Tamedia-Tochter 20min und "Heute": Das Bündni...
 

Tamedia-Tochter 20min und "Heute": Das Bündnis der Gratistitel

Tamedia
Tamedia ist bereits in Dänemark und Luxemburg an Gratiszeitungen beteiligt beziehungsweise bringt sie in Eigenregie heraus.
Tamedia ist bereits in Dänemark und Luxemburg an Gratiszeitungen beteiligt beziehungsweise bringt sie in Eigenregie heraus.

Der Schweizer Medienkonzern Tamedia steigt bei der Gratiszeitung Heute ein und will vor allem das Onlineangebot forcieren. Mit 20min.ch hat der Verlag bereits gezeigt, dass er das kann.

Dieser Artikel erschien bereits in der HORIZONT-Ausgabe 27/28 vom 15. Juli. Hier geht's zum Abo.

Lange waren es nur Gerüchte, die durch die Branche schwebten. Hie und da hörte man immer wieder von einem möglichen Einstieg der Schweizer Mediengruppe Tamedia bei Heute. Beide Unternehmen wiesen die Spekulationen immer wieder zurück, in der vergangenen Woche gingen sie dann in die Offensive und verkündeten den Deal: Tamedia übernimmt 25,5 Prozent am Printtitel Heute und 51 Prozent an der Digitalgesellschaft, die hinter heute.at steht. Eva Dichand und Wolfgang Jansky bleiben an Bord und leiten den Heute-Verlag auch in Zukunft. Die Heute-Beteiligung an netdoktor ist davon nicht betroffen. Noch muss die Bundeswettbewerbsbehörde zustimmen, ein Veto der Medienhüter erscheint aber unwahrscheinlich. Was planen die Schweizer also nach ihrem Einstieg in den österreichischen Medienmarkt?

Klar ist bislang: Tamedia will vor allem heute.at pushen. So soll eine News-App, die das Unternehmen im vergangenen Herbst bei seinem Schweizer Gratistitel 20 Minuten eingeführt hat, auch in Österreich angeboten werden. Außerdem soll es einen Austausch von Inhalten geben. „Geplant ist ein Austausch in beide Richtungen. Internationale News, aber beispielsweise auch Geschichten über neue Gadgets oder Stars sind in der Schweiz nicht völlig anders als in Österreich“, sagt Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer. Das Ziel hat "Heute"-Herausgeberin Eva Dichand jüngst klar formuliert: „In drei Jahren wollen wir in Sachen Reichweite orf.at überholt haben“, sagte sie gegenüber dem "trend".

Erfahrung aus der Schweiz

Wenn ein Verlag Heute im Onlinebereich fit machen kann, dann ist es wohl Tamedia. Die Schweizer haben mit 20 Minuten zuletzt gezeigt, was sie können. Im Juni erreichte das Onlineportal der Gratiszeitung erstmals mehr als eine Milliarde Page Impressions, hauptverantwortlich dafür ist die bereits erwähnte News-App. Zwar hat auch 20 Minuten in den vergangenen Jahren Printauflage eingebüßt, die Onlinereichweite konnte das aber auffangen. Und vom Auflagenrückgang sind ohnehin fast alle Schweizer Zeitungen betroffen. Tamedia selbst hat sich in den vergangenen Jahren zum größten Medienhaus des Landes entwickelt und seinen Umsatz von 567 Millionen Schweizer Franken im Jahr 2004 auf inzwischen 1,064 Milliarden fast verdoppelt. 

Eva Dichand und Wolfgang Jansky glauben jedenfalls an das Projekt. „Tamedia ist ein idealer Partner, um die Erfolgsgeschichte von Heute fortzuschreiben“, sagte Dichand nach Bekanntwerden des Deals. „Damit werden Heute und heute.at Teil eines reichweitenstarken Netzwerks von Gratiszeitungen, mit allen Vorteilen eines Inhalte-, Know-how- und Technologie-Austauschs.“

Wieder mehr Tiefgang

Neben der Schweiz ist Tamedia auch in Dänemark und Luxemburg an Gratiszeitungen beteiligt oder gibt sie in Eigenregie heraus. 20 Minuten ist eine klassische Boulevardzeitung, setzt aber stark auf Nachrichten und eigenrecherchierte Geschichten. Laut Branchenexperten wird die Zeitung daher auch relativ häufig zitiert. Spricht man mit Kennern der Schweizer Branche, könnte das auch das Ziel der Tamedia für den österreichischen Markt sein: Heute wieder mehr inhaltliche Tiefe geben. 

Das würde auch zu dem passen, was 20-Minuten-Geschäftsführer Marcel Kohler kürzlich in einem Interview mit werbeplanung.at sagte. Ziel sei es, so Kohler, den Nutzern von heute.at „mehr und bessere Inhalte“ zu bieten.

Josef Trappel, Leiter des Fachbereichs Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg, erklärte in einem vielbeachteten Gastkommentar im Standard, dass Tamedia bei Heute einen langen Atem brauchen werde. „Eine billige Cash-Cow ist Heute auf jeden Fall nicht“, so Trappel. Zunächst müssten sich die Schweizer um die Konkurrenz (Österreich) und das „wackelige Geschäftsmodell“ kümmern – Trappel spielt damit auf den Kanzlerwechsel und womöglich sinkende Anzeigenerlöse durch eben diesen an. 

In welche Richtung es auch immer mit Heute gehen wird, der Einstieg von Tamedia, die ja auch Kaufzeitungen verlegen, ist ein Risiko für die Schweizer. Ausländische Investitionen in österreichische Medien waren zuletzt nicht immer langfristig, so stieg Gruner + Jahr gerade erst bei der Verlagsgruppe News aus und die NZZ musste die ersten Mitarbeiter bei NZZ.at entlassen. Und die Funke ­Mediengruppe streitet sich nun auch schon seit 2014 mit den Dichands über ihre Verträge.
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