Walter's Weekly: Jeder sein eigener Arzt?
 

Walter's Weekly: Jeder sein eigener Arzt?

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Diese Kolumne macht sich jede Woche auf die Suche nach aktuellen Nachrichten und Entwicklungen der Kommunikationsbranche im angloamerikanischen Raum

Doktor Smartphone hat immer Sprechstunde

Das iPhone mit der Seriennummer 6 wird (im September?) mit einer App namens "HealthKit" angerückt kommen. Das schlaue Programm soll helfen, den Gesundheitszustand beziehungsweise die Lebensweise zu überprüfen und gegebenenfalls Daten an einen Arzt zu senden. Werte wie Blutdruck, Blutzucker, Körpertemperatur, Puls oder Fitnessmessungen werden zum Teil zusätzliche Ausrüstung brauchen, etwa ein Armband.
Google kann da natürlich nicht zurückstehen; eben wurde eine Kooperation mit dem Schweizer Pharmariesen Novartis angekündigt, die zur Entwicklung von ‚intelligenten Kontaktlinsen’ führen soll. Eingebaute Sensoren, Microchips und Elektronik wären beispielsweise in der Lage, den Blutzuckerspiegel in der Tränenflüssigkeit zu messen. Auch wenn die Marktreife noch fünf Jahre weg sein mag, ist klar, dass eine Datenverbindung mit einem Smartphone vorgesehen ist – womit wir wieder in der Google-Welt gelandet wären.
Auch Microsoft hat sich gerührt: Sie wollen ein Stirnband entwickeln, das Blinden hilft, sich durch die Welt zu bewegen. Dieses sogenannte Alice Band wird gerade in Großbritannien getestet und beruht auf der Idee, reflektierende Signale für den Träger hörbar zu machen. Übrigens hat Microsoft genauso wie Google ein Patent für mikroskopische Kameras in Kontaktlinsen angemeldet – scheinen sich alle einen großen Markt zu erwarten.

Vordergründig klingt dieser Vorstoß sehr ermächtigend für den Einzelnen. Denken wir aber ein paar Schritte weiter. Die ganzen Datenströme haben ja nur einen Wert, wenn sie aktiv genutzt werden. An meinem Gesundheitszustand sind neben dem betreuenden Arzt wohl ebenso die Krankenkassen und privaten Versicherungsanstalten interessiert. Nehmen wir an, demnächst kommen verlässliche Tests für genetische Erbkrankheiten auf den Markt. Wenn dieser Test mir sagt, dass ich pumperlgesund bin, möchte ich natürlich eine Reduktion der Lebens- oder Gesundheitsversicherungsprämien. Was im Gegenzug den Versicherer zwingen würde, Tests von jedem zu verlangen und nachweislich Erbgeschädigte mit höheren Prämien zu belasten.
Das alles ließe sich vielleicht irgendwie über die Bühne bringen. Was aber, wenn die medizinischen Daten mit Verhaltensdaten und Profilen aus den Sozialen Netzwerken verknüpft werden? Einen Versuch gab’s schon, auf diese Weise kriminelles Verhalten vorherzusagen. Ergo muss das Innenministerium größtes Interesse haben, Daten dieser Art in die Finger zu kriegen – und wer sich weigert, zum gläsernen Bürger zu werden, ist schon von vorneherein verdächtigt. Klingt nicht mehr so toll wie „jeder sein eigener Arzt“...

P.S. In China haben jüngst Staatsmedien das iPhone aufgrund seiner Tracking-Fähigkeit (speziell die ‚Frequent Locations-Funktion’) als „Bedrohung der nationalen Sicherheit“ verunglimpft – was Apple natürlich zurückgewiesen hat.

Quellen:

http://9to5mac.com/2014/07/07/apple-bolsters-ios-8-health-app-with-on-device-steps-counting-caffeine-tracking/

http://www.telegraph.co.uk/technology/google/10968053/Google-announces-smart-contact-lens-partner.html

http://www.telegraph.co.uk/technology/microsoft/10968238/Microsoft-developing-smart-headband-for-the-blind.html

Digital-Dienstag dient dem Durchbruch

"USA Today", lange Zeit die auflagenstärkste Tageszeitung in Amerika, brach ab 2009 mit dem gesamten Printmarkt ein. Alle Anstrengungen, digitale Medienstandbeine aufzubauen, haben den Einnahmeverlust bisher nicht wettgemacht. Aber hinsichtlich Auflage ist "USA Today" wieder vorne. Die jüngste Bemühung, in der Onlinewelt Fuß zu fassen, segelt unter dem Titel "Social Media Tuesdays": An diesem Wochentag müssen alle Reporter so tun, als gäbe es als Nachrichtenquellen bloß die Flüsterküchen auf Facebook oder die Kraut & Rüben-Meldungen auf Reddit. Idee der Aktion ist, Journalisten einzuimpfen, dass eine wachsende Zahl von Nachrichtenkonsumenten als erstes einen Blick auf Twitter wirft. Dass hier Geschwindigkeit vor Qualität geht, ist unbestritten. Aber es scheint keinen anderen Weg zu geben.
Durch Aktionen dieser Art erreicht "USA Today" zur Zeit monatlich 25,5 Millionen mobile Leser. Für die Reporter bedeutet dies, dass sie nicht nur gute Geschichten aufreißen und gut schreiben können, sondern zusätzlich noch zugkräftige Überschriften finden und dann den gesamten Text in der Online-Welt anschieben müssen.

Quelle:

http://www.nytimes.com/2014/07/14/business/media/usa-today-goes-viral.html

Österreich – Entwicklungsland hinsichtlich Internet-Unternehmen?

Einer Erhebung des Magazins "Economist" zufolge ist Österreich unter den größten Internet-Firmen der Welt nicht vertreten. Google erdrückt mit seiner 400-Milliarden-Dollar-Bewertung alles, das ist klar. Die Nummer 2 der Liste, die chinesische Alibaba-Gruppe, ist ebenfalls ein Monster. Selbst wenn man diese beiden Riesen ignoriert, haben führende Ökonomien wie Deutschland, Frankreich und Italien keine Internetunternehmen, die im globalen Vergleich herausragen. Was Österreich betrifft: Sogar Äthiopien und Vietnam liegen in dieser Hinsicht vor uns (war die nach Gibraltar abgewanderte Betandwin die einzige internationale Erfolgsgeschichte der letzten 15 Jahre?).

Quelle:

http://qz.com/234088/americas-biggest-internet-company-is-worth-more-than-its-counterparts-in-the-next-24-countries-combined/

TV: Genauer hinsehen

Unter den Jungen macht ein Phänomen die Runde: Komafernsehen. Als TV-Hineinfresser wurden jene Seher identifiziert, die sich zumindest drei Folgen einer Serie auf einmal geben. Eine neue Studie der Marketingagentur Annalect behauptet nun, dass die Exzessseher Werbe-Spots besser in Erinnerung behalten (21 Prozent) als Seher, die sich von Episode zu Episode schleppen (bloß 10 Prozent). Studienleiterin Pamela Marsh glaubt, eine Ursache dieses Phänomens sei die größere Konzentration auf den filmischen Inhalt (wer scharf darauf ist, alle Folgen von “Breaking Bad” zu sehen, tut das sicher nicht aus purem Verdruss). Das könnte ein guter Hinweis für Kabelanbieter sein, TV-Serien auf einen Schlag anzubieten und Werbetreibende zu größerer Teilnahme einzuladen.

Quelle:

http://qz.com/234383/people-remember-ads-more-when-they-binge-on-tv-shows/

Bestätigung der Woche

Nachdem wir immer mehr von unserem Leben digital abbilden, besonders in Form von Fotos, ist die Frage nicht ganz unberechtigt, ob das alles echt ist. Zumindest hinsichtlich digitaler Bilder gibt es jetzt eine Hilfestellung, mit der man ein Foto, z.B. bei einer Schadensmeldung nach einen Unfall, als authentisch bestätigen kann. Näheres unter: www.izitru.com

Entdeckung der Woche

Nachdem es populär geworden, Musik via Streaming zu hören, ist es vielleicht nicht ganz uninteressant zu erfahren, dass von den 20 Millionen Songs (irre, nicht?) auf Spotify, dem größten Anbieter, 4 Millionen (= immerhin 20 Prozent) nicht ein einziges Mal gehört wurden. Zu Recht?
Keine Ahnung, wer aber abseits von Mainstreammusik bei Spotify auf musikalische Entdeckungsreise gehen will, hat nun eine Gelegenheit dazu bei:
http://forgotify.com/

Anregung der Woche:


Electrolux führt einen globalen Design-Wettbewerb durch. Von einem Gerät, das Allergikern hilft, Haustiere zu halten (indem negative Ionen versprüht werden), bis zu einem Kücheneinrichtung, mit der man eigene Algen züchten kann, gibt es jede Menge interessanter Ideen. Hier die 35 Halbfinalisten, ausgewählt aus über 1.700 Einreichungen aus der ganzen Welt:
http://electroluxdesignlab.com/2014/

[Walter Braun]
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