tausenden ­ge„like“t, geteilt und retweetet. Was ein Claus Pandi oder ein Wolfgang Fellner zum selben Thema ­schreiben, gerät zusehends zu einem Standpunkt von vielen und verliert dementsprechend an Bedeutung, noch dazu, weil die Zeitungen erst am nächsten Tag erscheinen. Die Konsequenz: Gute Wahl­werbung muss mit ihren Botschaften künftig noch stärker in diese Netzwerke diffundieren, denn der verhaberte Boulevard als medialer Vorschlaghammer verliert zusehends an Durchschlagskraft.

Die sozialen Netzwerke wüten darüber hinaus noch an einer anderen Front, wo sie bei den ­herkömmlichen Nachrichtenmedien ordentlichen Schaden anrichten könnten: Die Sperrfristen für Teilergebnisse an Wahltagen sind in Zeiten des massenhaft benutzten Mitmach-Webs nicht mehr zu halten, so viel ist seit dem 20. Jänner sicher.

Diese frustrierende Erfahrung machte die APA, die als wichtiges Service seit jeher alle Teilergebnisse von Auszählungen an Wahltagen vorab für die Kunden verbreitet. Öffentlich gemacht dürfen diese aber erst werden, wenn das letzte Wahllokal zumacht, um den Urnengang nicht zu verfälschen. Nicht jedem APA-Kunden war das jedoch ein Anliegen: In User-Foren, auf Twitter, auf Facebook wurden frisch und frei die streng unter Sperrfrist verbreiteten Teilergebnisse und Hochrechnungen aus der Agentur ­weiterverbreitet. Und die dort Verantwortlichen und das Innenministerium als oberste Wahlbehörde konnten angesichts der Masse an Regelverstößen nur mehr zuschauen.

Wenn sich diese Verhältnisse etablieren, wird es wohl früher oder später darauf hinauslaufen, dass Wahlergebnisse überhaupt erst ab 17.00 Uhr an die Medien weitergegeben werden, was die TV-, Radio- und Zeitungsredaktionen vor neue Probleme stellt: Der bisher gewonnene Vorlauf an einem ohnehin äußerst dichten Tag wäre damit dahin. Und das Netz galoppiert ungerührt weiter.

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