TEDxVienna 2017: An der Grenze zur Zukunft
 

TEDxVienna 2017: An der Grenze zur Zukunft

Samuel Colombo

Am Samstag lauschten die Besucher im prall gefüllten Volkstheater den Vorträgen der TEDxVienna, die 2017 unter dem Motto "On the edge" stattfand.

Wer auf der Suche nach Inspiration in Form von kurzweiligen Vorträgen ist, der besucht eine TEDx-Konferenz: Auf den von Non-Profit-Communities organisierten Events finden sich nationale und internationale Vordenker und Exzentriker ein, um einen Einblick in ihr Leben und Arbeiten zu geben. In Österreich gilt die „TEDx Vienna“ als das größte Event dieser Art; und am Samstag lauschten die Gäste erneut im ausverkauften Volkstheater den Talks der Experten – diesmal unten dem Motto „On the edge“: Gemeint ist dabei ein exponentielles Wachstum bei Technik und Wissenschaft, gepaart mit Grenzerfahrungen von Individuen und an den Rand getriebenen Teilen der Gesellschaft.

Entsprechend breit gefächert gestaltete sich der Themenmix der heurigen TEDx Vienna. Begonnen mit Social Media Experten wie Jake Roper, dem Mann hinter dem populären YouTube-Kanal Vsauce3, und dem in Berlin lebenden Künstler/Komödianten Shahak Shapira über persönliche Erfahrungen des Starfotografen David Jay und des ehemaligen Google-Entwicklers Max Hawkins bis zum abschließenden Technologie- und Wissenschaftsschwerpunkt rund um Datenspeicherung in DNA, Blockchain, Quanten-Internet und das mögliche Überleben der Menschheit nach einem globalen Super-GAU. Aufgelockert wurde der inhaltliche Input durch künstlerische Performances wie eine Fahrrad-Show des Extremsportlers Fabio Wibmer und ein – im wahrsten Sinne des Wortes – Drahtseilakt von Christian Waldner (siehe Foto).

Standing Ovations und Viral-Anleitungen

Mehrmals gab es im Lauf des Tages Standing Ovations – unter anderem für David Jay, der seine berührende persönliche Geschichte teilte: Einst ein erfolgreicher Modefotograf, dessen Bilder die Titelseiten diverser internationaler Fashion-Magazine zierten, legte er die Kamera nach 20 Jahren Karriere nieder – um nun durch Unfälle und Krankheiten deformierte Menschen zu fotografieren.

Für Medienschaffende spannend war der Beitrag des Berliner Social Media-Experten Shahak Shapira, der einen Einblick in die Erschaffung viraler Hits lieferte – die einfache Formel dazu lautet „Erkenntnis + Mechanik“, sagt er. Viral verbreitete sich etwa seine Adaptionen von Videos des YouTube-Channels „Boiler Room“, bei denen er Streams von Techno-Partys mit kitschigen 90er Popsongs unterlegte. In einem anderen Fall vermischte er Selfies respektloser Touristen im Berliner Holocaust-Denkmal mit Bildern aus Konzentrationslagern – und setzte damit ein Zeichen gegen die egozentrischen Obsessionen unserer Zeit.

Ein Leben per Zufall

Einen Einblick in ein skurriles Projekt gab wiederum der ehemalige Google-Mitarbeiter Max Hawkins. Er hatte bemerkt, dass sein Leben zunehmend von Algorithmen bestimmt wird, die ihm basierend auf seinem bisherigen Verhalten Vorschläge für seine nächsten Schritte machen. Also programmierte er Apps, die sein Leben per Zufall gestalten: Seine erste App dieser Art rief ein Uber, das ihn ohne sein Wissen an einen zufälligen Ort in San Francisco chauffierte; andere Apps spielten ihm zufällig YouTube-Videos oder Spotify-Songs ab oder wählten für ihn ein zufälliges Facebook-Event an seinem Wohnort aus: „Auf diese Art habe ich viele neue Leute kennengelernt“, sagt er.

Das Highlight der App-Serie war aber wohl eine App, die ihm Städte aussuchte, in denen er mit dem ihm zur Verfügung stehenden Budget leben konnte – was ihn zwei Jahre lang für jeweils zwei bis drei Monate in Metropolen wie Dubai und Mumbai, aber auch in die deutsche Stadt Essen verschlug. Hawkins abschließende Worte verdeutlichen die Ernsthaftigkeit hinter dieser oberflächlich lustigen Geschichte: „Versuchen sie, experimentell zu bleiben“, sagt er: „anstatt im vorgegebenen Pfad des Algorithmus gefangen zu werden.“

Die Besucher werden diese und andere Erkenntnisse des Tages mit nach Hause genommen haben. Und wohl trotzdem dem Algorithmus folgen, wenn er ihnen auch nächstes Jahr wieder einen Besuch der TEDx nahelegt.
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