Totaldigital ist ungesund
 

Totaldigital ist ungesund

Seb Braun/www.sebbraun.co.uk

Diese Woche geht´s bei Walter`s Weekly u.a. um dynamische Preisgestaltung

Ist Retro bloß Mode oder Gegenwehr?

Zurzeit dominieren die linearen Hochrechner – ihnen zufolge schreitet die Digitalisierung von Arbeitsplatz, Umwelt und Privatsphäre unaufhaltsam voran. Wird ihre Vision Wirklichkeit, dann ist in wenigen Jahren alles, das sich bewegt, elektronisch vernetzt. Jede Veränderung auf diesem Erdenrund wird registriert und irgendwo von irgendjemandem ausgewertet.

Die Hochrechner, die sich selbst gerne als Visionäre und Optimisten darstellen, übersehen in der Regel zwei Dinge. Erstens schätzen sie die menschliche Natur falsch ein – jede einseitige, extreme Entwicklung führt zu Gegenbewegungen.

Und zweitens akzeptieren sie kommentarlos eine verhängnisvolle Entwicklung, vor der schon Heidegger vor über 70 Jahren gewarnt hat („Die Frage nach der Technik“, 1954): Moderne Technologie wird vom Diener zusehends zum Anschaffer, dem wir uns unterwerfen. Nach wessen Vorstellungen eigentlich? Jenen von größenwahnsinnigen Milliardären im Silicon Valley?

Die Analogen wollen sich die handfeste Welt nicht madig machen lassen. Beispiele: Schallplatten werden von HiFi-Fans gekauft (während CD-Verkäufe im Sinkflug sind); kleine Buchläden machen wieder auf; mechanische Uhren erleben ein Revival; altmodische Brettspiele sind wieder gefragt; Kostümrollenspiele, alte Autos, Retro-Erotika, Handwerkskunst – das alles ist bei anspruchsvolleren Verbrauchern im Kommen. Diese Bewegung geht übrigens nicht von Oldies, sondern von den Jungen aus.

Ein gewisser Widersinn macht sich bemerkbar: Wozu soll sich ein angehender Einzelhandelskaufmann einschlägiges Digitalwissen aneignen? In Supermärkten wird das Personal nach und nach durch Selbstbedienungskassen ersetzt. Erste total automatisierte Läden existieren bereits. Was werden all die Banklehrlinge tun, wenn viele Filialen schließen, da Schecks und Bargeld abgeschafft werden und Banking online stattfindet? Gleichzeitig sind wir alle aufgerufen, diese Entwicklung voll zu unterstützen.

Derweilen werden die Gängelungsgelüste der Digitalbarone immer hemmungsloser. Jüngst kam der Vorschlag, ‚virtuelle Urlaube’ anzubieten. Ganz sicher werden weltfremde Linksgrüne hinter den Hecken hervorkommen und digitalen Konsum von Scheinerlebnissen ausloben. (Sie selbst werden natürlich weiterhin in exotische Destinationen jetten, während den ungewaschenen Massen der Knüppel von der globalen Erwärmung auf den Kopf gedroschen wird.)

Palmer Luckey, der 23-jährige Gründer des Virtual Reality-Headsets Oculus Rift, hat genau das bereits ausgesprochen: Es sei eine ‚moralische Notwendigkeit’, den Massen erfundene Wirklichkeit anzudienen, damit sie in einem zufriedenen Zustand gehalten werden. Im Magazin „Wired“ will ein Autor die Armen mit Künstlicher Realität abspeisen, damit sie etwas zum Konsumieren haben.

Laut aktuellen Erhebungen beträgt der tägliche Durchschnittskonsum von Medien aller Art schon knapp 10 Stunden! Unsere Gehirne sind auf so viel verlockende Ablenkung nicht eingerichtet. Es ist bereits die Rede vom ‚Zeitalter der Zerstreutheit’, da sich niemand mehr richtig konzentrieren kann. (Übrigens ist ein Merkmal von Genies, dass sie eine weit überdurchschnittliche Konzentrationsfähigkeit haben.)

Statt Ideologien von ewiger Output- und Leistungsverbesserung zu nähren, sollten wir besser unsere kognitiven Grenzen akzeptieren (und Hollywoodfilme über hirnerweiternde Wunderpillen meiden). Wir stehen ohnehin vor einem gewaltigen Dilemma: Es ist immer mehr Information vorhanden, während gleichzeitig Jeder immer weniger weiß.

Vom Meister sind wir zum Lehrling abgestiegen und demnächst wartet auf Viele wohl der Status ‚abgeschoben in eine daumenlutschende Fantasiewelt’...

Fazit:

Ein Backlash gegen Totaldigital kommt sicher. Es droht eine noch nie dagewesene gesellschaftliche Spaltung: Auf der einen Seite eine Luxusklasse, die in der Realwelt leben darf. Auf der anderen Milliarden von Armen und Arbeitslosen, denen eine digitale Ersatzwelt zum ‚Lebenherunterbiegen‘ angeboten wird.

Quellen:

http://www.ft.com/cms/s/0/beb88a52-dcb0-11e5-8541-00fb33bdf038.html#axzz41dhl8v1H

http://www.techcentral.co.za/how-digital-spawned-retros-revival/63529/

http://www.digitaltrends.com/cool-tech/sweden-app-enabled-automated-store/

http://www.wired.com/2016/02/vr-moral-imperative-or-opiate-of-masses/

http://www.bbc.co.uk/guides/zshv9qt

http://bigthink.com/videos/james-gleick-the-common-character-traits-of-geniuses

Wieviel bin ich wert?

Jüngst erhielt der App-Entwickler Atom Tickets 50 Millionen Dollar Investorengeld, um zu testen, wie weit man Verbrauchern dynamische Preisgestaltung aufs Aug’ drücken kann. Die Idee klingt überzeugend: Preise werden ständig an die aktuelle Nachfrage angepasst. Bis dato war das mangels Daten nur sehr umständlich möglich (allein händisch die Preisschilder in einem Supermarkt auszuwechseln, ist ein Haufen Arbeit.)

Ein naheliegender Testmarkt sind Kinos; rechnet man alle unausgelasteten Sitzplätze in verkaufte Tickets um, kann man von entgangenen Umsätzen in Milliardenhöhe fantasieren. Es gibt zwar billigere Eintrittskarten am Nachmittag oder an schwachen Wochentagen – aber keine unablässigen Preisänderungen in Echtzeit. Auch im Reiseverkehr und im Sportbereich wird seit Jahren an Ticketpreisen gefeilt.

Bisher haben wir erst die Vorstufe erlebt. Echte dynamische Preisgestaltung will nicht bloß unverkaufte Ware abstoßen, sondern die Preisbereitschaft auf individueller Basis ausloten (um den maximal noch akzeptierten Preis zu eruieren). Aufgrund der digitalen Schleimspur, die wir hinterlassen, kann Software die jeweilige Interessenslage mit der finanziellen Potenz verknüpfen = Kaufwilligkeit.

Die Frage ist, wie Konsumenten auf die Abschaffung von Fixpreisen emotional reagieren. Vielleicht gewöhnen wir uns daran, vielleicht fühlen wir uns beobachtet und hintergangen. Schwer vorherzusehen. Eine klammheimliche Einführung wird nicht funktionieren.

Quelle:

http://knowledge.wharton.upenn.edu/article/the-promise-and-perils-of-dynamic-pricing

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[Walter Braun]
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