‚SVZ‘: Digitaler Neustart unter anderen Vorze...
 

‚SVZ‘: Digitaler Neustart unter anderen Vorzeichen

Interview mit Martin Aistleitner, dem ehemaligen Geschäftsführer der ‚Salzburger Volkszeitung‘ (‚SVZ‘), über Regierungskommunikation, Presse- und Medienförderung sowie ein neues Onlineportal

HORIZONT: Sehen Sie sich aus heu­tiger Sicht noch als Bauernopfer der Presseförderung? Sie sind ja im vergangenen Jahr über zwei verschiedene Barrieren gestolpert: Einerseits hatte die "SVZ" nicht die geforderten zwölf ­Redakteure, zum anderen lag die "SVZ" zum Zeitpunkt der Auszahlung nicht mehr in Printform vor.

Martin Aistleitner: Das eine folgt aus dem anderen und meine Sicht der Dinge hat sich nicht geändert: Als klar war, dass wir die Personalforderung nicht erfüllen können, war es logisch, die Zeitung einzustellen, denn sie war nicht mehr finanzierbar. Im Nachhi­nein über ein Gesetz Fördervoraussetzungen zu ändern, entspricht halt schlicht und einfach nicht dem Vertrauensschutz, der in unserer Verfassung verankert ist, und das ist, unfein ausgedrückt, eine Schweinerei.

HORIZONT: Sie sind mit der "SVZ" über diese Bestimmungen gestolpert. Die "Neue Vorarlberger Tageszeitung" aus dem Haus Russmedia hat es knapp geschafft.

Aistleitner: Ich verwehre mich gegen den Ausdruck „darüber gestolpert“. Das hieße ja, wir hätten etwas übersehen: Das haben wir aber nicht. Die Regierung hat die Voraussetzungen geändert. Vor der tatsächlichen Änderung gab es auch einen anderen Entwurf des Kanzleramtsministers, der hätte auch die "Neue Vorarlberger Tageszeitung" getroffen. Allerdings funktionieren Medien auch ein wenig nach Drohpotenzial. Jenes des Eugen Russ ist wesentlich größer als jenes des Martin Aistleitner. Das Gesetz wurde deshalb nochmals angepasst, um Eugen Russ nicht zu treffen und zumindest eine Million Euro bei uns in Salzburg einzusparen. Die zweite Million hat die Regierung eingespart, indem Herr Wassermann die "Kärntner Tageszeitung" in die Insolvenz führte.

HORIZONT: Ging es nur ums Einsparen?

Aistleitner: Absolut. Das Kanzleramtsbudget ist gering dotiert und wird vor allem für Parteien- und Presse­förderung verwendet. Bei der Parteienförderung wird aus nach­vollziehbaren Gründen nicht gespart, daher musste man bei der Presseförderung ansetzen. Eine andere Möglichkeit wäre gewesen, allen Zeitungen ein bisschen wegzunehmen. Schädigt man allerdings die gesamte österreichische Medienlandschaft, die sich an diese Förderung gewöhnt hat, könnte dies für eine Regierung durchaus unangenehm sein. Wenn es immer weniger Zeitungstitel gibt, wird die Medienvielfalt geringer, aber das ist eine Folge dieser Art der Presse­förderung.

HORIZONT: Welche Förderungsart können Sie sich vorstellen?

Aistleitner: Als in den 1970er-Jahren die Umsatzsteuer für Zeitungen ­eingeführt wurde, führte man als ­Ausgleich die Presseförderung ein. ­Damals betrieben die Parteien selbst noch Tageszeitungen und eine Presseförderung war leichter zu erklären als eine noch höhere Parteienför­derung. Heute gibt es nur mehr eine Parteizeitung, das Neue Volksblatt in Oberösterreich. Daher ist auch eine veränderte Sichtweise auf Presseförderung nachvollziehbar.

HORIZONT: Also keine Presseförderung mehr?

Aistleitner: Es wäre sehr konsequent, die Wirtschaft selbst wirtschaften zu lassen, wie das auch in anderen Branchen geschieht. Der Staat würde Geld sparen und ehemaligen Förderungsempfängern unter Umständen neue Freiräume verschaffen. Wenn nicht gefördert wird, soll dies auch nicht verdeckt geschehen. Die gefährliche Förderung ist ja nicht die Presseförderung, sondern die sogenannte Regierungskommunikation. Und diese ist um ein Vielfaches höher als die Presseförderung.

HORIZONT: Sind Presseförderungen Peanuts im Vergleich zu Regierungs­inseraten?

Aistleitner: Mit rund neun Millionen Euro wird in Österreich die gesamte Förderung für die Printmedien abgedeckt. Auf der anderen Seite steht ein Betrag der, zurückhaltend geschätzt, mindestens fünfmal so hoch ist. Re­gierungsbüros verteilen Inserate im Wesentlichen an zwei, drei Boulevardmedien. Es könnte der Eindruck entstehen, dass es dabei um gewünschte Hofberichterstattung für Politiker oder politische Gruppie­rungen geht. Hier wird Förderung gefährlich.

HORIZONT: Medienförderung – ja oder nein?

Aistleitner: Wenn man nicht fördert, dann auch nicht den ORF. Es kann ja nicht sein, dass man in einen einzigen Fernsehsender, der heute noch nach mehr oder weniger nordkoreanischer Art als Staatssender geführt wird, Unsummen investiert. Private Sender erhalten im Vergleich dazu lächerlich wenig Förderung. Der ­andere Ansatz wäre: Wenn schon der ORF gefördert wird und hohe Summen für Regierungskommunikation ausgegeben werden, muss man das für alle gleich regeln. Das hieße, von den Bürgern einen Medienbeitrag einzuheben. Dieser würde alle Medienarten abdecken. Aber allein den ORF und die Regierungskom­munikation für drei Boulevardtitel zu hüten, das andere kaputt­zusparen, ist der dümmste Ansatz, kostet auch Geld und ist vollkommen sinnlos.

HORIZONT: Dann sind Sie für Medienförderung als Haushaltsabgabe?

Aistleitner: Für die Demokratie ist es gut, wenn man gemeinwirtschaftliche Aufgaben gemeinwirtschaftlich löst – allerdings fair für alle. Dabei darf man nicht vergessen, dass Österreich einer medialen Steuerung unterliegt, die nicht lenkbar ist. Heutzutage übernehmen Player wie Google, YouTube oder Facebook die mediale Veranstaltung. Auf diese Unternehmen hat die österreichische Regierung kaum Einfluss.

HORIZONT: Zurück zur "SVZ": Wie geht es dem Onlineportal svz.at, das Sie vor einem Jahr gegründet haben?

Aistleitner: Das Portal hatte zwei Ansätze: so lokal und bewegt wie nur möglich aufzutreten, und das mit 119 Gemeinden-, Sub- und Videopor­talen. Dieses Projekt ohne Printtitel als Basis zu führen, ist aber nicht ­finanzierbar. Wir haben es daher ­ruhend gestellt und arbeiten gerade an einem Neuauftritt. Dieser wird kein regionales Nachrichtenportal mehr sein, sondern ein Portal mit täglichen Bewegtbildkommentaren und ­ein paar magazinartigen Neben­themen.

HORIZONT: Schwerpunkt und Hintergrund als Videoclip?

Aistleitner: Der Schwerpunkt ist der tägliche Bewegtbild-Kommentar zum Tagesgeschehen. Das Modell Nachricht ist langfristig nicht mehr zu verkaufen. Es ist nicht die Entscheidung zwischen Papier und Online, es ist die Frage des Geschäftsmodells. Die schnelle Nachricht lässt sich weder auf Papier noch digital verkaufen. Dieses Geschäftsmodell ist tot. Da nützen auch Bezahlschranken nichts.

HORIZONT: Papier ist tot, es lebe das Papier?

Aistleitner: Papier wird sich auf die ­Magazinsparte verlagern. Da sehe ich eine sehr lange Zukunft, weil andere Funktionen erfüllt werden. Da geht es um die Haptik oder um den Geruch von Papier. Die Tagesneuigkeiten allerdings erreichen uns bereits vor 9.00 Uhr, ohne dass wir irgendein Papier angreifen, per Handy, iPad und Bildschirm – ohne das wir dafür zahlen müssen. Wir versuchen nun mit der Form des Videokommentars eine Zielgruppe anzusprechen, die als Follower-Gruppe daran teilnimmt und sich am Diskurs beteiligen möchte. Dazu kommen digitale Magazin­themen.

HORIZONT: Erfüllen sie online das, was Print seit Jahren verlautbart zu sein: eine „Warum-Zeitung“?

Aistleitner: Was steht denn wirklich in Printzeitungen? Der viel zitierte Qualitätsjournalismus ist tendenziell die Ausnahme. Im Wesentlichen bilden unsere Tageszeitungen Agenturmeldungen ab.

HORIZONT: Bleiben Sie beim Namen svz.at?

Aistleitner: Wir werden in etwa vier Wochen fertig und unter der Adresse svz.at erreichbar sein, allerdings wird dann "SVZ" eine neue Bedeutung erhalten.  

HORIZONT: Wie werden Sie das Portal finanzieren?

Aistleitner: Wir versuchen ein paar intelligente Ansätze umzusetzen und auch zu testen. Ich glaube nicht daran, dass in digitalen Medien die Fortführung der Printanzeige in Form der Bannerwerbung die große Zukunft ist. Ich glaube nur, dass man in digi­talen Medien Kommunikation und Werbung nutzbringend und intelligent einsetzen kann. Wir hatten schon in der ersten Version von svz.at einen Auto-Konfigurator. Das ist eine sehr wertvolle Art der Werbung, die sich ­einen Schritt vor der Kaufentscheidung abspielt. Hier ist viel möglich.

HORIZONT: Wird es eine Redaktion geben?

Aistleitner: svz.at gehört meiner Werbefirma, der Aida Werbung und Marketing, die über Personalres­sourcen verfügt. Es wird und soll keine herkömmliche Redaktion ­geben. Ich möchte nicht alte Modelle in zukünftige Visionen einbetten. Das ist sinnlos. Es geht darum, schlank und frisch Bewegtbild-Kommentare herzustellen. Wir werden mit wenigen Mitarbeitern auskommen und auskommen müssen.

Dieses Interview erschien bereits am 27. Februar in der HORIZONT-Ausgabe 9/2015. Hier geht's zur Abo-Bestellung.

[Antje Plaikner]
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