"Unabhängigkeit hat ihren Preis"
 

"Unabhängigkeit hat ihren Preis"

David Estrada/FNPI
Joseph Poliszuk, Chefredakteur der Investigativplattform ­armando.info, weiß, dass Journalisten „mehr denn je gefordert sind“.
Joseph Poliszuk, Chefredakteur der Investigativplattform ­armando.info, weiß, dass Journalisten „mehr denn je gefordert sind“.

Die venezolanische Plattform armando.info setzt auf digitalen Investigativ­journalismus und agiert als Whistleblower-Anlaufstelle in einem Land, in dem die Regierung Medien sukzessive für sich vereinnahmt.

Wir erleben in Venezuela einen außergewöhnlichen, wenn nicht historischen Moment“, sagt ­Joseph Poliszuk im HORIZONT-Exklusivinterview via Skype-Videochat. Er ist Chefredakteur der erfolgreichen Onlineplattform für Investigativjournalismus armando.info.

Während in der Redaktion ein hektisch-passionierter Trubel herrscht, zeigt er sich besorgt: „Wir sind als Journalisten mehr gefordert, denn je. Es häufen sich Menschenrechtsverletzungen, jedoch kaum in Caracas, wo die Auslandspresse stationiert ist. Das geschieht im Hinterland.“

Der Name der erfolgreichen Neugründung von 2014 ist ein Wortspiel, der sich am Gerundium des Verbs „bewaffnen“ (span. armar) orientiert, betont Poliszuk: „In gewisser Weise bewaffnen wir die Information. Das ist unsere Aufgabe. Wir sind als Journalisten auch in den Schützengräben der Gesellschaft.“ Die eben in Massen gegen Staatschef Nicolás Maduro landesweit protestiert. Jener habe, wie Poliszuk betont, „die Macht, aber nicht die Führung von Ex-Staatschef Hugo Chávez geerbt“. 

Aber Armando ist freilich auch beliebter Männername. So erinnert sich Poliszuk gerne an die Anekdote, als er zu einem Korruptionsnetzwerk zwischen Caracas und Buenos Aires recherchierte und schließlich publizierte. Als ihn dann eine Quelle ganz naiv fragte, „wer eigentlich jener ­Armando ist?“ „Mit dem aktuellen Puls der Nachrichten wollen und können wir nicht mithalten“, sagt der Chefredakteur weiter.

Nach dem Motto, „lieber weniger, dafür umfassende Geschichten als mit der Medienmeute im Sekundentakt mitzujaulen“. Das würde personelle Ressourcen kosten, die man nicht habe. „Und für was eigentlich?“, fragt er: „Man biete dann ohnehin nur Informationen an, die ein Leser von überall herbekommen kann.“ Neun Mitarbeiter zählt armando.info.

Der Fokus ist auf tief- und hintergründige, rechercheintensive Investigativreportagen gerichtet. Damit traf man den Nerv der Zeit, weiß er. Eine Million Seitenaufrufe und 412.000 Nutzer zählte man bereits 2015. „Tendenz um 30 Prozent im Halbjahresvergleich steigend“, unterstreicht Poliszuk. Primär aus Venezuela, und der seit der Ära unter Chávez steigenden Zahl an Exilbürger weltweit. Die Schwerpunkte sind dabei auf Aufdeckungsreportagen zu Korruption, international organisiertem Verbrechen, Gesundheit oder auch Umwelt, zumeist im Zusammenhang mit der Förderung von Bodenschätzen und Erdöl, gerichtet.

Staatliche Inserate ein Tabu

Diese Nutzer sind es, die die bisher werbefrei gehaltene Plattform mit einem „Freemium“-Modell – Registrierung der Nutzer für eine limitierte Zahl (15) an kostenlosen Artikelzugriffen – mittels Spenden, aber auch punktuell mit Crowdfunding-Unterstützung für aufwändige Reportagen tatkräftig unterstützen.

„Ob wir einmal ein Banner schalten werden, kann ich nicht sagen“, sagt Poliszuk: „Im Idealfall bleiben wir ohne Werbung.“ Man müsse den Lesern klarmachen, dass „Unabhängigkeit einfach seinen Preis hat“. Doch man wolle auch keine NGO sein, betont Poliszuk. Staatliche Inserate wären ohnehin ein Tabu, denn damit kaufe sich das Regime Hörigkeit.Schwer wiegt auch das nationale Medientrauma Venezuelas.

Für den armando.info-Chefredakteur begann die Medienkrise demnach 2013. Just mit der Machtübernahme Maduros als Chávez‘ Erbe kaufte das Regime sukzessive die großen Medienhäuser auf. „Und krempelte damit das Ökosystem kräftig um. Oftmals anonym“, betont Poliszuk: „Bei El Universal wusste ich vor meinem Ausstieg nicht mehr, wer das Ruder hält. Ich spürte nur, dass die Zensur intern tagtäglich zunahm.“ Die Blattlinie auf die der Regierung umgepolt.

Wer nicht mit dem Schwarm mitschwamm, der wurde, wie viele Kollegen, schlichtweg entlassen.Für Poliszuk, der Journalist aus Berufung und Leidenschaft ist, gab es schließlich nur zwei Alternativen, um weiter in der Branche zu arbeiten: „Auswandern oder eine eigene Plattform starten.“ Zweites war seine Wahl, die er alsdann mit den Kollegen Alfredo Meza und Ewald Scharfenberg in die Tat umsetzte: „Eine Tendenz, die sich in vielen Staaten Lateinamerikas aktuell zeigt“, sagt Poliszuk. Im Digitalen  sei es einfacher, seine Unabhängigkeit zu wahren.

Bei Panama Papers beteiligt

Einer der „Scoops“ von armando.info war die Kooperation im Rahmen der Analyse und Publikation der Panama Papers. Gemeinsam mit weiteren venezolanischen Onlinenewsplattformen wie runrun.es, Efecto Cocuyo und El Pitazo. Wo man eine Fülle an Offshore-Geschäften der Elite der doch so linksradikalen Chavisten aufdecken konnte.

Eine weitere Besonderheit in der Berichterstattung auf armando.info ist, dass man Geschichten tunlichst weiterverfolgt, und es nicht bei Eintagsfliegen belässt. „Unsere Leser interessiert es einfach, wie sich eine Causa entwickelt“, ist Poliszuk überzeugt. Etwas, das stets Teil der Bericht­erstattung in Tageszeitungen war, doch aktuell sukzessive im Druck zwischen viralen Storys, der Echtzeitnews im WWW und dem Sparkurs in den ­Redaktionen mehr und mehr ins Hintertreffen gerät.

 „Es ist wie mit der Gesundheit“, sagt Poliszuk angesprochen auf die Arbeitsbedingungen von Medienmitarbeitern im „boliviarischen Staat“: „Vorbeugen ist besser als heilen.“ Was die eigene Sicherheit betreffe, die der Kollegen, aber mehr noch, die der Quellen. Weder Paranoia noch in eine Opferrolle zu fallen, wäre angebracht, meint Poliszuk. Vorsicht sei oberstes Gebot, sowohl auf der Straße als bei den genutzten Kommunikationskanälen.

 Poliszuk, der für armando.info optimistisch in die Zukunft blickt, und bereits engere Kooperation mit Kollegen in anderen linksregierten boliviarischen Nachbarstaaten oder gar Dependancen andenkt, wähnt sich für Venezuela hingegen betont in Vorsicht: „Hier ist ein Tag fast zehn Jahre subjektiv betrachtet.“ Man stehe vor einer Phase der Transition. Doch ob diese im Chaos münde, wie in Nicaragua, oder in geregelten Bahnen verläuft, wie am Beispiel Chiles, „das hänge vom Volk ab“. 

Das gesamte Interview mit Joseph Poliszuk lesen Sie auf Seite 2.

[Jan Marot]

Hier das komplette Interview zu Venezuela mit Joseph Poliszuk, Chefredakteur von armando.info:

HORIZONT: Wie ist aktuell um die Lage im Land bestellt?

Joseph Poliszuk: Wir erleben eben einen entscheidenden und heiklen Moment unserer Geschichte. Wir sind erwartungsvoll, was die Ereignisse die die nahe Zukunft bringen wird. Ich will mich aber nicht vorschnell zu möglichen Entwicklungen äußern. Es ist anders als etwa 2002, mit den härtesten Protesten (Anm. und dem Putschversuch) gegen Hugo Chávez. Ich spüre, dass nun die Menschen anders in Massen auf den Straßen des Landes demonstrieren. Sie sind überzeugter und beherzter in ihrem Protest.

Und logischerweise haben sie heute auch weit mehr Grund zur Unzufriedenheit als einst. Wie man sicherlich auch in Europa auf den TV-Bildern sehen konnte, sind unter den Demonstranten nicht mehr radikale, gewaltbereite Gegner der ‚Chavisten‘ unter Nicolás Maduro. Der Protest geht nun vom Volk aus, und wird nicht mehr von jenem Lager aus geschürt.

Der aktuelle Widerstand geht allem Anschein nach quer durch die Gesellschaft, Frauen, Kinder, ältere Generationen, und durch die Klassen …

Exakt. Aber es kommt auch zu unglaublichen Menschenrechtsverletzungen. Und da sind wir Journalisten besonders gefordert. Wohlgemerkt, diese passieren nicht in Caracas selbst. Im Süden Venezuelas hat man auf Demonstranten geschossen. Im Zentrum des Landes haben Sicherheitskräfte eine offensichtlich schwangere Frau verprügelt.

Wie geht es ganz generell um die Medien in Venezuela?

Viele Journalisten, die einst bei traditionellen Medien, Radios oder Tageszeitungen arbeiteten sind mittlerweile in den Onlinejournalismus umgestiegen. Denn es ist hier, wo man noch die unabhängigsten Räume für die Berichterstattung finden kann. Das Ökosystem im Digitalen ist, wenn man so will ein anderes. Das gilt für ganz Lateinamerika, aber im besonderen Maße für Venezuela. In unserem Fall hat sich armando.info als Schützengraben entpuppt, von wo aus wir Geschichten bringen können, die in den gängigen Nachrichtenkanälen keinen oder nur kaum Platz finden.

Was hat Sie dazu bewegt, „El Universal“, die führende Tageszeitung und ihren Redakteursposten zu verlassen, und armando.info zu starten? Das war ein durchaus riskanter Schritt …

Da bin ich kein Einzelfall. Das haben viele Kollegen gemacht, oder sie wurden dazu gezwungen. Es gab schlichtweg keine Alternative. Maduro hat, wie Sie wissen, die Macht von Chávez geerbt. Aber nicht die Führung des Landes. Vom Machtwechsel an versuchte man die Feinde die man haben könnte, zu kaufen. Während die Proteste im Land zunahmen, vergrößerte sich das Informationsvakuum. Die Regierung Maduros begann damit Medienhäuser zu kaufen. Nicht offiziell, sondern quasi anonym.

Bis heute weiß man nicht, wem „El Universal“ gehört. Das ist eigentümlich, und geht über die Zensur, die tagtäglich sicht- und spürbarer wurde. Man schrieb über Drogenhandel und die Netzwerke die das Geschäft umgibt, stets basierend auf offiziellen Regime-Quellen, ohne zu wissen, wer einen dafür bezahlt. Das hat mich dazu motiviert, „El Universal“ zu verlassen. Gekoppelt an die Zensur natürlich.

Damals hatten wir die Website armando.info bereits, doch nicht in ihrer aktuellen Form. Sie diente mir und Kollegen dazu, Stories zu publizieren, die wir nicht in der Zeitung unterbringen konnten. Es war unser Raum für unsere Geschichten, die in der Alltagsdynamik untergegangen waren. Investigativ-Reportagen, die doch mit das sind, was wir an unserer Arbeit am meisten lieben. Und die Zusammenarbeit im Team.

Wie erklärt sich der Name armando.info? Ich nehme an, er kommt vom Gerundium des Verbs bewaffnen, „armar“?

Sie haben Recht, es ist ein Wortspiel, das sich von „bewaffnend“ ableitet. Wir bewaffnen die Information, daher das .info. Darum geht es. Doch wir spielen mit allem. Auch mit der Personalisierung, denn Armando ist ja auch ein Männername. Unlängst, als wir zur Korruption zwischen Venezuela und Argentinien recherchierten und publizierten, fragte uns eine anonyme Quelle schließlich, „wer denn dieser Armando eigentlich sei?“.

Stammt dieser aus Argentinien oder Venezuela? (lacht). Zudem deutet das Gerundium auch darauf hin, dass unsere Geschichten nicht abgeschlossen sind, sondern wir sie stets weiterverfolgen. Das ist etwas, was auch unsere Leser-Community sehr schätzt. Etwas, das stets Teil der Berichterstattung in Tageszeitungen war, doch aktuell sukzessive im Druck zwischen viralen Stories, der Echtzeitnews im WWW und dem Sparkurs in den Redaktionen mehr und mehr ins Hintertreffen gerät.

Wie läuft Ihr „Whistleblower“-Mailfach?

Das ist Teil unserer Arbeit, und es kostet uns auch einiges an Ressourcen. All die Daten zu prüfen, verifizieren, analysieren und kontrastieren. Doch es ist einer unserer Eckpfeiler. Eben weil wir nicht mit den tagesaktuellen Nachrichten konkurrieren oder gar mithalten wollen und auch nicht können. Aber hier ist auch das zuvor angesprochene Informationsvakuum, und wir arbeiten viel mit anonymen Quellen.

Wie steht es um Ihre eigene Sicherheit? Wie schützen Sie sich, Ihre Mitarbeiter und Quellen? Wurden Ihre Inhalte gar bereits seitens der Regierung blockiert? Wurden Sie bedroht?

Es ist gleich wie in der Medizin will ich meinen. Vorbeugen ist besser als heilen. Man muss wissen, was man tut. Wie man kommuniziert. Ganz generell sind wir nicht oft bedroht worden bei armando.info. Einzig vor etwa einem Monat, als eine unserer Journalistinnen an heikle Daten, einen geheimen Akt eines hochrangigen Militärs gelangte.

Etwas, das auch in gewisser Weise einen Schatten auf das Erbe von Chávez werfen könnte. Und das ist doch etwas, das man in Venezuela sehr schätzt und pflegt. Auch freie Mitarbeiter von uns, die uns bei Recherchen helfen, sind wiederholt bedroht worden. Wir schützen uns, wie und wo wir es können. Aber wir haben auch nicht viel zu befürchten, da wir nicht konspirativ gegen die Regierung agieren.

Wie finanziert sich armando.info, so ganz ohne Werbung? Und seine Belegschaft von neun festen Mitarbeitern?

Ich will hier und heute nicht ausschließen, dass wir irgendwann einmal einen Online-Banner schalten werden. Wir sind überzeugt, dass wir uns nicht über Werbung finanzieren wollen und sollen. Staatliche Inserate sind ohnehin ein Tabu. Wir arbeiten punktuell zur Finanzierung von Recherchen und Reportagen mit Crowdfunding. Und wir versuchen unseren Lesern zu vermitteln, dass die Unabhängigkeit ihren Preis hat. Daher wollen wir uns über die Leser-Community finanzieren.

Doch hierfür gibt es in Venezuela noch keine Kultur, keine Tradition. In gewisser Weise ist der britische Guardian hier für uns ein Vorbild. Dass man einfach ein paar Geschichten im Monat kostenlos bereit stellt, und wer ein gewisses Limit überschreitet eben dazu gebeten wird, seinen Beitrag zu leisten.

Wie ist es um die Nutzerzahlen von armando.info bestellt?

Im Vorjahr haben wir die Million an Seitenabrufen überschritten. Und hielten bei mehr als 420.000 Nutzern (Anm. Unique Clients). Wir legen im Halbjahresschnitt aktuell um etwa 30 Prozent zu. Mehrheitlich sind es Zugriffe aus Venezuela. Und eben auch Auslandvenezolaner, die uns auch tatkräftig finanziell unterstützen.

Unser Publikum ist venezolanisch, im In- und Ausland. Aber eines unserer Ziele ist es, unsere Leserschaft auf die weiteren, teils angrenzenden ebenso wie Venezuela „boliviarisch“ regierten Staaten auszuweiten. Denn die Korruption, die eine solche Regierung mit sich bringt, ist überall ähnlich.

Was sind Ihre Hoffnungen für Venezuela, und für armando.info?

Caramba. Keine leichte Frage. In Venezuela erscheint einem ein Tag oft wie zehn Jahre. Unsere Gesellschaft ist eine stets chaotische. Wir sind an einer Weggabelung angelangt. Und es liegt am Volk zu entscheiden, welche Form des Übergangs wir wollen, und wohin. Einen Wandel zum Schlechteren, wie in Nicaragua. Oder eben einen zum Besseren, wie ihn Chile geschafft hat. Das die Depression überwunden hat.

Wenn man hier in der Matrix feststeckt, wie ich, kann man schwerer Prognosen geben, wohin unseren Weg gehen wird. Mit armando.info sind wir sehr zufrieden. Unser Ziel ist es, weiter als Journalisten zu arbeiten. Das war ja für mich die Entscheidung: In Venezuela weiterzuarbeiten, oder ins Exil zu gehen. Und wir wollen weiter exzellente Arbeit liefern, um weiter zu wachsen.

Zur Person:

Joseph Poliszuk (* 1981, Maracaibo) ist Gründer und Chefredakteur von armando.info, der führenden Online-Plattform für Investigativjournalismus und Whistleblowing in Venezuela. Zuvor arbeitete er als Redakteur bei „El Universal“, der auflagenstärksten Tageszeitung des Landes, die er aufgrund der Zensur und der ungeklärten Eigentumsverhältnisse – das Regime kaufte anonym kritische Medienhäuser auf – verließ. In seiner Freizeit flaniert Poliszuk am liebsten durch Caracas, und mit sein größtes Hobby ist das Reisen. „Auch wenn das aktuell nur auf Google-Maps möglich ist“, sagt er. Noch kinderlos, hofft er „dass sein Nachwuchs in Freiheit aufwachsen kann“.

[Jan Marot]
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