"Transform or die" lautet die Devise
 

"Transform or die" lautet die Devise

J. Brunnbauer
Yaser Bishr erklärte, wie man mit den Herausforderungen "im Zeitalter von LOL, WTF und Emojis" umgehen kann.
Yaser Bishr erklärte, wie man mit den Herausforderungen "im Zeitalter von LOL, WTF und Emojis" umgehen kann.

Yaser Bishr, Keynote-Speaker bei den Medientagen und Chief Digital Officer bei Al Jazeera, sprach über die Herausforderungen, die Medienunternehmen und insbesondere TV-Sender meistern müssen, um ihre Daseinsberechtigung zu wahren

"Sein Lebenslauf liest sich wie eine Enzyklopädie", so "Profil"-Herausgeber und Chefredakteur Christian Rainer über den Keynote-Speaker an Tag Zwei der österreichischen Medientage: Yaser Bishr. Bishr wirkt seit rund drei Jahren für das internationale Medienunternehmen Al Jazeera mit Sitz in Qatar und hat erst vor Kurzem eine neue Digitalabteilung gegründet, um die Entwicklung aller digitalen Produkte, Services und Plattformen im Überblick zu behalten. Im Zuge dessen soll auch der Online-Channel AJ+ auf das nächste Level gehoben werden. Am Beispiel von AJ+ skizzierte Bishr, wie sich die globale Revolte des TV gestaltet und welche Herausforderungen es "im Zeitalter von LOL, WTF und Emojis", wie er es bezeichnet, zu bewältigen gilt. 

Auf Millenials zugehen 

Zunächst hob der Chief Digital Officer die Generationenlücke hervor, die den Medien zu schaffen macht. Im Nahen Oster sind die Zuseher, die TV konsumieren, in ihren frühen 50ern, in den USA eher in den früher 60ern. Das Durchschnittsalter eines FOX News-Sehers beträgt 68 Jahre, um nur ein Beispiel zu nennen. Um die jüngeren Generationen anzusprechen, wird nach wie vor wenig getan, "und auch Al Jazeera hat lange den Fehler gemacht, die Inhalte, die im Fernsehen gezeigt wurden, 1:1 Online auszuspielen", so Bishr.

Veränderung beginnt intern 

Wie schafft es Al Jazeera heute, jüngere Zuseher in ihren Bann zu ziehen? "Viele denken, dass Millenials kein Interesse an Nachrichten haben, aber das ist absolut falsch", betont Bishr. Medienunternehmen müssten sich zunächst fragen, warum sie tun, was sie tun – "und das hat grundsätzlich nichts mit Journalismus per se zu tun", so der Chief Digital Officer. Al Jazeera bzw. AJ+ haben dabei fünf Schlüsselwerte identifiziert: "empower" (ermächtigen), "defy" (sich widersetzen), "engage" (sich beteiligen), "experience" (erfahren) und "inspire" (inspirieren). Weiters betonte Bishr die Vielfalt innerhalb der Redaktion: „Bei uns arbeiten unter anderem Afro-Amerikaner, Europäer, Inder, Muslime, Native Americans, insgesamt 75 Nationalitäten“ – und dies müsse man wahren, den Veränderung beginnt immer zuerst bei sich selbst, intern.

Die großen Herausforderungen  

Weiters identifizierte Bishr eine Reihe an Herausforderungen, der sich Medienunternehmen heute stellen müssen.

  1. Ein Medienunternehmen hat heute keine redaktionelle Kontrolle mehr. Auf Facebook, Google, Twitter und Co. entscheiden die Algorithmen, welche News den Usern ausgespielt werden
  2. Man kann als Medienunternehmen nicht auf jeder Plattform präsent sein. Und: ein Chefredakteur von heute muss verstehen können, welcher Aspekt der Story auf welcher Plattform funktioniert und wo man grundsätzlich präsent sein möchte. Hierzu braucht es außerdem eingehende Analysen.
  3. Digitale Erlösmodelle, wie wir sie kennen, funktionieren nicht mehr. Das heißt: Onlinewerbung funktioniert nicht mehr, die Responseraten zeigen es. Aber: Bishr glaubt auch nicht an Native Advertising, denn aus seiner Sicht manipuliert man auf diese Art und Weise nur die Rezipienten.
  4. Medienunternehmen müssen sich selbst als Technologieunternehmen wahrnehmen. Chatbots, um nur ein Beispiel zu nennen, sind die Zukunft.


Im Anschluss an die Keynote diskutierten Yaser Bishr und Moderator Christian Rainer über die Relevanz von Al Jazeera als politisches Medium. Dabei betonte der Chief Digital Officer, dass es nicht darum gehen solle, die Zuseher zu beeinflussen, sondern ihnen die Fakten näherzubringen. Der Keynote Speaker bestritt zudem, dass die in Qatar sitzenden Eigentümer Einfluss auf die Berichterstattung ausüben. Als bekannt wurde, mit welchen Problemen Gastarbeiter im Emirat zu kämpfen hatten, sei Al Jazeera bei der Berichterstattung vorne mit dabei gewesen und habe "auch tatsächlich Verbesserungen erwirkt", so Bishr abschließend. 

Mehr über die Einflussnahme der Eigentümer auf die redaktionelle Linie von Al Jazeera, Storytelling und digitale Wege lesen Sie im HORIZONT-Interview mit Yaser Bishr hier oder in der HORIZONT Nr. 38. 
"Profil"-Herausgeber und Chefredakteur Christian Rainer übernahm die Moderation der Keynote.
J. Brunnbauer
"Profil"-Herausgeber und Chefredakteur Christian Rainer übernahm die Moderation der Keynote.
stats