Start-ups: Die Wahrheit hinter dem Boom
 

Start-ups: Die Wahrheit hinter dem Boom

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Was ist überhaupt ein Start-up und was steckt hinter dem Boom?
Was ist überhaupt ein Start-up und was steckt hinter dem Boom?

Von 30.000 jährlichen Neugründungen sind laut Experten nur ein bis zwei Prozent echte Start-ups. Klare Definitionen fehlen und schwarze Schafe drohen, den neuen Wirtschaftszweig zur Blase zu machen.

Dieser Artikel erschien ebenso im bestseller 3/2016 und wurde am 10. November mit dem ÖZV-Zeitschriftenpreis in der Kategorie „Politik und Wirtschaft“ prämiert. Hier geht's zum Abo des bestsellers.

Damals, in den 1990ern, konnte einen das Gefühl beschleichen, dass jeder junge Mensch Rockstar werden wollte. Sich wie Kurt Cobain die Gitarre um den Hals hängen, in der Garage lärmen, viel Bier trinken und dann einfach mal die Welt erobern. 20 Jahre später heißt das Zauberwort "Start-up". Eine Knalleridee mit den smarten Coder-Freunden bei viel Kaffee am Apple-Notebook programmieren, sie mit ein paar Growth Hacks einmal um den Globus jagen und so reich und berühmt wie Mark Zuckerberg werden -"work hard, play hard" heißt das Lebensmotto einer neuen Generation.

Auch in Österreich, so scheint es, geht ohne Start-ups nichts mehr. Kanzler Christian Kern räumt dem Thema vom Start weg höchste Priorität ein, die Gründer der Vorzeigeerfolge Runtastic und Shpock werden von Bühne zu Cover-Story gejagt, selbst große Unternehmen wie Swarovski oder der ORF wollen ohne hauseigenes Gründerzentrum nicht mehr. Wer den digitalen Tsunami überleben will, muss Start-up machen, hört man überall. Doch können die Jungfirmen diesen Vorstellungen überhaupt standhalten? Studien zeichnen nämlich ein völlig anderes Bild von Start-ups in Österreich. Laut einer Befragung von 120 Personen im Rahmen des "European Startup Monitor 2015" ist jeder dritte Gründer älter als 34 Jahre, 45 Prozent haben weniger als 150.000 Euro Investment bekommen, und 80 Prozent haben im letzten Fiskaljahr weniger als 500.000 Euro Umsatz erwirtschaftet. Und: Niemand weiß eigentlich so genau, wie viele Start-ups es in Österreich überhaupt gibt -auch deswegen, weil eine einheitliche Definition fehlt (siehe Grafiken).

Aufgeblasen?

Laut Wirtschaftskammer gab es 2015 knapp 30.000 Neugründungen in Österreich, doch bei Weitem nicht alle kann man als Start-up bezeichnen -schließlich sind 77 Prozent davon Einzelunternehmen (EPU). Einen Anhaltspunkt, wie viele es denn nun sein könnten, liefern immerhin die Macher des Pioneers Festivals, aber nur für Wien. In ihrer Datenbank finden sich mit Stand Jänner 2016 exakt 318 Wiener Start-ups in sieben Sektoren, die eigenen Angaben zufolge insgesamt 2.392 Mitarbeiter haben. Zum Vergleich: Das Institute for Strategy Development (IFSE) zählte in Berlin im Vorjahr 620 Start-ups mit insgesamt 13.200 Mitarbeitern. Auch hier das Grundproblem: Start-up ist nicht immer gleich Start-up. "Es wird übersehen, dass 'innovativ' nicht zwangsläufig 'technologieorientiert' sein muss", sagt Professor Günter Faltin (Autor von "Kopf schlägt Kapital"), der sich in Berlin intensiv mit dem Thema beschäftigt. "Völlig unbeachtet von der Öffentlichkeit sind die Start-ups, die ich 'konzept-kreativ' nenne. Neben Innovationen aus technologischem Fortschritt kommt die Mehrzahl der Innovationen ja aus anderen Bereichen. Solche Gründungen kommen meist mit viel geringeren finanziellen Mitteln aus, nutzen die Chance von mehr als nur einem einzigen Alleinstellungsmerkmal und gehen arbeitsteilig vor, statt alle Abteilungen ihres Unternehmens selbst aufzubauen."

Solchen Start-ups räumt Faltin gute Aussichten auf unternehmerischen Erfolg ein - anders als jenen, die oft mit riesigen Finanzierungsrunden und fantastischen Bewertungen durch die Schlagzeilen geistern. "Eher 'Blase' sind Gründungen, die rasch hochgezogen, hoch bewertet und auf den schnellen Exit getrimmt werden, aber im Kern mit einem dünnen und wenig überzeugenden unternehmerischen Konzept starten. Dieses Vorgehen wird sich auf Dauer, so denke ich, nicht bewähren", so Faltin.

Wirklich ein Jobmotor?

Mehr als 140 Mitarbeiter bei Runtastic in Linz, rund 75 bei der Flohmarkt-App Shpock: Start-ups werden in Österreich gerne als Jobmotor dargestellt. Auch hier muss man relativieren: Beim "European Startup Monitor 2015" gaben die 120 befragten Gründer im Schnitt 7,5 Arbeitsplätze pro Jungfirma an. Außerdem planen sie, im Laufe des nächsten Jahres durchschnittlich 5,5 weitere Arbeitsplätze zu schaffen -ob sie das auch tun, ist eine andere Frage. Die etwa sieben Arbeitsplätze pro Start-up übertreffen jedenfalls Zahlen aus dem Jahr 2002. Damals kam Gottfried Haber vom Ludwig-Boltzmann-Institut bei der Analyse der volkswirtschaftlichen Effekte von Unternehmensgründungen in Österreich zu dem Ergebnis, dass eine Neugründung in Österreich im Schnitt drei Arbeitsplätze im Unternehmen selbst sowie 1,8 zusätzliche Arbeitsplätze in vorgelagerten Sektoren und zwei weitere Arbeitsplätze durch Kaufkrafteffekte schafft. Unternehmensgründungen seien deswegen für die langfristige Leistungsfähigkeit einer Wirtschaft von großer Bedeutung, da einerseits das Ausscheiden bestehender Unternehmen ausgeglichen werde, andererseits würden zusätzliche Unternehmen aber auch einen zusätzlichen Beitrag zur Wirtschaftsleistung liefern, so Haber.

In die Rechnung aufnehmen muss man die Überlebensrate. Nach fünf Jahren bestehen laut Wirtschaftskammer noch 68 Prozent der österreichischen Unternehmen, etwa ein Drittel muss also wieder zusperren. Bei Start-ups im engeren Sinne, die von Geldgebern als Risikoinvestment eingestuft werden, könnte diese Zahl höher liegen -Fakten dazu gibt es aber keine verlässlichen. Aber auch wenn Jungfirmen gerade im Tech-Bereich erfolgreich sind, haben sie indirekte Effekte auf den Arbeitsmarkt. "Innovative Gründungen schaffen neue Arbeitsplätze, und zwar nicht nur im eigenen Unternehmen, sondern auch bei anderen Unternehmen, die die neuen Chancen erkennen, wie Zulieferer, Komplementäranbieter und Serviceunternehmen", sagt Professor Faltin aus Berlin. "Gleichzeitig führen disruptive Innovationen aber zu einem Abbau von Arbeitsplätzen in den konventionellen Unternehmen. Dies gilt besonders für die Tech-Start-ups, die oft Prozesse automatisieren. In der Vergangenheit führten Innovationen per saldo zu einem Zuwachs an Arbeitsplätzen. Ob dies auch für die Zukunft gilt, ist allerdings offen."

Verbranntes Geld?

Der mediale Hype rund um Start-ups in Österreich hat mittlerweile den Effekt, dass auch immer mehr Wohlhabende tief in die Tasche greifen, um sich Anteile an coolen Jungfirmen zu kaufen. Hier ist aber immer notwendig, strenge "Due Dilligence", also Risikoprüfungen, durchzuführen. Auch im Rahmen der Start-up-Show "2 Minuten 2 Millionen" gibt es Fälle, wo Gründer falsche oder unzureichende Fakten lieferten und Investoren von in der Show gemachten Deals wieder zurücktraten. In der Gründerszene ist es ein offenes Geheimnis, dass gerne mit geschönten Zahlen (etwa was Nutzer angeht) gearbeitet wird. Das Start-up Clozer mit Sitz in Wien, eine Vermittlungsplattform für Sales-Personal, wurde etwa kürzlich überführt, auf seiner Webseite mit falschen Informationen zu arbeiten. Laut "Business Insider" wurden unter anderem Bilder von Stockfotoportalen verwendet, um dem Besucher vorzugaukeln, dass erfolgreiche Sales-Leute, die Produkte im Wert von Hunderten Millionen US-Dollar verkauft haben sollen, Clozer benutzen würden.

Zu einem problematischen Fall hat sich auch das österreichische Start-up kiweno entwickelt. Es kam in die Kritik, weil sich herausstellte, dass die im Netz verkauften Bluttests zur vermeintlichen Feststellung von Nahrungsmittelunverträglichkeiten wissenschaftlichen Standards nicht genügten. "Dieser Test liefert in der Praxis gute Ergebnisse, obwohl er wissenschaftlich noch nicht bewiesen ist", musste das Start-up rund um Gründerin Bianca Gfrei zugeben. Kiweno muss jetzt mehr Geld in die Forschung stecken, die geplante, groß angelegte TV-Werbekampagne im Wert von sieben Millionen Euro (brutto) für das Produkt kam ins Stottern.

Investoren und Konsumenten müssen in dem Boom rund um Start-ups also vorsichtiger werden - wie auch die Medien, die gerne in großen Tönen über die Erfolge heimischer Gründer berichten. "Leider schielen viele Möchtegern-Gründer auf das 'next big thing'. Es mag sein, dass diese Menschen sich wie Zuckerberg fühlen, zum Gründen verführt werden und mit einem schlechten Konzept starten", sagt Faltin. Dass diese dann mit dem Kapital aus Fördertöpfen oder von Investoren gewissenhaft umgehen, ist nicht immer garantiert. "Natürlich nimmt jeder Gründer gern Geld an. Aber Geld verführt auch, Geld für Dinge auszugeben, die nicht zwingend erforderlich sind", so Faltin weiter. "Wenn man große finanzielle Mittel zur Verfügung hat, startet man leicht Marketingaktionen, die zu früh oder verfehlt sind, weil das Konzept für diese Schritte noch gar nicht weit genug ausgereift ist. Und dann wird tatsächlich Geld verbrannt."

Was ist überhaupt ein Start-up?

Die Definitionen, welche Art von Jungfirma überhaupt als Start-up bezeichnet werden kann, gehen teilweise weit auseinander. Der "European Startup Monitor", eine von Google, dem Wirtschaftsprüfer KPMG und dem spanischen Telekomunternehmen Telefónica gesponserte Studie, definiert ein Start-up als Unternehmen, das jünger als zehn Jahre alt ist, eine hochinnovative Technologie und/oder Geschäftsmodell hat und signifikantes Wachstum bei der Zahl der Mitarbeiter und/oder den Verkaufsbeziehungsweise Umsatzzahlen vorweisen kann. In Österreich wiederum arbeitet die staatliche Förderbank aws mit einer anderen Definition: Wer den "Startup-Check" will, dessen Unternehmen darf nicht älter als fünf Jahre sein, hat weniger als 50 Mitarbeiter und einen maximalen Umsatz von zehn Millionen Euro pro Jahr. Und: Man muss gar nicht neu gegründet haben, es geht auch, wenn man ein Unternehmen neu übernommen hat. Bei der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) wiederum werden im Rahmen der "Start-up-Förderung" Einzelprojekte aus Forschung und Entwicklung ohne Einschränkungen oder Bevorzugungen bestimmter Technologiefelder aus allen Wirtschaftszweigen und Branchen unterstützt. Beim "Global Startup Ecosystem Report" hingegen werden junge Firmen erhoben, die in Software (Web, Mobile) machen, aber jene, die etwa auf Hardware, Nanotech oder Biotech setzen, ausgenommen. Heißt unterm Strich: Was ein Start-up ist oder nicht, ist immer Ansichtssache.

[Jakob Steinschaden]
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