Vertrauen. Vielfalt. Verantwortung.
 

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ORF platziert im Rahmen der Kampagne „Wir wir“ Imagebroschüre als Argumentarium zur „Rundumversorgung“ - Stiftungsrat Kürberl mahnt

"Lisa liest gerne in ihrer Freizeit. Klettert gerne auf heimische Berge und ist Journalistin und Moderatorin der ZIB." Lisa Gadenstätter: "Mein WIR ist meine Familie in Salzburg und Tirol - dort kann ich mich entspannen, wenn ich gerade nicht mit dem anderen WIR - der Redaktion - für mein größtes WIR - die Zuseherinnen und Zuseher des ORF - Nachrichten recherchiere" (Hervorhebung gemäß Vorlage).

Das steht auf Seite 18 einer 20-seitigen Broschüre, die laut ORF Marketing seit Samstag, 2. Juni, in der beachtlichen Auflage von 540.000 gedruckten Exemplaren als Beilage in "Profil", "Die Presse", "Der Standard" sowie der hauseigenen "ORF Nachlese" beigelegt ist - praktischer Weise auch unter Zukunft.orf.at elektronisch abrufbar beziehungsweise via ORF-Kundendienst auch bestellbar.

Zurück zu Lisa (Gadenstätter): Wir lernen, dass Lisa "die Nachrichtenlage im Ö1-Morgenjournal (checkt)", "wissen (will), was dahintersteckt" (indem sie Programmschwerpunkte im ORF wie zur Euro-Krise oder dem Klimawandel beachtet) und "bei ,Willkommen Österreich' schon mal lauthals auflachen (kann)" (alle Zitierungen auf Seite 19).

Damit erschließt sich zur seit 15. Mai laufenden ORF-Imagekampagne "ORF. Wie Wir" mit einer Reihe von "Rolle Models" eine weitere Dimension der Jung-von-Matt Kampagne (die noch bis Ende Juni on air sein wird): Ein Argumentarium anhand von Typologien (und deren Vornamen, das wird noch eine Rolle spielen!, Anm.) zu bieten, dass die öffentlich-rechtlichen Programmangebote des ORF sozusagen typengerecht eine Rundumversorgung anbieten.

Aber nur "Susi-sorglos" ist die Inszenierung jedoch nicht, und das ist wohl die eigentliche PR-Dimension der Broschüre in Vorwahlzeiten, (vorläufig) gestrichener Gebührenrefundierung und Sparpaketen auf "Beichtstuhl"-Klausuren: Im Mittelaufschlag präsentiert sich der ORF als wahrer medialer Sparefroh: "51 Cent pro Tag & Gebührenhaushalt" bliebe "dem ORF nach Abzug der Summe, die etwa an Bund und Länder fliesst", steht da: "Information zum Leistungsspektrum steht nicht nur dem Parlament, dem Rechnungshof, der Medienbehörde, dem Publikums- und Stiftungsrat oder der unabhängigen Prüfungskommission offen: Jede/r kann sich selbst ein Urteil über den ORF bilden".

Ein Urteil, vorläufiges, hat sich zumindest Caritas Präsident Franz Küberl (und Stiftungsrat im ORF) in einer Aussendung zur "Wie wir"-Kampagne des ORF gebildet: "Die Kampagne unter dem Titel ,ORF. Wie wir.' soll die Vielfalt der Kundinnen und Kunden widerspiegeln, die jener des Programmangebots entspreche; veranschaulicht wird dies mit einer Plakatserie, in der bekannte ORF-Stars und auch Medienkonsumenten mit ihren Vornamen zu sehen sind. Leider bildet die Werbekampagne 'nur eine Hälfte der Republik'" ab, so Küberl am Montag gegenüber "Kathpress". "Wünschenswert wäre eine 'zweite, breitere Auflage' der Initiative, die die tatsächliche Vielfalt der in Österreich lebenden und die ORF-Angebote nutzenden Menschen wiedergibt", wird Kürberl zitiert.

Küberl bezieht sich auch auf ein Online-Kommentar in der Online-Ausgabe der Wiener Zeitung "Welches WIR? die ORF-Kampagne schrammt an der Realtiät vorbei": Das Spektrum der dargestellten Personen würde eine Erweiterung vertragen, so das langjährige Mitglied in ORF-Gremien. Schließlich gebe es auch ganz andere, die ORF-Fernsehen, -Radio oder -Internet nutzen. Den gibt´s etwa in der Broschüre auf Seite 6: Dario, "spricht slowakisch, studiert Linguistik und macht gerade seinen Doktor".

Nachsatz des Autors: Wenn schon das ORF-Buhlen primär der Selbstlegitimation mit deutlichem Wink an die politisch Verantwortlichen nach dem 29. September um zügiges Nachbessern der Gebührenrefundierung einseitig gesehen werden kann - einseitig kann auch die Division der Österreicher - des ORF-Wir? -  nach Vornamen wahrgenommen werden. "Zuletzt war mehrfach Kritik darüber laut geworden, dass in der ORF-Kampagne nur attraktive, überwiegend junge Frauen und Männer mit deutschen Vornamen vorkommen", lässt Küberl die Kathpress mit Bezug auf den Wiener-Zeitung-Online-Kommentar schreiben. Naja.

Erwartung: Zu Küberl und "Welches WIR?" wird dem ORF mit seiner Agentur etwas einfallen. Garantiert.
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