„UKW abzudrehen ist Weg der Lemminge über die...
 

„UKW abzudrehen ist Weg der Lemminge über die Klippe“

Markus Wache
Digital vor der Tür: vlr: Andreas Kunigk, Ernst Swoboda, Matthias Gerwinat, Michael Wagenhofer, Monika Eigensberger - Medientage 2017 Tag1 am Erste Campus, am 20.09.2017 | (c) Medientage/Wache
Digital vor der Tür: vlr: Andreas Kunigk, Ernst Swoboda, Matthias Gerwinat, Michael Wagenhofer, Monika Eigensberger - Medientage 2017 Tag1 am Erste Campus, am 20.09.2017 | (c) Medientage/Wache

Verhärtete Fronten zwischen den heimischen Radiobetreibern zum Thema UKW vs. DAB+. Anbieter brauchen Wege, um Konsumenten auch in Zeiten von Spotify und Amazon anzulocken.

DAB+ vs. UKW – oder doch das Internet? Wie und wo die Zukunft des heimischen Radios erfolgreich stattfinden könne, darüber wurde am Panel „Digital vor der Tür - Wie sieht die Zukunft des Radios im dualen Markt aus?“ heiß diskutiert. Die Diskussion am ersten Tag der Österreichischen Medientage wurde von Andreas Kunigk (RTR) geleitet.

DAB+ nicht Antwort auf Herausforderungen

„Die Zeiten von Insellösungen sind vorbei“, sagte Ernst Swoboda, Vorsitzender des Verbandes Österreichischer Privatsender (VÖP). „Wir befinden uns schon sehr lange in einem Zeitalter, das durch technologische Entwicklungen bzw. Devices vorangetrieben wird.“ Swoboda glaubt an eine Dualität von UKW und DAB+, letzteres sei zum Beispiel eine gute Möglichkeit für jene, die keine Übertragungskapazitäten über UKW verfügen. „Man soll nur nicht den Fehler machen, DAB+ als die digitale Zukunft zu sehen und UKW abzudrehen, wie das jetzt in manchen Ländern gemacht wird. Das ist der Weg der Lemminge über die Klippe.“ Für Swoboda ist die digitale Zukunft des Radios online: „Wir müssen uns Gedanken machen über Angebote, was wir wo anbieten. Wir hören von Konsumenten immer öfter den Wunsch nach non-linearen Angeboten. Es geht darum, etwas zu skippen, etwas noch einmal zu hören, interaktiv mit den Angeboten zu kommunizieren und etwas unterbrechungsfrei zu hören. Für diese muss man Angebote schnitzen und DAB+ ist nicht die Antwort auf diese Herausforderungen.“

DAB+ hält nicht, was es verspricht

Auch für ORF-Radiochefin Monika Eigensperger ist DAB+ klar eine „Übergangstechnologie“: „Nirgendwo in Europa ist es ein durchschlagender Erfolg. In Großbritannien geht die Nutzung zurück, in Österreich wurden letztes Jahr nur vier Prozent DAB+-fähige Geräte verkauft.“ Gerade jüngere Menschen würden sehr viel Audio über das Smartphone konsumieren. „Die europäischen Medienhäuser stehen vor der Herausforderung, dass die Konsumenten Inhalte dort nutzen, wo es von der Usability, vom Spaßfaktor und von den Möglichkeiten her attraktiv für sie ist. Sie gehen dorthin, egal was wir machen. Wir müssen dort vertreten sein, wo die User sind, dürfen aber unseren teuer produzierten Content nicht verschenken,“ sagt sie. Selbstverständlich müsse man auch terrestrisch empfangbar bleiben – „aber das gibt es bereits, es ist UKW“, drückt es Eigensperger klar aus, denn: „Die DAB+Technologie hält nicht das, was sie verspricht.“

„Ignoranz und Arroganz“ der DAB+-Verweigerer

„Es schmerzt, zuzuhören, das Medienmacher es sich leisten können, mit Arroganz und Ignoranz das Thema DAB+ wegwischen zu können. Das geht an den Bedürfnissen der Menschen völlig vorbei“, drückt es Matthias Gerwinat, Geschäftsführer des Vereins Digitalrdio als Antwort darauf drastisch aus. Allen voran der ORF „wagt sich lieber mit einem kleinen Segelboot in den Atlantik und will mit dem Big Five konkurrieren, als sich hier im Binnensee mit dem terrestrisches Radio auseinanderzusetzen.“ Dabei biete das Digitalradio so viele Möglichkeiten: „Wir sollten uns Zeit nehmen, in Ruhe zu schauen, welche Interessen und Bedürfnisse die Menschen haben, die Radio bezahlen. Wir sollten Content machen, der gehört werden will. Dabei ist DAB+ der richtige Weg. Jeden Tag verlieren sie Marktanteile, wenn sie nicht in DAB+ investieren“, sagte er in Richtung DAB+-Verweigerer.

Entspannterer Zugang notwendig

ORS-Geschäftsführer Michael Wagenhofer plädiert für einen „entspannteren Zugang zum Thema“. Er will die Nutzer über die Ausspielungstechnologie entscheiden lassen, „so wie es damals bei MKW und UKW auch war.“ Dazu wünsche er sich auch von der Regierung bzw. den Regulatoren eine klarere Vorgabe zu dem Thema, ohne diese Entscheidung sei „jeder in seine Ecke gezwungen, denn momentan gibt nur glühende DAB-Verfechter und -Gegner.“ Für ihn ist klar, dass es einen „qualitätsgesicherten infrastrukturweg“ brauche - „das kann man nicht dem Internet überlassen“. Nach Wagenhofers Meinung ist das auch in den kommenden 20 Jahren UKW, mit DAB+ als Ergänzungsmodell.

[Veronika Höflehner]
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