Start-ups: "Potenzial wird verkannt"
 

Start-ups: "Potenzial wird verkannt"

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AustrianStartups-Geschäftsführer Christoph Jeschke und Business Angel Werner Wutscher, ehemaliger Generalsekretär im Landwirtschaftsministerium und Ex-Rewe-Vorstandsmitglied, über die Versäumnisse der Politik

HORIZONT: Die Start-up-Initiative AustrianStartups hat im November 2013 ein Visionenpapier für Österreich präsentiert. Was ist bis dato geschehen?

Christoph Jeschke: Mit dem Visionenpapier konnten wir sehr rasch die ­Anliegen und Aufgaben von Austrian­Startups an eine breite Öffentlichkeit bringen. Im Lauf der Monate hat sich aber ein gewisser Realismus im Bezug auf mögliche Dynamik in der Politik eingestellt. Anders gesagt: Wenn man mit Start-ups arbeitet, ist man große Geschwindigkeit gewöhnt. In der Politik höhlt aber der stete Tropfen den Stein. Was uns nicht davon abgehalten hat, mit hoher Intensität weiterzu­arbeiten. Unsere Volunteers haben ein österreichweites Netzwerk geschaffen, das als erste Anlaufstelle für Start-up-Interessierte fungiert, und mit regelmäßigen Start-up-Events über 3.000 Personen angesprochen. Mithilfe eines stark besetzten Beirats, in dem uns auch Werner Wutscher unterstützt, konnten wir unsere konkreten Zielvorhaben schärfen. Wir haben uns eine ­gewisse Stellung als Entree für Studenten, Gründer, Unternehmen, Ministerien und Interessenvertretungen in die Start-up-Welt geschaffen.


HORIZONT: Das Papier hat ambitionierte Vorschläge, von der Einführung eines IT-Unterrichts bis zu einem Start-up-Regierungsbeauftragten. Welche der Forderungen wurden umgesetzt?

Jeschke: Außer der Tatsache, dass das Wort Start-up zweimal im Regierungsprogramm vorkommt, wurde keine der Forderungen umgesetzt. Es ist nach wie vor verwunderlich, dass die wirtschaftliche Notwendigkeit und das ­Potenzial von Start-ups nicht erkannt werden, obwohl sie als die Job- und ­Innovationsmotoren der Zukunft bewertet werden. Eine Studie vom Bundesverband der deutschen Start-ups hat ergeben, dass Start-ups durchschnittlich 3,6 Arbeitsplätze schaffen, während klassische Jungunternehmer im Schnitt 0,8 Angestellte beschäftigen.

HORIZONT: Welche Punkte wären die wichtigsten, die umgesetzt werden ­sollten? Wo brennt der Hut?

Werner Wutscher: Ich glaube, man muss immer das gesamte Ökosystem sehen und es spielen viele Punkte ineinander. Aber aus meiner Sicht ist die Mobilisierung von Privatkapital für Start-ups eine Schlüsselfrage. Das betrifft einerseits die Business Angels, die man mit Steuer-Cuts wie in Großbritannien oder Frankreich mobilisieren muss. Andererseits wären institutionelle ­Anleger wie Stiftungen oder Banken als Investoren gerade für Series B und C ­relevant. Ich meine, dass der darnieder­liegende Kapitalmarkt in Österreich im Bereich Private Equity der Start-up-Szene besonders schadet.


Jeschke: Zu Beginn gilt es, die Erfolgschancen der neuen Start-up-Idee zu überprüfen. Mit einer rasch und unkompliziert abrufbaren Förderung von 20.000 bis 30.000 Euro könnten zwei Gründer über fünf bis sieben Monate das Konzept überprüfen. Neben der steuerlichen Begünstigung für Business Angels würde diese Maßnahme einen wichtigen Push geben.

HORIZONT: Mit Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner hat die ÖVP ­einen neuen Chef. Ist unter seiner ­Führung mehr Initiative in Sachen Start-ups zu erwarten?

Wutscher: Nachdem wir bei den Regierungsverhandlungen für den Start-up-Bereich sehr wenig erreicht haben, kann es nur besser werden. Ich gebe da einen Vertrauensvorschuss. Für Mitterlehner waren junge Gründer auch in der Vergangenheit wichtig. Außerdem ist mit Harald Mahrer erstmalig jemand in der Regierung, der selber in Start-ups investiert hat und das Thema grundlegend kennt. Da muss man nun rasch Klinken putzen und die Anliegen platzieren. Die Politik muss begreifen, dass Start-ups von heute die Hidden Champions von morgen sind.

Jeschke: Auf ÖVP-Seite haben wir das politische Visionspapier an Harald Mahrer übergeben. Er hat sich als ein echter Kenner der Probleme herausgestellt und kann auf erfolgreiche Investments zurückschauen. Wir setzen große Hoffnung auf ihn.

HORIZONT: Herr Wutscher, Sie kennen als ehemaliger Generalsekretär im Landwirtschaftsministerium und als ehemaliges Rewe-Vorstandsmitglied Politik und Wirtschaft sehr gut von ­innen. Wo liegt der Hund begraben, dass Start-ups noch nicht so hoch in der Agenda stehen wie anderswo in der EU?

Wutscher: Das Bild des Unternehmers ist in Österreich nicht attraktiv genug. Das hängt damit zusammen, dass man bei uns noch immer an die Allmäch­tigkeit des Staates glaubt, und es wird auch von der Politik vorgegaukelt, dass der Staat alle Probleme lösen kann. Der Staat soll und muss ordnungspolitische Rahmen setzen, aber das Bild, dass von der Wiege bis zur Bahre alles vom Staat erledigt wird, ist passé.

Jeschke: In der globalisierten und digitalisierten Welt von heute kommt es auf Eigeninitiative und unternehmerisches Denken an. Gründer und junge Unternehmen sind die Labors der ­Zukunft. Wo soll sonst die Innovation herkommen, die wir dringend zur ­Weiterentwicklung unserer Wirtschaft brauchen?

HORIZONT: Herr Wutscher, Sie haben in die beiden ­österreichischen Start-ups Kochabo und MeinKauf ­investiert. In welche neuen Branchen stecken Sie künftig Ihr Geld?

Wutscher: Aus meiner Sicht wird die Digitalisierung noch extrem viele traditionelle Geschäftsmodelle zerstören, ganze Branchen kommen ins Trudeln. Da ist bei industrienahen Dienstleistungen noch viel drin, Schlagwort ­Industrie 4.0. Viele Industrieunternehmen entdecken derzeit, dass Start-ups nicht nur IT- und Marketing-Fuzzis sind, sondern auch für ihre Geschäftsmodelle viel anbieten können. Ein ­weiterer spannender Bereich ist Education, wenn Sie an „Serious Gaming“ denken: Ich kenne aus meiner Zeit als Rewe-Vorstand die Problematik, wie fad die Schulungsunterlagen waren. Hier Mitarbeiter spannend und spielerisch mit Gaming abzuholen, bietet ­riesige Chancen. Außerdem glaube ich stark an Green-ICT-Lösungen, die Lebensgewohnheiten oder die Lebensqualität direkt beeinflussen.

HORIZONT: Heimische Business ­Angels fordern immer wieder steuerliche Anreize. Wie sollten die aussehen?

Wutscher: Eine Schlüsselfrage ist die Verrechnung von Substanzverlusten mit Substanzgewinnen auch über Perioden hinweg. Derzeit können Sie als Business Angel über ein Jahr hinaus diese Möglichkeit nicht nutzen. Das ist ein einzigartiger Wettbewerbsnachteil in ganz Europa. Eine weitere Forderung sind Modelle, wie sie in Großbritannien oder Frankreich bestehen, wo es Steuergutschriften für Investments in Start-ups gibt. Investments in Start-ups sind nun einmal ­Risikokapital, und hier eine steuerliche Abfederung zu ­erreichen, wäre wichtig.

HORIZONT: Das Austria Wirtschaftsservice will mittlerweile pro Jahr 100 Millionen Euro in österreichische Start-ups pumpen. Entspricht das der AustrianStartups-Vision einer zukunftsorientierten Förderlandschaft?

Wutscher: Ich begrüße jedes Investment in die Szene, mir ist nur ein Mix extrem wichtig: Ich schätze die ­Modelle des AWS sehr, aber ich bin der Meinung, dass ein privater Investor, der sein eigenes Geld einsetzt, anders auf ein Unternehmen schaut als ­Förderungsbeamte. Nur ein guter Mix aus ­öffentlichen Geldern und privatem ­Kapital kann zu einem nachhaltigen Erfolg führen.

Jeschke: Den Mangel an Risikokapital in Österreich federt das AWS in einer gewissen Unternehmensphase mit ­seinem Förderprogramm ab. Es ist ­allerdings auch bekannt, dass die Förderungen mit den Marktgegebenheiten mitwachsen müssen: Hier haben wir konkrete Vorschläge gemacht, wie das Förderangebot Start-up-spezifischer, effizienter und rascher abrufbar ­gemacht werden kann.

HORIZONT: Ein Start-up zu gründen, ist unter jungen Menschen sehr hip, so, wie man früher Bands gründete. Ist das nur positiv zu sehen, dass die junge ­Generation sofort ins Wirtschaftsleben einsteigen will, während man früher mal studierte, mal von Tag zu Tag lebte, sich die Hörner abstieß?

Wutscher: Ich stimme Ihnen da nicht ganz zu. Wenn ich international unterwegs bin und sehe, was sich da an ausländischen Unis tut, ist die österreichische Uni-Landschaft weit hinterher. Ich finde die Erfahrungen, die man bei der Gründung eines Unternehmens macht, sind extrem wichtig. Außerdem kenne ich viele Start-ups mit Leuten, die schon ihre Erfahrungen in verschiedenen Managementjobs gemacht haben, bevor sie gründen.

Jeschke: Es wäre beeindruckend, wenn es tatsächlich so viele unternehmerisch denkende Menschen geben würde, wie Sie sagen. Ich sehe es als Chance, dass jeder seine Geschäftsidee so ­einfach wie noch nie in der Geschichte der Menschheit verwirklichen kann. ­Natürlich hat ein früher Einstieg in das Wirtschaftsleben seine herausfordernden Momente beziehungsweise Schattenseiten, aber ich habe bisher keinen einzigen Gründer kennengelernt, der nicht dankbar für die gemachte Erfahrung war. Im Übrigen hat der Großteil der österreichischen Start-up-Unternehmer mit Berufserfahrung gegründet – man denke nur an das durchschnittliche Gründungsalter von 32 Jahren. Wichtig erscheint mir, dass die Gründer Erfahrung sammeln und auch scheitern dürfen. So werden kontinuierlich mehr Start-ups gegründet und auch professioneller geführt werden.

HORIZONT: Jugendkulturforscher Bernhard Heinzlmaier meinte einmal, dass die Start-up-Kultur auch daraus resultiere, dass junge Menschen heute unter hohem wirtschaftlichem Erfolgsdruck stehen. Sehen Sie das auch so?

Wutscher: Das sehe ich differenziert. Ja, es gibt die Start-ups, die Mark ­Zuckerberg kopieren und rasch reich werden wollen, und das ist für mich auch total okay. Aber ich kooperiere mit meinem Unternehmen New Venture Scouting auch viel mit dem Hub Vienna oder Peter Vandor und seinem Social-Impact-Award-Team von der WU. Da sehe ich viele junge Leute, die bewusst einen anderen Weg gehen und denen es nicht um einen engen wirtschaftlichen Erfolg oder um Profit geht, sondern diese Start-ups wollen gesellschaftspolitische Probleme unternehmerisch lösen. Ich sehe daher viele junge Leute, denen es um nachhaltige Erfolge geht.

Jeschke: Das ist von Person zu Person unterschiedlich, denn Erfolgsdruck ist immer eine persönliche Entscheidung, dazu kann mich keiner zwingen. Laut dem Austrian Start-up Report 2013 gründen mehr als zwei Drittel ihr Start-up, weil sie Spaß haben und sich selbst verwirklichen wollen, nur 17 Prozent geben finanzielle Gründe an.

HORIZONT: Start-up-Events in Österreich sind heutzutage voller denn je, ­Medien berichten intensiv, es gibt im Wochenrhythmus neue Investments. Der Großteil der Start-ups überlebt die Startphase aber nicht. Werden da nicht auch viele unerfüllbare Hoffnungen ­geweckt, in die Start-up-Gründer ­stolpern?

Wutscher: Da widerspreche ich entschieden. Mit New Venture Scouting verbinde ich etablierte Unternehmen mit Start-ups, da sehe ich sehr viele Aha-Erlebnisse bei eta­blierten Managern, wenn ich denen das Potenzial von Start-ups erkläre. Es wird noch immer viel zu wenig sachlich über Start-ups berichtet. Zum Zweiten ist die Bilanz nicht so negativ: Die Raab Stiftung hat Zahlen im Detail erhoben und 68 Prozent der neu gegründeten Unternehmen gibt es auch nach fünf Jahren noch – das ist doch beeindruckend.

Jeschke: Der Mythos, dass der Großteil der Start-ups es nicht schafft, wird durch Zahlen widerlegt. Wichtig ist ­allerdings, die naive Vorstellung eines Start-ups, das über Nacht mit einer schnöden App Millionen macht, zu verwerfen. Start-up-Gründer sind tagtäglich mit schwierigen Situationen konfrontiert, und der Vergleich, dass die Arbeit in einem Start-up wie die Fahrt in einer Achterbahn ist, bringt es auf den Punkt. In einem Start-up ­arbeitet man nicht, man lebt es.
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