Warum ich nicht an integrierte Newsrooms glau...
 

Warum ich nicht an integrierte Newsrooms glaube

Russmedia
Gerold Riedmann plädiert für eigenständige Einheiten innerhalb von Medienhäusern.
Gerold Riedmann plädiert für eigenständige Einheiten innerhalb von Medienhäusern.

Gastbeitrag von Gerold Riedmann, Geschäftsführer Russmedia und Chefredakteur der "Vorarlberger Nachrichten".

Dieser Gastbeitrag erschien bereits in der bestseller-Ausgabe Nr. 3/2016 vom 23. Juni. Hier geht's zum Abo.

Ein riesiger Newsroom, eine Mischung aus Raumschiff und TV-Studio. Verlegern und Geschäftsführern gefällt das, Journalismus sieht gleich besser aus als in der verstaubten Redaktionsstube. So synergetisch, wenn alle alles machen! So verlockend, die kurzfristigen Kosteneffekte!




Es ist so, als wollte man die so oft herbeibemühte Krise des Journalismus mit Beton erschlagen. Aber: auch beim Daily Telegraph, der Mutter aller Newsrooms in London, gibt es in jedem Ressort klare Aufgabenzuteilungen. Schließlich gibt es immer klare Zuständige für Print, für Digital. 




Jeff Bezos übrigens – nicht der typische Verleger, aber immerhin mit der Washington Post Protagonist der aktuell spannendsten Zeitungswette – hat in seinem Versandkonzern Amazon die „Two Pizza Rule“ installiert. Wann immer ein Team so groß wird, dass es nicht durch zwei dieser amerikanischen Riesenpizzen ernährt werden kann, muss es geteilt werden. Und egal, ob man die Innovationsthesen von Harvard-Professor Clayton Christensen (Disruptive Innovation), Jeff Bezos’ Erkenntnisse oder die Teamgrößen von SWAT-Teams im Militär (ja, auch hier: kleine, eingeschworene Teams) als Referenz hernehmen mag: dedizierte Teams haben kürzere Entscheidungswege, genießen mehr Eigenverantwortung, ­agieren schneller, unternehmerischer, unabhängiger – und erfolgreicher.




Bei Russmedia richten wir uns weniger nach internen Prozessen, sondern nach Konsumenten und Kunden. Und da stehen Marken im Vordergrund. Marken ­stehen für Werte, für ein konsistentes Produkt auf allen Distributionskanälen. Die Vorarlberger Nachrichten sind ein Bezahlmedium, haben einen gelernten Erscheinungsrhythmus (täglich). Die Zeitung hat eine ­erfolgreiche Digitalstrategie und ist, abgesehen von Wirtschaftstiteln, ­Österreichs Tageszeitung mit dem höchsten Anteil an Digitalabonnenten. 




Völlig unabhängig davon agiert das Newsportal vol.at nach den ­Gesetzmäßigkeiten des Internets, stellt keine Paywalls auf, konzentriert sich voll auf Smartphones, nimmt keine Rücksicht auf die Zeitung. vol.at liefert ständig neue Nachrichten, mit eigener Redaktion, eigenem Chefredakteur. 




Dieser Mut zu neuen Marken, zu unabhängigen Einheiten, ist etwas, das viele Verleger schon einmal hatten – in der Sturm-und-Drang-Phase des Privatradios. Dedizierte Teams, die sich jeweils voll auf die Zeitung, das Digitalportal, den Radiosender oder Videonachrichten konzentrieren, die ihre eigene Innovationsgeschwindigkeit leben. Oder wann ist das letzte Mal ein Projekt etwas geworden, das Sie nur nebenbei gemacht haben?

[Gerold Riedmann]
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