Vorsicht, hoch ansteckend
 

Vorsicht, hoch ansteckend

Vom Magazinverlag zum Beratungsunternehmen: Will Sansom erzählt im Londoner Büro, wie relevant Weiterentwicklung in einem sich wandelnden Umfeld ist

Farringdon, London Nördlich der Themse, St Paul’s Cathedral in Gehweite, befindet sich ein hochkreativer Hub: Contagious. Gleich beim Eingang des Office lädt ein Hochtisch mit darauf platzierten frischen Früchten zum Hinsetzen, in Sichtweite präsentiert ein Bücher­regal den Stolz des Unternehmens: die vielfältigen Ausgaben des Contagious-Magazins.

Infiziert! Nicht nur die Redakteurin, auch viele starke Brands und noch mehr Kreativagenturen dieser Welt wurden von diesem Virus angesteckt, der von den rund 20 Menschen unter der Führung von Paul Kemp-Robertson und Gee Thomson (Gründer von Shots) ausgeht – nomen est omen.

Ursprung des inzwischen weltweiten Erfolgs ist das Premiummagazin Contagious, das vierteljährlich erscheint, bereits einen Titan Lion in Cannes abräumte und für das Abonnenten, Unternehmen wie Heineken, Toyota oder Red Bull und Agenturen wie Saatchi & Saatchi jährlich 10.000 Pfund hinlegen – Werbung ist in dem Magazin verpönt.

"Es war Raum für etwas Neues"

„Vor zehn Jahren, als Contagious gegründet wurde, gab es Raum für etwas Neues. Um nicht wieder ein Wochenmedium herauszubringen, wie es Campaign oder Marketing Week waren, setzten die beiden auf High Class, ein Coffee-Table-Format und die Themen neue Technologien, Marketing-Innovationen und Consumer Culture“, erklärt Will Sansom, Director of Content and Strategy.

Inzwischen hat sich was getan, Contagious hat Büros in London und New York. UK und USA sind die wichtigsten Märkte. Auch in Brasilien und jüngst in Singapur wurden Offices eröffnet. In Kürze steht die amerikanische Westküste am Plan.

Das Geschäftsmodell entwickelt sich rasant weiter, seit fünf Jahren ist auch ein Investor an Bord. So gibt es in­zwischen Contagious I/O, ein umfangreiches Archiv mit Kampagnen, ein Day-to-Day-Recherche-Tool, eine Art Lürzers Archiv, das ursprünglich mit dem Kunden Toyota und dessen Agentur Saatchi & Saatchi entwickelt wurde.

„Jedes Quartal erhalten wir einige Tausend Kampagnen aus der ganzen Welt zugesandt“, erzählt Sansom weiter. Bereitwillig zählt er einige der aus seiner Sicht trendigsten Agenturen mit Fokus auf Innovation in der Werbe- und Marketingwelt auf: Dentsu, Projector oder das Kreativlab Party in Japan, Wieden+­Kennedy, 72andSunny, Deutsch und Droga5 in den USA.

Trend: Service Design


„Mobile Kampagnen waren schon vor zehn Jahren in Asien großartig, die USA und Indien sind stark im Content und Storytelling, Service-Design, ein echter Trend, kommt aus Europa und UK“, gibt ­Sansom weitere Erkenntnisse preis. UK ist nicht Europa? Eine gewisse Inseldenke wird bei allen Interviews in London spürbar.

Das Research-Team wählt schließlich für das Magazin die passenden Beiträge aus. Es sind Journalisten, Brand Consultants und Kreative, die für Contagious arbeiten, will heißen: jung, kreativ und hip, nach dem Team im Raum zu urteilen.

Sansom erklärt schließlich, was echte Innovationen ausmacht: Sie sollten vor allem interessant und wertvoll für den Konsumenten sein. „Marken müssen in der interaktiven Welt heute noch härter arbeiten, aber es zahlt sich umso mehr aus.“

Er nennt ein Beispiel: Footlocker, der niederländische Sneaker-Hersteller, hatte die Idee für Sneakerpedia, das inzwischen ein umfassendes, vom Unternehmen und der Crowd gefülltes und gern genutztes Archiv für Sneakerfans ist. Daten sind ein Riesenthema.

Ein anderes Beispiel für Smart Services ist eine App der türkischen Bank Garanti, die lernt, wie ihr User mit Geld umgeht, und ihm schließlich Tipps gibt, wie er es besser machen könnte. „Service-Design ist das Stichwort. Es ist ein Geschenk für den User und gleichzeitig generiert das Unternehmen Wissen aus einem umfassenden Datenpool“, findet Sansom, während er mit der Heineken-Flasche in seiner Hand spielt.

Diese ist ein weiteres Best-Practice-Beispiel, Ergebnis des dritten und jüngsten Zweigs von Con­tagious, der Unit Insider, die Sansom ­leitet. Über Kundenanfragen ist Contagious in der Beratungsschiene angelangt, erarbeitet mit Marketern Briefings und organisiert Workshops.

Heineken mit "Club Bottle"

Für Heineken etwa eine blinkende Flasche, die auf Events eingesetzt wird und auf Bassrhythmen oder Prosten reagiert und aufleuchtet. Gelauncht wurde die „Club Bottle“, die in Cannes einen Löwen abräumte, zur Milan Design Week.

Und mit Mondelez hat man in Buenos Aires ein Ideen-Lab geschaffen, die
Fly Garage, in dem unterschiedlichste Menschen an neuen Ideen mittels ­Design Thinking arbeiten. Ein starkes Zeichen setzt Contagious alljährlich mit dem hochkarätig besetzten Innovation Event Most Contagious. Fazit: Innovationsfreude ist ansteckend.

Dieser Artikel erschien bereits am 19. September in der HORIZONT-Printausgabe 38/2014. Hier geht's zur Abo-Bestellung.
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